Weitere Einschnitte ins soziale Netz sind im Zuge der
Koalitionsverhandlungen nicht ausgeschlossen
VON THOMAS MARON
(BERLIN)
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Union und SPD haben
sich bei der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe verkalkuliert,
Hartz IV wird zur Kostenfalle. Aber eine Reform der Reform allein kann das
Finanzproblem nicht beheben.
Der Bund gibt für Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II) mit 26 Milliarden
Euro rund zwölf Milliarden Euro mehr aus als geplant. Dabei geht es den
Hilfebedürftigen weder zu gut, noch plündern sie in Scharen zu Unrecht die
Sozialkassen. Vielmehr ging der Bund, als er in der Konstruktionsphase der
Megareform die finanziellen Auswirkungen prognostizierte, von überholten
Statistiken aus und dichtete Einsparpotentiale in den Haushalt 2005, die im
nachhinein betrachtet illusorisch waren. De facto wird im neuen Leistungssystem
für die ehemaligen Sozial- und Arbeitslosenhilfe-Empfänger in diesem Jahr in
etwa so viel Geld zum Lebensunterhalt bereitgestellt wie 2004.
Die Hoffnung auf Einsparungen war vor einem Jahr nicht unbegründet, weil die
Arbeitslosenhilfe mit Hartz IV auf Sozialhilfeniveau gesenkt wurde.
Unterschätzt wurde die Zahl der Leistungsberechtigten. Statt prognostizierter
3,4 Millionen ALG-II-Empfänger, zählt die Bundesagentur für Arbeit 4,9
Millionen. Was beide großen Parteien veranlasst, von Missbrauch in großem Stil
zu sprechen, gegen den durchzugreifen sei.
Tatsächlich aber hat sich der Bund dies weitgehend selbst eingebrockt, als er
das Gesetz verfasste. Denn Hartz IV sieht vor, dass alle erwerbsfähigen
Sozialhilfeempfänger aus der Obhut der Kommunen in das vom Bund finanzierte
ALG-II-System wechseln. Als erwerbsfähig gilt laut Gesetz, wer mindestens drei
Stunden am Tag arbeiten kann. Weil dazu deutlich mehr Arbeitslose als
vorhergesagt in der Lage sind, muss der Bund tiefer als ihm lieb ist in die
Tasche greifen.
Zum zweiten wurde die Vermögenssituation der Menschen falsch eingeschätzt, die
Arbeitslosen sind ärmer als gedacht. Wer ALG II beziehen will, muss zunächst
auf eigene Ersparnisse oder das Geld vom Partner zurückgreifen. Deshalb ging
man zunächst davon aus, dass fast jeder vierte Arbeitslosenhilfe-Empfänger nach
dem Start von Hartz IV leer ausgeht. Diese Annahme basierte allerdings auf
Zahlenmaterial von 1998, seitdem hat sich die Einkommenssituation der Menschen
in Deutschland aber kontinuierlich verschlechtert.
Und drittens beobachten Arbeitsvermittler, dass der Erhalt von ALG II als weit
weniger beschämend empfunden wird, als dies bei der Sozialhilfe der Fall war.
Die Folge: Mehr Menschen trauen sich, ihnen gesetzlich zustehende Leistungen
auch in Anspruch zu nehmen. Mit massenhaftem Missbrauch hat all dies nichts zu
tun, die Betrugsquote bei ALG II wird von Sozialwissenschaftlern auf drei bis
fünf Prozent geschätzt, ähnlich hoch wie bei der Sozialhilfe.
Der Bund wird deshalb auch durch schärfere Kontrollen die Kosten von Hartz
nicht in die Nähe der ursprünglichen Planzahlen drücken können. Unklar ist,
welche Auswirkungen es hätte, wenn Eltern wieder stärker gegenüber ihrem
Nachwuchs finanziell in die Pflicht genommen würden. Sowohl Union als auch SPD
wollen unterbinden, dass arbeitslose Jugendliche vermehrt von zu Hause
ausziehen, weil sie mit Hartz IV Anspruch auf ALG II und Unterkunftskosten
haben.
Bleibt die Erkenntnis, dass die Kosten nur dann nennenswert sinken, wenn die
Menschen in Arbeit vermittelt werden. Es sei denn, die große Koalition kürzt
den Empfängern von ALG II die Leistungen. Wohlfahrtsverbände mutmaßen, dass
Union und SPD mit ihrer Missbrauchskampagne weitere Einschnitte ins soziale
Netz vorbereiten.
Union und SPD wollen in einer großen Koalition das Arbeitslosengeld II (ALG II) für Jugendliche bis 25 Jahre einschränken. Die Eltern sollen künftig wieder vermehrt für den Unterhalt ihrer arbeitslosen Kinder aufkommen, auch wenn diese von zu Hause ausgezogen sind. Beide Parteien sehen in einer deutlichen Zunahme von Single-Haushalten jugendlicher Hartz-IV-Bezieher einen Grund für die unerwartet hohen Kosten der Arbeitsmarktreform. tm
nach:
Quelle: Frankfurter Rundschau, 29.10.05, S. 2
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=748388