Polens Bischöfe liefern sich eine Schlammschlacht vor den
Augen der fassungslosen
Gläubigen.
«Erzbischöfe bezichtigen sich gegenseitig der Lüge»,
«Naive Verräter» und «Spione in der
Soutane» eine so schlechte Presse hatte Polens
katholische Kirche noch nie. Höhepunkt der
Skandale war bislang der Rücktritt des gerade erst
ernannten Warschauer Erzbischofs
Stanislaw Wielgus in der feierlichen Einführungsmesse.
Seitdem geht es Schlag auf Schlag.
Jeden Tag tauchen in Polens Medien neue Verdächtige
auf, geistern Bischöfe als angebliche
Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes durchs Land.
Auch Polens Bischöfe liefern sich eine Schlammschlacht, wie
sie die Gläubigen noch
nicht erlebt haben. Der apostolische Nuntius in Warschau,
der angeblich den Papst
unzureichend über die Vergangenheit Stanislaw Wielgus
aufgeklärt habe, sagt in aller
Öffentlichkeit, dass der Bischof einen Meineid geleistet
und ihm und dem Papst nicht die
ganze Wahrheit über seine Geheimdienst-Kontakte gesagt
habe. Wielgus wiederum
bezichtigt den Nuntius der Lüge: «Ich habe immer die
Wahrheit gesagt und niemandem
geschadet.»
Dass sie so ihre moralische Autorität verlieren, haben
die Geistlichen schnell eingesehen.
Sie bemühen sich nun um Schadensbegrenzung. «Die Kirche
fürchtet nicht die Wahrheit»,
verkündete am Freitag Erzbischof Jozef Michalik, der
Vorsitzende der katholischen
Bischofskonferenz Polens. Alle Bischöfe seien damit
einverstanden, dass eine kirchliche
Kommission ihre möglicherweise vorhandenen
Geheimdienstakten aus kommunistischer
Zeit überprüfe.
Zudem sollten in allen Diözesen lokale
Untersuchungskommissionen gegründet werden.
In einem Hirtenbrief, der den Gläubigen in den
Sonntagsgottesdiensten verlesen wurde,
gaben die Bischöfe zu, dass auch sie sich «wie die
ganze Gesellschaft einer
Gewissensprüfung unterziehen» müssten. Allerdings, so
schränkten sie ihre Wahrheitsfreude
gleich wieder ein, müsse dieser Prozess mit einer
gewissen Vorsicht durchgeführt werden.
«Die Würde des Menschen» dürfe nicht leiden.
«Was soll das?», regte sich ein älterer
Gottesdienstbesucher nach der Messe auf.
«Die Priester und Bischöfe sollen uns ganz einfach
nicht mehr belügen. Ist das zuviel verlangt?»
Ein anderer fiel ihm ins Wort: «Das mit den
Kommissionen haben sie uns doch schon Mal
erzählt. Und nichts! Gar nichts! Dabei heisst es doch
in der Bibel: An ihren Taten sollt ihr
sie erkennen!»
Besonders bitter wurde der Kirchgang für die Gläubigen in
der zentralpolnischen Diözese
Plock. Dort verlasen die Geistlichen nur eine zensierte
Version des Hirtenbriefs. Dass
Stanislaw Wielgus, der frühere Bischof von Plock, mit dem
polnischen Geheimdienst
zusammengearbeitet und seine Schuld auch zugegeben habe,
wurde ebenso ausgelassen
wie die Parteinahme der Gläubigen für die eine oder die
andere Seite, die letztlich zur
Kirchenspaltung führen könne. «Dass sie die Stirn haben,
uns noch von der Kanzel aus
anzulügen!», schüttelte eine Gläubige tags darauf den Kopf.
Sie hatte im Radio von der
Zensur des Hirtenbriefes gehört. «Ich fasse es einfach
nicht! Und die wollen uns noch etwas
von Moral erzählen?»
Das Urteil des weltbekannten und auch in Polen hoch
geschätzten Kirchenspezialisten
George Weigel fällt denn auch hart aus: «Die
katholische Kirche Polens hat versagt.
» Es könnte allerdings noch schlimmer kommen, meint ein
Kommentator des Nachrichtenmagazins
Newsweek Polska und beschreibt das drohende Szenario:
«Wie der Glaube stirbt…»
16.01.2007
Quelle: http://www.tages-anzeiger.ch/dyn/news/ausland/708854.html