Türkei:
Fast
jeden Tag ein "Ehrenmord"
In der Türkei sind
nach Regierungsangaben in den vergangenen sechs Jahren
mindestens 1806
Frauen Opfer so genannter Ehrenmorde geworden - fast jeden Tag
eine. Verbrechen
aus verletzter Ehre sind damit offenbar sehr viel stärker verbreitet
als bisher
angenommen.
Athen - Die Zahl von
rund 1800 "Ehrenmorden" in sechs Jahren nannte jetzt die für
Familienpolitik
zuständige türkische
Staatsministerin Nimet Cubukcu. Fachleute gingen bislang von etwa
70
"Ehrenmorden" an türkischen Frauen pro Jahr aus. Eine
Polizeistatistik vom März 2006
bezifferte die Zahl
der Mordopfer, die wegen so genannter Ehrverletzungen sterben mussten, für
die Jahre 2000 bis
2005 auf 1190, davon 710 Männer und 480 Frauen.
Die Angaben von
Staatsministerin Cubukcu in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage
stützen sich auf
Zahlenmaterial des Justiz- und des Innenministeriums. Allerdings dürften auch
diese Angaben viel zu
niedrig gegriffen sein. Denn seit das Parlament Mitte 2005 die Strafen
für Morde aus verletzter Ehre verschärft hat,
werden viele dieser Verbrechen als Selbstmorde
getarnt oder Frauen
in den Suizid getrieben. Nach Angaben von Cubukcu haben sich in den
zurückliegenden sechs Jahren 5375 Frauen selbst getötet.
Cubukcu erinnerte
daran, dass die Türkei unter großem Druck der Europäischen Union und der
Vereinten Nationen
stehe, gegen häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen vorzugehen. Die
Regierung sei
entschlossen, diesen Forderungen nachzukommen, sagte Cubukcu.
Die
Oppositionsabgeordnete Özlem Cercioglu, die eine parlamentarische Anfrage zu
dem
Thema eingebracht
hatte, sagte: "Wir stehen vor einer sehr beängstigenden Situation."
Cercioglu fordert
soziologische Studien, "um die alarmierend hohe Zahl der Selbstmorde
zu verstehen".
Die türkische
Regierung hat im vergangenen Jahr eine Aufklärungskampagne gestartet, um
die Verbrechen aus
verletzter Ehre zu bekämpfen. Diese Verbrechen sind vor allem unter der
kurdischen Bevölkerung
im Südosten der Türkei verbreitet. Sie kamen aber mit der Landflucht
längst auch in die
Großstädte der Westtürkei - und bis nach Deutschland.
Familien stiften
Minderjährige zu Verbrechen an
Schon ein zu kurzer
Rock oder ein flüchtiges Rendezvous mit einem Mann kann für ein junges
Mädchen ebenso das
Todesurteil bedeuten wie eine außereheliche Schwangerschaft, und sei sie
das Ergebnis einer
Vergewaltigung. Häufig werden vom Familienrat Minderjährige mit der
Ausführung eines
"Ehrenmordes" beauftragt, weil diese mildere Strafen zu erwarten
haben.
Mit der
Strafrechtsreform aus dem Jahr 2005 sollen zwar auch die Anstifter als Täter
zur
Rechenschaft gezogen
werden, und die Richter dürfen auch nicht mehr milde Strafen verhängen,
etwa weil das Opfer
den Täter "provoziert" habe. Oft aber kommt es gar nicht erst zu
einer Anklage.
"Häufig werden
solche Verbrechen von der Dorfgemeinschaft gedeckt, man steht vor einer
Mauer des
Schweigens", sagt Naime Kardas von der Organisation Ka-Mer, die
misshandelten
Frauen beisteht.
Dass diese Verbrechen
eine erschreckend hohe gesellschaftliche Akzeptanz finden, belegte
kürzlich eine Studie
der Vereinten Nationen (UN) in der südosttürkischen Provinz Sanliurfa:
Dort gaben rund 30
Prozent der Männer und immerhin 27 Prozent der Frauen in einer Befragung
an, dass sie Morde
aus verletzter Ehre für gerechtfertigt halten.
Gerd Höhler
30.1.07
Quelle: http://www.fr-online.de/top_news/?sid=cfaded9264b740ef59fd485e7351341a&em_cnt=1061704