Ruf
nach mehr Mitbestimmung für katholische Basis
Ulm (AP) Mehr Mitsprache für die
Basis haben katholische Laien und Theologen auf dem Katholikentag in Ulm
gefordert. Die massiven Sparzwänge in vielen Bistümern seien eine
Herausforderung, die kein Bischof oder Kardinal alleine bewältigen könne, sagte
der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK),
Heinz-Wilhelm Brockmann, am Donnerstag. Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen
Drewermann forderte die Abkehr von der «Amtsmagie des Priestertums»,
stattdessen müsse dieses Amt «von unten gedacht» werden.
Die Sparzwänge würden sich mit dem
allgemein abnehmenden Vertrauen in die Institution Kirche gegenseitig
verstärken, erklärte Brockmann. Schließlich könne das zum Ausstieg der
besonders Engagierten führen - aus ihrem Amt oder sogar ganz aus der Kirche.
Das ZdK forderte gemeinsame Anstrengung von Laien und Geistlichen, damit die
Kirche ihr Gesicht nicht verliere. Ein wichtiger Punkt sei die Stärkung des
Ehrenamtes. Darin habe die Kirche eine lange und umfassende Erfahrung.
Drewermann warf den katholischen
Bischöfen Ratlosigkeit bei den drängenden Probleme der Zeit vor. Millionen
Menschen wüssten nicht mehr weiter, doch die Bischöfe hätten bei den Themen
Krieg, Einwanderung oder Neoliberalismus nichts entgegenzusetzen. Selbst der
Papst habe US-Präsident George W. Bush empfangen, «ohne ein einziges klares
Wort gegen den Krieg» zu sagen, erklärte der Kirchenkritiker.
Drewermann, der Anfang der 90er
Jahre von seinem Amt als Priester enthoben wurde, nahm an einer
Podiumsdiskussion mit dem französischen Bischof Jacques Gaillot zur Krise des
Priestertums teil. Gaillot war 1995 - nachdem er den Vatikan wegen der Haltung
zu Homosexualität und Zölibat kritisiert hatte - als Bischof von Evreux abgesetzt
und nach Partenia versetzt worden, einer Diözese, die im 5. Jahrhundert unter
dem Sand der Sahara verschwunden war. Gaillot betreibt seitdem die Diözese als
Webseite im Internet.
Gaillot plädierte für einen
verstärkten Dialog zwischen den Religionen. «Wenn eine Kirche arm wird, braucht
sie die anderen Kirchen und Religionen», sagte der Geistliche. Neue Quellen zu
erschließen, sei besser, als Strukturen zu verwalten. Außerdem forderte Gaillot
eine stärkere Einbindung der Laien in der katholischen Kirche. «Die Christen
denken selber», sagte er.
Auch Drewermann forderte mehr Rechte
für die Basis. «Was spricht dagegen, dass wir den Papst selber wählen?», fragte
er. Außerdem verwies er auf den Gewinn, den Religionen ohne Priester erzielt
hätten. Jesus sei aus gutem Grund niemals Priester gewesen. Man müsse weg von
der «Amtsmagie», das Priestertum von unten denken. «Wir müssen die katholische
Kirche überwinden, um Christen zu werden. Womöglich müssen wir sogar das
Christentum überwinden, um zu Gott zu kommen.»
Der 95. Deutsche Katholikentag war
am Mittwochabend mit einer Feier am Ulmer Münsterplatz vor mehreren tausend
Menschen eröffnet worden. Am Donnerstag nahm er seine inhaltliche Arbeit auf.
Zu den rund 25.000 Dauerteilnehmern kamen rund 10.000 Tagesgäste, wie die
Organisatoren mitteilten. Rund 800 Veranstaltungen finden bis Sonntag in Ulm
und Neu-Ulm statt, neben Diskussionen, Vorträgen und Gottesdiensten auch ein
umfangreiches Kulturprogramm.
17. Juni 2004
Quelle: http://de.news.yahoo.com/040617/12/42vfk.html
«Der
Leidensdruck ist sehr groß»
Ulm (AP) Nachwuchssorgen, leere
Kassen und ein allgemeiner Glaubwürdigkeitsverlust der Institution - der
katholischen Kirche in Deutschland geht es nicht gut. Und in diese Krise hinein
melden sich immer wieder - und verstärkt auf dem derzeit laufenden 95.
Katholikentag in Ulm - Kritiker zu Wort, die radikale Reformen fordern. Sie
reichen von der Aufhebung des Zölibats, ökumenischen Abendmahlsfeiern bis hin
zu einer Wahl des Papstes durch alle Gläubigen.
Zwei große Gefahren macht das
Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) für die Kirche aus, die sich
zudem noch gegenseitig verstärken: das abnehmende Vertrauen der
Gesamtbevölkerung in die Institution und die massiven Sparzwänge. Mit den
Einsparungen trifft man aber häufig die ganz besonders engagierten Mitglieder,
wie ZdK-Vizepräsident Heinz-Wilhelm sagt. Diese würden oft demotiviert und
würden resignieren, schließlich sogar aussteigen - aus ihrem Amt oder sogar der
Kirche.
Der katholischen Kirche droht also
das SPD-Syndrom: Man geht Reformen an und verärgert damit sein Klientel, das
sich schließlich abwendet. Für das ZdK gibt es deswegen nur sinnvolle Lösungen,
die Bischöfe und Kardinäle gemeinsam mit den Laien erarbeiten. «Der Zug des
Sparens ist schon angerollt und in manchen Bistümern ist er bereits entgleist»,
sagt Brockmann in Anspielung auf die Alleingänge mancher Bischöfe. Dass die
stark hierarchisch ausgerichtete Kirche der Basis bei der Suche nach Wegen aus
der Finanzmisere Gehör schenken wird, hält Brockmann für wahrscheinlich: «Der
Leidensdruck ist sehr groß.»
Mit seinen Vorschlägen ist das ZdK,
die Organisation der katholischen Laien, noch relativ moderat. Der Theologe und
Psychoanalytiker Eugen Drewermann fordert dagegen gleich die Abkehr von der
«Amtsmagie des Priestertums». Stattdessen müsse das Priestertum «von unten
gedacht» werden. Jesus sei aus gutem Grund niemals Priester gewesen.
Und Drewermann, der Anfang der 90er
Jahre nach massiver Kritik an der katholischen Kirche von seinem Priesteramt
suspendiert wurde und die Lehrerlaubnis entzogen bekam, geht noch weiter: «Was
spricht dagegen, dass wir den Papst selber wählen?», fragte er. «Wir müssen die
katholische Kirche überwinden, um Christen zu werden. Womöglich müssen wir
sogar das Christentum überwinden, um zu Gott zu kommen.»
Der französische Bischof Jacques
Gaillot setzt sich für einen stärkeren Dialog zwischen den Kirchen und
Religionen ein. «Wenn eine Kirche arm wird, braucht sie die anderen Kirchen und
Religionen», sagte der Geistliche, der wegen Kritik am Vatikan 1995 in die
Wüstendiözese Partenia versetzt worden war. Neue Quellen zu erschließen, sei
besser, als Strukturen zu verwalten.
Außerdem verweist Gaillot auf
strukturellen Probleme der Kirche: «Wir haben einen Priestermangel - aber
keinen Bischofsmangel», erklärt er. An diesem Punkt setzt auch die
Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche an. Auf dem Katholikentag müssten endlich
die akuten pastoralen Probleme offen und ohne jedes Tabu zur Sprache gebracht
werden, fordert die Reformgruppe. Schon jetzt seien viele Gemeinden ohne
Priester.
Die Organisation verweist auf
religionssoziologische Studien, wonach in Deutschland mehr als 80 Prozent der
praktizierenden Katholiken für die Aufhebung des Pflichtzölibats seien, die
Frauen-Ordination werde von mehr als 70 Prozent befürwortet.
Außerdem kritisiert die
Reformbewegung die in vielen Diözesen stattfindende Zusammenlegung von
Pfarrgemeinden zu unüberschaubaren Großgemeinden, «da dieser 'Kirchenumbau'
immer noch priesterzentriert ist und nur veraltete Strukturen stabilisiert».
Zur Lösung der Probleme schlagen
sowohl ZdK als auch Wir sind Kirche eine Stärkung des Ehrenamtes vor. Mit einem
priesterlosen Gottesdienst mit Mahlfeier auf dem Katholikentag will Wir sind
Kirche eine Möglichkeit zeigen, «wie auch angesichts des Priestermangels
Gemeinden lebendig bleiben können».
Ein anderer Ansatz ist die
Einführung von mehr demokratischen Strukturen - etwas von Synoden wie in der
evangelischen Kirche. Ob dies jedoch ein Erfolg versprechender Weg aus der
Krise ist, bleibt fraglich. Aus der evangelischen Kirche sind in den
vergangenen Jahren deutlich mehr Menschen ausgetreten als aus der katholischen.
17. Juni 2004
Quelle: http://de.news.yahoo.com/040617/12/42vn9.html