Streit unter Polens Bischöfen

Polens Bischöfe liefern sich eine Schlammschlacht vor den Augen der fassungslosen

Gläubigen.

 

Von Gabriele Lesser, Warschau

«Erzbischöfe bezichtigen sich gegenseitig der Lüge», «Naive Verräter» und «Spione in der

Soutane» eine so schlechte Presse hatte Polens katholische Kirche noch nie. Höhepunkt der

Skandale war bislang der Rücktritt des gerade erst ernannten Warschauer Erzbischofs

Stanislaw Wielgus in der feierlichen Einführungsmesse. Seitdem geht es Schlag auf Schlag.

Jeden Tag tauchen in Polens Medien neue Verdächtige auf, geistern Bischöfe als angebliche

Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes durchs Land.

 

Auch Polens Bischöfe liefern sich eine Schlammschlacht, wie sie die Gläubigen noch

nicht erlebt haben. Der apostolische Nuntius in Warschau, der angeblich den Papst

unzureichend über die Vergangenheit Stanislaw Wielgus aufgeklärt habe, sagt in aller

Öffentlichkeit, dass der Bischof einen Meineid geleistet und ihm und dem Papst nicht die

ganze Wahrheit über seine Geheimdienst-Kontakte gesagt habe. Wielgus wiederum

bezichtigt den Nuntius der Lüge: «Ich habe immer die Wahrheit gesagt und niemandem

geschadet.»

 

Dass sie so ihre moralische Autorität verlieren, haben die Geistlichen schnell eingesehen.

Sie bemühen sich nun um Schadensbegrenzung. «Die Kirche fürchtet nicht die Wahrheit»,

verkündete am Freitag Erzbischof Jozef Michalik, der Vorsitzende der katholischen

Bischofskonferenz Polens. Alle Bischöfe seien damit einverstanden, dass eine kirchliche

Kommission ihre möglicherweise vorhandenen Geheimdienstakten aus kommunistischer

Zeit überprüfe.

 

Zudem sollten in allen Diözesen lokale Untersuchungskommissionen gegründet werden.

In einem Hirtenbrief, der den Gläubigen in den Sonntagsgottesdiensten verlesen wurde,

gaben die Bischöfe zu, dass auch sie sich «wie die ganze Gesellschaft einer

Gewissensprüfung unterziehen» müssten. Allerdings, so schränkten sie ihre Wahrheitsfreude

gleich wieder ein, müsse dieser Prozess mit einer gewissen Vorsicht durchgeführt werden.

«Die Würde des Menschen» dürfe nicht leiden.

 

«Was soll das?», regte sich ein älterer Gottesdienstbesucher nach der Messe auf.

«Die Priester und Bischöfe sollen uns ganz einfach nicht mehr belügen. Ist das zuviel verlangt?»

Ein anderer fiel ihm ins Wort: «Das mit den Kommissionen haben sie uns doch schon Mal

erzählt. Und nichts! Gar nichts! Dabei heisst es doch in der Bibel: An ihren Taten sollt ihr

sie erkennen!»

 

Zensierter Hirtenbrief

Besonders bitter wurde der Kirchgang für die Gläubigen in der zentralpolnischen Diözese

Plock. Dort verlasen die Geistlichen nur eine zensierte Version des Hirtenbriefs. Dass

Stanislaw Wielgus, der frühere Bischof von Plock, mit dem polnischen Geheimdienst

zusammengearbeitet und seine Schuld auch zugegeben habe, wurde ebenso ausgelassen

wie die Parteinahme der Gläubigen für die eine oder die andere Seite, die letztlich zur

Kirchenspaltung führen könne. «Dass sie die Stirn haben, uns noch von der Kanzel aus

anzulügen!», schüttelte eine Gläubige tags darauf den Kopf. Sie hatte im Radio von der

Zensur des Hirtenbriefes gehört. «Ich fasse es einfach nicht! Und die wollen uns noch etwas

von Moral erzählen?»

 

Das Urteil des weltbekannten und auch in Polen hoch geschätzten Kirchenspezialisten

George Weigel fällt denn auch hart aus: «Die katholische Kirche Polens hat versagt.

» Es könnte allerdings noch schlimmer kommen, meint ein Kommentator des Nachrichtenmagazins

Newsweek Polska und beschreibt das drohende Szenario: «Wie der Glaube stirbt…»

 

16.01.2007

Quelle: http://www.tages-anzeiger.ch/dyn/news/ausland/708854.html