Zehn Tipps für Muslimas, die von zu Hause weglaufen wollen
In letzter Zeit suchen immer mehr Muslimas Zuflucht
in Madchen- oder Frauenhäusern. Die Schicksaale der weggelaufenen Madchen und
Frauen haben mich zu folgendem offenem Brief angeregt, in dem ich Muslimas, die
ebenfalls von zu Hause weglaufen wollen, zehn Tips geben möchte.
1.
Freiheit
ist eine Frage der Entscheidung.
Stell Dir die
folgenden Fragen: Will ich wirklich weglaufen? Warum will ich weglaufen? Gibt
es keine anderen Möglichkeiten? Überleg Dir, ob ein Vermittlungs- versuch
sinnvoll ist. Die Entscheidung, Dein Elternhaus oder das Haus Deines Mannes zu
verlassen, muss triftigere Gründe haben als Deine Unzufriedenheit mit der
derzeitigen Situation zu Hause. Ein Auszug hat für Dich nämlich schwerwiegende Konsequenzen.
Vielleicht schwerwiegendere, als wenn Du bleiben würdest. Darum ist es sehr wichtig, daß Du Dir genug Zeit nimmst,
diese Fragen befriedigend zu beantworten.
2.
Vertrauen.
Mach Dir klar, dass irgendwann
einmal Zweifel an Dir nagen werden, präge Dir aber auch ein, dass das, was Du
zu tun gedenkst, gut für Dich ist. Die Art, wie Du leben willst, lässt sich
nicht mit den Vorstellungen kombinieren, die Dei ne Familie von Deinem Leben
hat. Du musst auch Vertrauen zu anderen haben. Überleg Dir, wem Du vertrauen
kannst. Wähle eine Person, die außerhalb Deiner Glaubensgemeinschaft steht,
einen Erwachsenen, der sein eigenes Leben im Griff hat.
3.
Freunde.
Ohne Freunde wirst Du
nicht überleben. Schließe Freundschaften, lange bevor Du weggehst. Mit
Menschen, denen Du vertrauen kannst. Natürlich gibt es Verwandte oder Glaubensgenossen,
die Deine Lage kennen und Dir versichern werden, dass sie Dich unterstützen
wollen, aber es lässt sich keineswegs ausschließen, dass es in der Realität
anders aussehen wird. Sie leben in Gemeinschaften und erzahlen einander vieles.
Selbst wenn Dich einer von ihnen versteht oder unterstützt, kann es passieren,
daß er oder sie sich aus Versehen verplappert. Außerdem würdest Du diese Person
mit einer doppelten Loyalität belasten. Ganz schnell konnten Deine Fluchtplane
so jedem zu Ohren kommen. Paß also gut auf.
4.
Adresse.
Wenn Du wegläufst,
brauchst Du eine Bleibe. Als Studentin oder Hausfrau hast Du nur ein niedriges
oder gar kein Einkommen. Vielleicht hast Du ja noch nie über (eigenes) Geld verfügen
können. Bei der Wohnungssuche musst Du die Viertel meiden, in denen Leute
wohnen, die Dich erkennen und Deine Eltern oder andere Familienangehörige
informieren könnten. Gib Deine Adresse und gegebenenfalls Deine Telefonnummer
nicht allen möglichen Leuten.
5.
Sicherheit.
Wenn Du von Deiner
Familie bedroht wirst, solltest Du Dir genau überlegen, an welchem Ort Du
wohnen willst. Entscheide Dich für einen Ort, an dem Du möglichst wenig auffällst.
Wenn Du studieren willst, solltest Du Dich für eine große oder mittelgroße
Stadt entscheiden; möchtest Du Dir lieber eine Arbeitsstelle suchen, dann
bietet Dir eine Kleinstadt in größerer Entfernung vom Wohnort Deiner Eltern
mehr Schutz und größere Chancen.
6.
Einkommen.
Kümmere Dich vor
Deinem Auszug um ein Einkommen. Hast Du vor zu studieren, musst Du rechtzeitig eine
Ausbildungsförderung beantragen. Mach Dich sachkundig, wie es um feste Stellen oder Nebenbeschäftigungen an Deinem
künftigen Wohnort steht. Leih Dir möglichst von niemandem Geld, und mach keine
Schulden. Aber das Allerwichtigste für Dich ist zu lernen, wie man mit Geld
umgeht.
7.
Möglichkeiten
im Bildungsbereich.
Ein Nebenjob ist ja
ganz nett, wichtiger aber ist es, daß Du Deine Prüfungen bestehst. Du wirst Dir
selbst immer wieder vormachen, dass es vielerlei Gründe gibt, den Unterricht zu
schwänzen. Mach so etwas möglichst selten! Eine abgesch1osseneAusbildung ist für
Dich die Eintrittskarte zu einer langfristigen Unabhängigkeit
8.
Deine
Sachen.
Wenn Du von zu Hause wegläufst,
kannst Du nicht alles mitnehmen. Da Deine Auszugsplane geheim bleiben müssen,
kannst Du keine größeren Sachen wie Dein Bett, einen Tisch oder einen Stuhl
mitnehmen, geschweige denn Deine ganzen Kleider. Du musst auswäh1en, was Du wirklich
brauchst. Denk an Photos, die Dir wichtig sind, oder an Deine Spardose. Und vergiss
Deinen Pass nicht.
9.
Gemütsverfassung.
Du wirst manchmal
durchhängen, Dich einsam fühlen. Du wirst den Wunsch verspüren, mit Deiner
Familie reden zu wollen. Du wirst ihre Wärme, die Gemütlichkeit, die Selbstverständlichkeit
vermissen. Jede Familie hat ihre wichtigen Momente: Geburtstage, Begräbnisse
oder das Zuckerfest am Ende des Ramadan. An diesen Tagen wirst Du Dich doppelt
einsam fühlen. Mach Dir aber klar, dass es für Dich schwerwiegende Folgen haben
kann, wenn Du Kontakt zu Deiner Familie aufnimmst.
10. Der Auszug.
Deine Eltern wissen
nicht, wo Du bist, und werden sich Sorgen um Dich machen. Sie müssen erfahren, dass
Du aus freien Stücken von ihnen fortgegangen bist. Schreib ihnen einen Brief,
sag ihnen, dass Du sie liebst, aber Dein Leben anders organisieren willst als
sie, daß Du ihr Leben respektierst, aber Deinen eigenen Weg gehen willst. Ruf
sie an. Du wirst regel- mäßig Kontakt mit ihnen aufnehmen wollen - aber sei
vorsichtig, wenn Du sie anrufst. Achte darauf, dass niemand Deine Telefonnummer
herausbekommt. Rufe aus einer öffentlichen Telefonzelle an oder von einem Anschluß,
der keine Nummernwiedergabe unterstützt. Wenn bei einem solchen Anruf andere
Leute in Deiner unmittelbaren Umgebung sind, ist es einfacher, das Gespräch
kurz und sachlich zu halten.
Du musst lernen, in
der Gesellschaft zu funktionieren. Trotz aller Probleme hast Du Deiner
Erziehung auch einiges zu verdanken. Du kannst Dich anderen Menschen anpassen,
und Du hast gelernt, einen Haushalt zu fuhren. Auch weißt Du, was es heißt,
unter schwierigen Bedingungen zu leben und Deinen Willen nicht immer
durchsetzen zu können. Im Gegensatz zu vielen Männern bist Du nicht verwöhnt.
-Aber trotzdem musst Du noch vieles lernen. Sei allem Neuen gegenüber
aufgeschlossen. Es lohnt sich.
»Ich klage an« ist am
19. ,Mai im Piper Verlag. München. erschienen
Quelle: DIE ZEIT, 19.5.05, S.15