Pastoralplanung im Bistum Fulda
Anforderungen
an eine missionarische Gemeinde
Überlegungen
zur pastoralen Situation in der Kernstadt Hanau
Die folgenden Thesen beziehen
sich auf das nordmainische Gebiet der Kernstadt. Die kath. Kirche hat das
Gebiet der Kernstadt in 4 Pfarreien aufgegliedert (St. Elisabeth, Heilig Geist,
St. Josef, Mariae Namen).
These 1
Nach einer McKinsey Studie glauben nur 9,1 % weder an Gott noch an eine höhere Kraft. 43,1 % glauben an eine höhere Kraft, die anderen glauben mehr oder weniger kritisch an Gott. Die Mehrheit in unserem Land (zumindest in den alten Bundesländern) kann somit in irgendeiner Weise als gläubig bezeichnet werden. Die Zukunft des Christentums in unserem Land entscheidet sich voraussichtlich nicht in ev. oder kath. Gettos oder Reservaten. Die Zukunft des Christentums wird von der Fähigkeit der einzelnen Gemeinden abhängen, auf Menschen jenseits der Kerngemeinde zuzugehen, sie anzusprechen und zu erreichen. Mitentscheidend ist die Art und Weise der öffentliche Präsenz einer Kirchengemeinde im Stadtteil.
These 2
Wir leben in Hanau in einer weitgehend weltanschaulich pluralen Umgebung. Nur wenn es den Kirchengemeinden in ihrem sozialen Umfeld, jenseits der Kerngemeinde, gelingt, öffentlich überzeugend zu wirken, wird der Glaube eine Zukunft haben. Wenn eine Kirchengemeinde missionarisch sein will, wird sie viel Energie, Zeit und auch finanzielle Mittel einsetzen, um diese Menschen jenseits der Kerngemeinde anzusprechen und zu erreichen.
These 3
Nach Ansicht von Soziologen entfernen sich die Kirchenmitglieder der Großkirchen immer mehr von der normorientierten "Gnadenanstalt", wie es die Forscher nennen. Untersuchungen weisen auf einen Vertauensverlust von Kirche hin, ähnlich wie bei anderen großen Institutionen. Die Zahl der Teilnehmer der Sonntagsmessen liegt teilweise unter 20%.
Viele Kirchenmitglieder wählen in zunehmenden Maß das aus dem Angebot der Kirchen das aus, was ihnen als Hilfe bei der Bewältigung ihres Lebens erscheint. So werden kirchliche Handlungen an den Wendepunkten des Lebens (Taufe, Trauung, Kommunion, Konfirmation, Beerdigung) gern wahrgenommen ebenso wie Weihnachtsgottesdienste. Nicht mehr kirchliche Gebote und unverzichtbare Glaubenswahrheiten, die von Kirchenleitungen eingefordert werden, scheinen für immer mehr Kirchenmitglieder ausschlaggebend zu sein, sondern die eigene Wahl.
Distanz zur Ortsgemeinde hat mit persönlicher Entscheidung, aber auch mit Lebensschicksal (Trennung, Scheidung - über 54% Ehescheidungen im Main – Kinzig – Kreis in 2002, Wiederverheiratung, Alleinlebende, Alleinerziehende, häufigen beruflich bedingten Umzügen, sozialen Lebensbedingungen u.ä.), persönlicher Glaubensgeschichte und persönlichen leidvollen Erfahrungen mit Kirche zu tun. Eine missionarische Gemeinde ist herausgefordert, auch Zugang zu diesen Menschen zu finden.
These 4
Kirchengemeinde soll nicht nur für die bereits Bekehrten, oder das "problemlose Milieu" da sein, sondern besonders für die Mühseligen und Beladenen. Hilf- und Segensreich wird das Wirken von Gemeinde bei den in der Kirche anerkannte Lebenskrisen (wie: Geburt, Mann-/ Frauwerdung, Eheschließung, Tod) empfunden. Gottesdienst, Sakramente und Ritus sind hier eine wichtige Begleitung für Menschen bei solchen Veränderungen und Krisen. Diese Menschen können dort das Mittragen durch die Gemeinde erfahren.
Es gibt aber eine Reihe von Lebenskrisen, die keinen regulären Ort in Gemeinde, Ritus und Sakrament haben. Hierzu zählen: Trennung, Scheidung, Wiederverheiratung, ledige Mütter, Konfliktschwangerschaften, Abtreibung, Aufgabe des Priesteramtes, Tod zur Unzeit, Arbeitslosigkeit ....
Nicht nur die direkt betroffenen Menschen, sondern auch die Gemeinden sind vielfach durch solche Krisen betroffen und verunsichert. Denn die Lebens – und Glaubensgeschichten dieser Menschen passt nicht in die vorgegebene kirchliche Ordnung. Leicht kann es als erste und einzige Reaktion zu moralischen Verurteilungen kommen. Moralische Verurteilungen allein helfen keiner Seite weiter.
Eine missionarische Gemeinde ist herausgefordert auch für Menschen in solchen Lebenskrisen glaubwürdige Formen des Mittragens und Begleitens zu entwickeln, anzubieten und zu praktizieren.
These 5
In Hanau gehören z. Z. ca. 1/3 den Muslimen bzw. keiner Religionsgemeinschaft bzw. kleinen Gemeinschaften (z.B. Juden, Buddhisten, Bahai, Esoterik.), ca. 1/3 der evangelischen Kirchen und ca. 1/3 der katholischen Kirche an. Diese Zusammensetzung wird sich in naher Zukunft ändern. Denn 50% und mehr der neu eingeschulten Kinder stammen in machen Hanauer Schulbezirken aus dem muslimischen Kulturkreis. In den meisten westdeutschen Großstädten sieht es ähnlich aus.
Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung muß mittelfristig mit einer Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils gerechnet werden. Sowohl Christentum als auch Islam erheben eine Weltgeltungsanspruch und betreiben Mission.
Eine missionarische Gemeinde kommt daher nicht um eine Auseinadersetzung mit dem Islam herum. Sie ist herausgefordert, eine Stellung zum real existierenden Islam vor Ort zu beziehen. Sie wird Umgangsformen mit organisierten Islam (den einzelnen Moscheen) und dem nichtorganisierten Muslimen entwickeln müssen.
These 6
Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung ist davon auszugehen, daß die Vermischung einer multikulturellen Bevölkerung zunehmen wird. Das bedeutet auch, daß es in zunehmendem Maße nicht nur konfessions- sondern auch religionsverschiedene Ehen und Familien geben wird. Durch enge persönliche und familiäre Beziehungen wird es immer mehr zu einem Vergleich zwischen den Religionen kommen. Zwangsläufig werden sich dadurch auch religiöse Vorstellungen mischen.
Eine missionarische Gemeinde ist herausgefordert mit diesem Phänomen umzugehen und den betroffenen Menschen Hilfestellungen für ihr Leben ihren Glauben in religionsverschiedenen Ehen und Familien anzubieten. Ein besonderes heikles Thema wird die religiöse Erziehung von Kindern sein.
These 7
Um den Aufgaben und Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden, ist es sinnvoll,. sich Rechenschaft zu geben, welche Fähigkeiten, Kräfte und Ressourcen in der einzelnen Gemeinde vorhanden sind und wo die einzelne Gemeinde an ihre Grenzen stößt. Es kann sich als sinnvoll erweisen, über die eigenen Pfarrgrenzen hinaus zuschauen. Im Verbund mit anderen Gemeinden können Aufgaben angegangen werden, die eine Gemeinde allein nicht mehr schultern kann.
Es kann für eine missionarische Gemeinde unumgänglich werden, Kooperationen mit anderen Gemeinden, Verbänden oder auch außerkirchlichen Institutionen einzugehen. Dies kann in der Sakramentenpastoral notwendig sein aber auch die Kinder-, Jugend-, Familien-, Bildungsarbeit oder andere Bereiche betreffen.
Dabei gilt es auf der anderen Seite die eigenen Identität und Heimat zu bewahren, aber auf der anderen Seite notwendige „grenzüberschreitende Außenkontakte“ nicht zu unterlassen.
Auch kann eine missionarische Gemeinde prüfen, ob sie sich auf bestimmte Arbeiten im Dienst für ein Dekanat spezialisieren, d.h. Schwerpunkte bilden kann. Dies kann z.B. die Seelsorge für bestimmte Personengruppen sein (Kategorialseelsorge). Auch sollte geprüft werden, ob es innerhalb eines Dekanatsbereichs sonnvoll ist, Personalgemeinden einzurichten.
These 8
Zur Zeit gehört das Bistum Fulda in Deutschland zu den Bistümern, die noch am besten mit Priestern und pastoralen Mitarbeitern ausgestattet sind. Aufgrund des sich auch im Bistum Fulda abzeichnenden Priestermangels und der Altersstruktur der Priester in Hanau ist davon auszugehen, daß in absehbarer Zeit nicht mehr jede Pfarrei "ihren eigenen" Pfarrer haben wird.
Für eine missionarische Gemeinde ist es unerlässlich, vor einer solchen Entwicklung nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist erforderlich, rechtzeitig eine Rahmenordnung für eine priesterlose Gemeinde zu entwickeln. Es gilt zu klären, welche Funktionen Laien in einem priesterlosen Gottesdienst und in der Gemeindeleitung übernehmen können.
Ökumene
http://www.wir-sind-kirche.de/fulda-hanau/Oekumene_Ueberlegungen_zur_Zusammenarbeit.htm
15.02.2004
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