Die Übersetzung
heiliger Schriften in die Sprache des einfachen Volkes ist keine harmlose Sache, denn damit wird dem
gemeinen Mann und seiner Frau ein eigenes Urteil in den heiligen Fragen eingeräumt.
Daher die fulminante Wirkung von Martin Luthers Bibelübertragung. Daher das im
strengen Islam geltende Verbot, den Koran überhaupt zu übersetzen. Wenn sich
die deutschen Protestanten also, wie sie jetzt erklärt haben, nicht an dem
katholischen Projekt der Überarbeitung der »Einheitsübersetzung« beteiligen
wollen, geht es nicht um Details, sondern ums Ganze.
Der Eklat hat eine
Vorgeschichte: Die Bezeichnung »Einheitsübersetzung« wird weithin falsch
verstanden. »Einheit« bezieht sich nicht auf eine vorweggenommene Einheit
zwischen Katholiken und Protestanten, sondern auf einen einheitlichen deutschen
Bibeltext für die katholischen Diözesen des deutschsprachigen Raumes. Zwar
haben an der Übertragung der Psalmen und des Neuen Testaments evangelische Experten
mitgewirkt - aber deshalb wurde aus der Sache noch nicht, was manche
katholische Bischofe gewünscht hatten: Jene »ökumenische
(Einheits-)Übersetzung«, die in allen ökumenischen Gottesdiensten die
Luther-Bibel autoritativ - und mit protestantischer Zustimmung - verdrangen
sollte, womit Luthers Text zu einer nebenrangigen Version einer dieser bloßen
»kirchlichen Gemeinschaften« (wie Ratzinger die nichtkatholischen Kirchen
nennt) herabgestuft würde.
Noch während der
katholische Frust über die neue Liebe der Protestanten zu ihrer Luther-Bibel
vor sich hinschwelte, kam das Projekt auf, die »Einheitsübersetzung« zu
überarbeiten. Dafür sprach vieles, denn trotz mancher philologischer Verdienste
fehlte dieser Übertragung jegliche Poesie. („Übersetzung zu Tode, das Ende des
Gedichts«, tadelte der katholische Schriftsteller Arnold Stadler.) Derweil die
Protestanten noch darüber grübelten, wie sie sich an dieser Bearbeitung
beteiligen könnten, ohne sich das Resultat als »amtliche ökumenische
Obersetzung« zurechnen lassen zu müssen, traf aus Rom die Instruktion »Liturgiam
authenticam« ein.
Ihr zufolge müssen
katholische Bibelübersetzungen in die Nationalsprachen künftig im Vatikan
approbiert werden. Das hätte für die Protestanten bedeutet, sich ausgerechnet auf
dem Gebiet ihres Urprinzips (sola scriptura, nur die Heilige Schrift
gilt) der Regel zu unterwerfen, dass - wenn es Spitz auf Knopf steht - nicht
der Urtext die Übersetzung bestimmt, sondern das römisch-katholische Lehramt.
Das Votum der protestantischen Mitübersetzer wäre überdies schon im Ansatz
marginalisiert, zugleich aber wegen ihrer Mitwirkung die Luther- Bibel im ökumenischen
Kontext weiter in den Schatten gerückt worden. Der Ausstieg der Evangelischen
Kirche war also vorherzusehen. Es bleibt die Hoffnung auf die
Selbstauslegungskraft der Bibel -und darauf, dass der Geist in der Tat dort
weht, wo ER es will.
ROBERT LEICHT
Quelle: DIE ZELT, 15.9.05, S. 55