Türkei - Mord an Priester aus Christenhass?

 

In der Türkei begann der Prozess gegen einen Schüler, der einen Priester erschossen haben soll. Mutmaßlicher Hintergrund: wachsende Angst vor Christen.

VON GERD HÖHLER

Seit dem Mord an Pater Andrea Santoro macht sich Angst breit - auch weil die Hintergründe des Verbrechens unklar bleiben. Die möglichen Motive des angeklagten 16-Jährigen sind schleierhaft. Der Junge soll in Polizeiverhören die Tat gestanden haben. Angeblicher Beweggrund: Rache zu nehmen für die Mohammed-Karikaturen im Westen. Doch es gibt Zweifel, ob er überhaupt der Täter ist.

 

Die Furcht, christliche Missionare seien dabei, die Türkei zu unterwandern, wird nicht nur in vielen Medien und von den türkischen Nationalisten geschürt. Sie geht sogar in der Regierung um. So erklärte der für Religionsangelegenheiten zuständige Staatsminister Mehmet Aydin kürzlich im Parlament, christliche Missionare versuchten, die türkische Gesellschaft "aufzusplittern" und ihre "religiöse, nationale und kulturelle Einheit aufzubrechen".

 

Aber nicht nur die islamisch geprägten Politiker der regierenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) hat die Christenfurcht ergriffen. Sie grassiert auch unter den Militärs. Ein Geheimbericht der Streitkräfte behauptet, dass protestantische Missionare zehn Prozent der Bevölkerung zum Christentum bekehren wollten - also immerhin sieben Millionen Türken. Sehr weit gekommen sind sie dabei allerdings noch nicht. Nach offiziellen Angaben sind in den vergangenen zehn Jahren weniger als 400 Türken zum Christentum konvertiert.

 

Die angeblich subversiven Absichten der "Ungläubigen", wie Angehörige anderer Religionen im Islam verächtlich genannt werden, müssen als Vorwand dafür herhalten, dass nicht-muslimische Religionsgemeinschaften massiv diskriminiert werden. Religionsfreiheit existiere in der Türkei "allenfalls auf dem Papier", sagt der Botschafter des Vatikan in Ankara, Erzbischof Edmond Farhat. Aber eigentlich gibt es sie nicht einmal auf dem Papier: Nicht-muslimische Kirchen haben keinen gesicherten Status und kein Recht, Eigentum zu erwerben oder zu besitzen. "Unsere Situation bewegt sich vom Schlechten zum Schlechteren", klagt der orthodoxe Patriarch Bartholomaios

 

Christen und Juden können nicht Beamte werden, der öffentliche Dienst bleibt ihnen ebenso verschlossen wie die Offizierslaufbahn. Hunderttausende Nicht-Muslime haben deshalb die Türkei verlassen. So zählte in Istanbul noch 1914 fast jeder zweite Einwohner zu einer christlichen Kirche. Heute liegt der Anteil der Christen bei unter einem Prozent.

 

Auch die EU-Kandidatur der Türkei und Forderungen aus Brüssel nach mehr Religionsfreiheit änderten nichts. Die Situation habe sich nicht verbessert, urteilt Otmar Oehring, der Menschenrechtsbeauftragte des katholischen Missionswerks Missio.

 

Frankfurter Rundschau, 18.5.06, S. 1

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=885334