Toleranz gegenüber Anderen erfordert Klarheit über die eigene Identität  

Das Thema Religion und das deutliche Bekenntnis dazu können helfen

VON PETER STEINACKER

In Mitteleuropa hat offenbar eine neue Phase im Zusammenleben der verschiedenen Kulturen, Nationalitäten und Religionen begonnen. Die Ereignisse in Holland, Belgien und in Sinsheim zeigen: Die unbekümmerte Multikulti-Zeit ist beendet. Sie konnte das Aufeinanderprallen von Weltsichten nicht dauerhaft in friedlichen Bahnen halten. Die bislang gültige Idee der multikulturellen Gesellschaft ist an zwei Grundfehlern gescheitert: Sie hat die Bildung von Identitäten vernachlässigt und einen unklaren Toleranzbegriff entwickelt.

Niemand kann ohne eigene Identität Toleranz üben. Identität aber bildet sich durch Abgrenzungen und Unterscheidungen. Sie wächst nicht aus einer verschwimmenden Vielheit. Das haben die Protagonisten des "Multikulti" übersehen, weil sie selber eine Identität hatten. Andere haben das nicht oder nicht mehr, sie sind überfordert.

Der Toleranzbegriff vernachlässigte die Ablehnungskomponente. Toleranz ist weder Indifferenz, der alles gleich und gleichgültig ist, noch schlichte Bejahung.Trotz ihres Scheiterns bleiben die Verdienste der Multikulti-Idee festzuhalten: Sie hat Neugier auf das Fremde geweckt und eine Phase der friedlichen Koexistenz ermöglicht. Sie hat unserer Gesellschaft gezeigt, dass fremde Kulturen unser Land bereichern.

Als Ersatz helfen weder kulturelle Konfrontation noch eine erzwungene Integration. Deshalb liegen diejenigen falsch, die an die Stelle des Dialogs der Kulturen jetzt ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis, oder gar den permanenten Ausnahmezustand, setzen. Aber auch der Vorschlag, einen christlichen durch einen muslimischen Feiertag zu ersetzen, zeugt von Ahnungslosigkeit über Religion.

Deutschland als Zuwanderungsland

Deutschland wird multikulturell bleiben. Aber nicht mehr im additiven Sinn von Parallelgesellschaften sondern in einem integrativen Sinn. Deutschland ist soziologisch kein Einwanderungsland. Es liegt niemandem leer und ungeprägt zu Füssen. Es ist aber ein Zuwanderungsland. Zuwanderer werden gebraucht, und sie werden das Land verändern. Dabei werden sie auch selber verändert. Unterschiede bleiben und sind möglich, sofern das Verhältnis von Identität und Differenz eine lebensdienliche Gestalt bekommt. Grundlage muss die Achtung des Grundgesetzes und des religionsneutralen und pluralistischen Staates sein.

Deutlich rückt das Thema "Religion" in den Vordergrund. Religionen, auch die christliche, haben eine Affinität zu Macht und Gewalt, die sich steigert, je mehr und je höher das Religionssystem sich selber rationalisiert. Religion kann zur Legitimation von Terror und Kriegen missbraucht werden. Auch nicht-religiöse Menschen rücken das Thema Religion in den Vordergrund, denn ihre säkularen Basisformulierungen für Toleranz und Lebensorientierung sind brüchig geworden. Auch die Säkularisierung hat ihre Dialektik. Sie verwandelt sich in das, wogegen sie angetreten ist. Aber die beiden großen Religionen in unserem Land sind in keinem guten Zustand.

Mangel an Lebendigkeit

Den beiden großen christlichen Kirchen gelingt es derzeit nicht gut, ihre dogmatischen Überzeugungen von Gott, von der Bestimmung des Menschen und der Welt zu vermitteln. Im Blick auf ihre rationale Höhe hält die christliche Dogmatik den Vergleich mit jeder philosophischen Theorie aus. Aber offensichtlich fehlt es ihr an Lebendigkeit und an einer unmittelbaren Plausibilität, die den Menschen ins Herz fällt. Tradition bricht ab.

 

Den christlichen Fundamentalisten geht es nicht anders. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Auch ihre Gemeinden bröckeln oder teilen sich, daher sind sie so oft so aggressiv. Der Islam steht in Deutschland enorm unter Druck. Die islamischen Gruppierungen sind unübersichtlich. Oft genügt selbst genaues Hinsehen nicht, um die Geister zu scheiden. Da werden fundamentalistische Bücher vom Zentralrat der Muslime vertrieben, der sich so integrationsbereit gibt. Die rivalisierenden Gemeinschaften müssen sich aufeinander zu bewegen und Gesprächspartner, die ein repräsentatives Mandat haben, benennen. Das würde die Körperschaftsrechte im Sinne unserer Verfassung und einen islamischen Religionsunterricht ermöglichen.

 

Unklar ist das Verhältnis der Muslime zum Grundgesetz und zu den Menschenrechten. Der religionsneutrale demokratische Staat als Prinzip auch für Muslime ist ohne Sachkritik am Koran überhaupt nicht denkbar. Die ist nicht möglich, solange der Koran buchstabengetreu für das unmittelbare Wort Gottes gehalten wird. Die Muslime müssen zumindest in Europa einen Weg finden, wie sie ihr Eintreten für die Menschenrechte und das im Grundgesetz niedergelegte Staatsverständnis mit Koran und Sunna harmonisieren können. Es genügt nicht, als Minderheit im Lande die bestehende Ordnung zu respektieren.

 

Der christlich geprägte Teil unserer Gesellschaft sollte endlich aufhören, im Blick auf Religion und persönliche Überzeugungen an einer werteverschwiegenen Gesellschaft zu bauen. Die Muslime in unserem Land sollten sich auf das politische Fundament und seine Werte einlassen. Das Ziel muss die Integration als volle Mitwirkung an der Gesellschaft sein.

 

Nach: Frankfurter Rundschau, 26.11.04, S. 7

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/fr_home/startseite/?sid=40d19675f4fc8722b50c9d24f83b51a1&cnt=595766