Türkei: Ausschuss zu "Ehrenmorden "

 

Türkisches Parlament will Gewalt gegen Frauen bekämpfen .

 

Ein Ausschuss des türkischen Parlaments geht so genannten Ehrenmorden nach und soll Wege zur Bekämpfung dieser Verbrechen aufzeigen. Der Abschlussbericht soll in wenigen Wochen fertig sein.

 

ANKARA. Von " Verbrechen, wie man sie nur aus Horrorfilmen kennt, spricht Gaye Erbatur. Die Oppositionsabgeordnete ist Vorsitzende des Parlamentsausschusses, der zum Schutz der Familienehre begangene Morde behandelt. "Das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen und Kinder und die Brutalität der Taten hat uns schaudern lassen", sagt Erbatur. "Unter dem Vorwand, die Familienehre zu schützen, werden Frauen eingesperrt; sie werden bedroht, geschlagen und gefoltert. Manchmal werden ihnen Ohren und Nasen abgeschnitten; sie werden ermordet oder zum Selbstmord getrieben.“

 

Nach einer Schatzung der Vereinten Nationen (UN) fallen jedes Jahr weltweit etwa 5000 Madchen und Frauen "Ehrenmorden" zum Opfer. In der Türkei wird die Zahl auf jährlich 60 bis 200 geschatzt. Mindestens ebenso viele Frauen begehen Selbstmord, weil sie keinen Ausweg mehr sehen, nachdem sie aus einer Zwangsehe geflohen sind, eine voreheliche Beziehung eingingen oder vergewaltigt wurden.

 

Mit der Migration kamen die Ehrenmorde auch in die Großstädte. Bisher konnten die Täter mit milden Strafen rechnen. Auf Mord steht in der Türkei zwar lebenslange Haft, was maximal 24 Jahre bedeutet. Fühlte sich der Täter jedoch "provoziert' konnte das Gericht bislang die Strafe auf ein Drittel reduzieren. Davon mussten in der Praxis nur wenige Jahre abgesessen werden. In vielen Fällen übertrug der männliche Familienrat das Verbrechen minderjährigen Geschwistern, die nicht strafmündig waren.

 

Auf Druck der Europäischen Union (EU) musste die türkische Regierung diese Strafbestimmungen andern. Mildernde Umstände gibt es seit Mitte 2005 weder für Täter noch für Anstifter. Es sei sechs Monate nach Inkrafttreten der Strafrechtsreform noch zu früh zu beurteilen, ob dies die erhoffte abschreckende Wirkung hat, sagt Anke Dietert, Türkei-Expertin bei Amnesty International. Auch sei die Dunkelziffer sehr hoch.

 

"Justiz nicht konsequent genug"

Die Politikerin Gaye Erbatur klagt, die neuen gesetzlichen Regelungen würden bisher von Polizei und Justiz nicht konsequent genug umgesetzt. Unter dem Vorwand, die Privatsphäre zu schützen, werde das Thema häusliche Gewalt tabuisiert, kritisiert sie.

 

In einigen Wochen will der Parlamentsausschuss seinen Abschlussbericht vorlegen. Er wird eine Reihe von Empfehlungen enthalten, wie die Einrichtung einer Notrufnummer für bedrohte Frauen und Mädchen und die Schaffung von Frauenhäusern, in denen sie Zuf1ucht finden können. Zwar verpf1ichtet ein Ende 2004 in Kraft getretenes Gesetz Gemeinden mit mehr als 50.000 Einwohnern zur Einrichtung von Frauenhäusern. Aber die Vorschrift ist langst noch nicht überall umgesetzt. Nach den Normen der EU sollte es je 10.000 Einwohner eine solche Einrichtung geben. Dann gäbe es in der Türkei 7000 Frauenhäuser. Tatsächlich gibt es nur etwa 40.

 

Frankfurter Rundschau, 1.2.06, S. 5