Stimmen zum Katholikentag in Ulm 2004

Ruf nach mehr Mitbestimmung für katholische Basis

Ulm (AP) Mehr Mitsprache für die Basis haben katholische Laien und Theologen auf dem Katholikentag in Ulm gefordert. Die massiven Sparzwänge in vielen Bistümern seien eine Herausforderung, die kein Bischof oder Kardinal alleine bewältigen könne, sagte der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Heinz-Wilhelm Brockmann, am Donnerstag. Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann forderte die Abkehr von der «Amtsmagie des Priestertums», stattdessen müsse dieses Amt «von unten gedacht» werden.

Die Sparzwänge würden sich mit dem allgemein abnehmenden Vertrauen in die Institution Kirche gegenseitig verstärken, erklärte Brockmann. Schließlich könne das zum Ausstieg der besonders Engagierten führen - aus ihrem Amt oder sogar ganz aus der Kirche. Das ZdK forderte gemeinsame Anstrengung von Laien und Geistlichen, damit die Kirche ihr Gesicht nicht verliere. Ein wichtiger Punkt sei die Stärkung des Ehrenamtes. Darin habe die Kirche eine lange und umfassende Erfahrung.

Drewermann warf den katholischen Bischöfen Ratlosigkeit bei den drängenden Probleme der Zeit vor. Millionen Menschen wüssten nicht mehr weiter, doch die Bischöfe hätten bei den Themen Krieg, Einwanderung oder Neoliberalismus nichts entgegenzusetzen. Selbst der Papst habe US-Präsident George W. Bush empfangen, «ohne ein einziges klares Wort gegen den Krieg» zu sagen, erklärte der Kirchenkritiker.

Drewermann, der Anfang der 90er Jahre von seinem Amt als Priester enthoben wurde, nahm an einer Podiumsdiskussion mit dem französischen Bischof Jacques Gaillot zur Krise des Priestertums teil. Gaillot war 1995 - nachdem er den Vatikan wegen der Haltung zu Homosexualität und Zölibat kritisiert hatte - als Bischof von Evreux abgesetzt und nach Partenia versetzt worden, einer Diözese, die im 5. Jahrhundert unter dem Sand der Sahara verschwunden war. Gaillot betreibt seitdem die Diözese als Webseite im Internet.

Gaillot plädierte für einen verstärkten Dialog zwischen den Religionen. «Wenn eine Kirche arm wird, braucht sie die anderen Kirchen und Religionen», sagte der Geistliche. Neue Quellen zu erschließen, sei besser, als Strukturen zu verwalten. Außerdem forderte Gaillot eine stärkere Einbindung der Laien in der katholischen Kirche. «Die Christen denken selber», sagte er.

Auch Drewermann forderte mehr Rechte für die Basis. «Was spricht dagegen, dass wir den Papst selber wählen?», fragte er. Außerdem verwies er auf den Gewinn, den Religionen ohne Priester erzielt hätten. Jesus sei aus gutem Grund niemals Priester gewesen. Man müsse weg von der «Amtsmagie», das Priestertum von unten denken. «Wir müssen die katholische Kirche überwinden, um Christen zu werden. Womöglich müssen wir sogar das Christentum überwinden, um zu Gott zu kommen.»

Der 95. Deutsche Katholikentag war am Mittwochabend mit einer Feier am Ulmer Münsterplatz vor mehreren tausend Menschen eröffnet worden. Am Donnerstag nahm er seine inhaltliche Arbeit auf. Zu den rund 25.000 Dauerteilnehmern kamen rund 10.000 Tagesgäste, wie die Organisatoren mitteilten. Rund 800 Veranstaltungen finden bis Sonntag in Ulm und Neu-Ulm statt, neben Diskussionen, Vorträgen und Gottesdiensten auch ein umfangreiches Kulturprogramm.

17. Juni 2004

Quelle: http://de.news.yahoo.com/040617/12/42vfk.html

 

 

«Der Leidensdruck ist sehr groß»

Ulm (AP) Nachwuchssorgen, leere Kassen und ein allgemeiner Glaubwürdigkeitsverlust der Institution - der katholischen Kirche in Deutschland geht es nicht gut. Und in diese Krise hinein melden sich immer wieder - und verstärkt auf dem derzeit laufenden 95. Katholikentag in Ulm - Kritiker zu Wort, die radikale Reformen fordern. Sie reichen von der Aufhebung des Zölibats, ökumenischen Abendmahlsfeiern bis hin zu einer Wahl des Papstes durch alle Gläubigen.

Zwei große Gefahren macht das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) für die Kirche aus, die sich zudem noch gegenseitig verstärken: das abnehmende Vertrauen der Gesamtbevölkerung in die Institution und die massiven Sparzwänge. Mit den Einsparungen trifft man aber häufig die ganz besonders engagierten Mitglieder, wie ZdK-Vizepräsident Heinz-Wilhelm sagt. Diese würden oft demotiviert und würden resignieren, schließlich sogar aussteigen - aus ihrem Amt oder sogar der Kirche.

Der katholischen Kirche droht also das SPD-Syndrom: Man geht Reformen an und verärgert damit sein Klientel, das sich schließlich abwendet. Für das ZdK gibt es deswegen nur sinnvolle Lösungen, die Bischöfe und Kardinäle gemeinsam mit den Laien erarbeiten. «Der Zug des Sparens ist schon angerollt und in manchen Bistümern ist er bereits entgleist», sagt Brockmann in Anspielung auf die Alleingänge mancher Bischöfe. Dass die stark hierarchisch ausgerichtete Kirche der Basis bei der Suche nach Wegen aus der Finanzmisere Gehör schenken wird, hält Brockmann für wahrscheinlich: «Der Leidensdruck ist sehr groß.»

Mit seinen Vorschlägen ist das ZdK, die Organisation der katholischen Laien, noch relativ moderat. Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann fordert dagegen gleich die Abkehr von der «Amtsmagie des Priestertums». Stattdessen müsse das Priestertum «von unten gedacht» werden. Jesus sei aus gutem Grund niemals Priester gewesen.

Und Drewermann, der Anfang der 90er Jahre nach massiver Kritik an der katholischen Kirche von seinem Priesteramt suspendiert wurde und die Lehrerlaubnis entzogen bekam, geht noch weiter: «Was spricht dagegen, dass wir den Papst selber wählen?», fragte er. «Wir müssen die katholische Kirche überwinden, um Christen zu werden. Womöglich müssen wir sogar das Christentum überwinden, um zu Gott zu kommen.»

Der französische Bischof Jacques Gaillot setzt sich für einen stärkeren Dialog zwischen den Kirchen und Religionen ein. «Wenn eine Kirche arm wird, braucht sie die anderen Kirchen und Religionen», sagte der Geistliche, der wegen Kritik am Vatikan 1995 in die Wüstendiözese Partenia versetzt worden war. Neue Quellen zu erschließen, sei besser, als Strukturen zu verwalten.

Außerdem verweist Gaillot auf strukturellen Probleme der Kirche: «Wir haben einen Priestermangel - aber keinen Bischofsmangel», erklärt er. An diesem Punkt setzt auch die Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche an. Auf dem Katholikentag müssten endlich die akuten pastoralen Probleme offen und ohne jedes Tabu zur Sprache gebracht werden, fordert die Reformgruppe. Schon jetzt seien viele Gemeinden ohne Priester.

Die Organisation verweist auf religionssoziologische Studien, wonach in Deutschland mehr als 80 Prozent der praktizierenden Katholiken für die Aufhebung des Pflichtzölibats seien, die Frauen-Ordination werde von mehr als 70 Prozent befürwortet.

Außerdem kritisiert die Reformbewegung die in vielen Diözesen stattfindende Zusammenlegung von Pfarrgemeinden zu unüberschaubaren Großgemeinden, «da dieser 'Kirchenumbau' immer noch priesterzentriert ist und nur veraltete Strukturen stabilisiert».

Zur Lösung der Probleme schlagen sowohl ZdK als auch Wir sind Kirche eine Stärkung des Ehrenamtes vor. Mit einem priesterlosen Gottesdienst mit Mahlfeier auf dem Katholikentag will Wir sind Kirche eine Möglichkeit zeigen, «wie auch angesichts des Priestermangels Gemeinden lebendig bleiben können».

Ein anderer Ansatz ist die Einführung von mehr demokratischen Strukturen - etwas von Synoden wie in der evangelischen Kirche. Ob dies jedoch ein Erfolg versprechender Weg aus der Krise ist, bleibt fraglich. Aus der evangelischen Kirche sind in den vergangenen Jahren deutlich mehr Menschen ausgetreten als aus der katholischen.

http://www.katholikentag.de/

http://www.zdk.de/

http://www.wirsindkirche.de/

http://www.partenia.org/

17. Juni 2004

Quelle: http://de.news.yahoo.com/040617/12/42vn9.html