Kaplan Franz Sieder

Das Sozialwort des ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

Referat beim Seminar der ACUS NÖ am 17. April 2004 in Amstetten

 

Ich möchte einleitend sagen, dass dieses Sozialwort tatsächlich ein Weltereignis ist. Weltweit hat es das noch nie gegeben, dass 14  christliche Kirchen gemeinsam eine sehr umfassende soziale Botschaft herausgebracht haben.

 

Ich möchte einleitend auch sagen, dass dieses „Sozialwort“ auch einen befreiungstheologischen Ansatz hat. Die Befreiungstheologie ist ja keine neue Theologie. Sie hat nur eine neue Methode, Theologie zu machen. Die Befreiungstheologie geht nicht von Grundsätzen und Doktrinen aus, sondern vom Leben – von der konkreten Wirklichkeit. Diese konkrete Wirklichkeit mit all ihren sozialen Spannungen versucht man dann aus dem Licht des Glaubens zu sehen und zu deuten. Das Sozialwort der Kirchen ruft nicht nur die einzelnen Christinnen und Christen zum sozialen Engagement auf und stellt nicht nur moralische Ansprüche an Regierung und Gesellschaft – das Sozialwort ruft besonders auch die Kirchen selbst auf oder nimmt die Kirchen gleichsam in die Pflicht, diese soziale Botschaft vorzuleben. Wenn wir nur verkündigen und zugleich nicht bereit sind, das was wir verkündigen, auch zu leben, dann wird unsere Verkündigung zur Farce.

 

Bischof Maximilian Aichern hat bei der Präsentation des Sozialwortes am 27. November 2003 gesagt: „Dieses Sozialwort ist auch eine Verpflichtung für alle kirchliche Betriebe und Institutionen. Wir müssen versuchen, den Inhalt dieses Sozialwortes vorzuleben und nicht nur zu verkünden. Nach dem Sozialwort die Gesellschaft zu gestalten, heißt auf den Spuren Jesu zu gehen.“

 

Auch der evangelische Bischof Herwig Sturm hat bei der Präsentation etwas Wesentliches gesagt: „Das Sozialwort wird bei manchen Freude und bei manchen Ärger auslösen.“ Bei dieser Aussage von Bischof Sturm musste ich an einen Text der lateinamerikanischen Bischofskonferenz denken, wo es heißt: „Das Wort, das Jesus an die Armen richtet, ruft oft – wenn auch nicht immer – Freude und Dankbarkeit hervor, wogegen das Wort, das er an die Reichen und Mächtigen richtet, häufig Hass und Verfolgung verursacht.“

 

Ich möchte einleitend auch noch sagen, dass die christliche Soziallehre nicht ein Nebenprodukt der Theologie ist, sondern dass sie essenziell zum Wesen der theologischen Verkündigung gehört: Erstens offenbart sich Gott schon im Alten Testament als ein hochpolitischer Gott. Ich möchte nur auf die Stelle im Buch Deuteronomium hinweisen, wo es heißt: „Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrieen zum Herrn, dem Gott unserer Väter und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.“ In Jesus hat sich Gott kompromisslos als ein Gott geoffenbart, der auf Seite der Armen und Bedrängten steht und in Markus 1,14 hat Jesus klar ausgedrückt, um was es ihm letztlich geht, was sein eigentliches Ziel ist. Es heißt dort: „Gekommen ist das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft.“ Der Theologe Walter Kasper bezeichnet das Reich Gottes als die Sache Jesu schlechthin und er sagt, dass wir das Reich Gottes nicht in die jenseitige Welt transferieren dürfen und das Reich Gottes auf dem Hintergrund der Evangelien und der Paulus-Briefe gesehen werden muss im Hinblick auf Gerechtigkeit, Frieden, einem sinnerfüllten und menschenwürdigen Leben für alle Menschen auf unserer Erde.

 

Aus dieser Sicht ist das Reich Gottes natürlich nicht nur in den Herzen der einzelnen Menschen verankert, sondern hat auch eine starke gesellschaftliche und politische Dimension!

 

Unter diesem Gedanken des Wachsens des Reiches Gottes in unserer Zeit möchte ich auch jetzt die konkreten Bereiche des Ökumenischen Sozialwortes erläutern und darlegen.

 

Der erste Bereich heißt

 

Bildung – Orientierung und Beteiligung

 

Ein breiter Zugang zur Bildung gehört zu den grundlegenden Menschenrechten. Bildung kann auch einen wesentlichen Beitrag leisten, um Menschen einen Ausweg aus der Armut zu ermöglichen. Bildung und Ausbildung sind der Schlüssel zu besseren Lebenschancen. Oft haben mir Arbeiterinnen und Arbeiter gesagt: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich.“ Viele von uns kennen noch Zeiten, wo die Matura und ein Hochschulstudium nur Kindern aus gutbürgerlichen Familien möglich war. Ich denke, dass wir so etwas wie einen sozialen Damm errichten müssen, damit wir nicht wieder in solche Situationen zurückfallen. Die Bildung ist auch entscheidend für die Orientierung, die Sinnfindung und die Selbstverwirklichung des Menschen. Es heißt im Sozialwort: Es geht um die Aneignung von Wissen, das es dem Menschen ermöglicht, sein Leben würdig zu gestalten. In den Bildungseinrichtungen und im Bildungsprozess sollen nie die ökonomischen Aspekte im Vordergrund stehen, sondern der Mensch. In dieser großen Gefahr befinden wir uns heute, dass dieses utilitaristische Denken sich auch im Bildungs- und Kulturbereich breit macht. Der Philosoph Jürgen Mittelstraß sagt, dass der Mensch längst nicht mehr das Ziel der Forschung ist. Der Mensch – so Mittelstraß – ist nicht mehr das Subjekt der Forschung, sondern er ist zum Objekt der Forschung geworden. Der Philosoph Adorno spricht von der Kulturindustrie. Die Kulturindustrie soll den Menschen in erster Linie Spaß verabreichen. In Hollywood werden die Filme nicht nach der Intention produziert, wie sie den Menschen nachdenklich machen und bilden, sondern nur wie sie sich gut verkaufen und ein Kassenschlager werden. Dasselbe gilt für die Musicals und auch für viele Magazine. Dadurch dienen diese Bildungseinrichtungen dann aber nicht zur Vervollkommnung, sondern zur Verblödung des Menschen.

 

An das Bildungskapitel schließt sich daher gleich an das Kapitel über die

 

Medien.

 

Radio, Fernsehen und die so genannten neuen Medien haben eine ungeheure Macht über den Menschen. Es bedarf in unseren Demokratien mehr Kontrolle dieser Macht. Die Medien dürfen nicht zu einem Instrument der Wirtschaft werden, um die Menschen zu Konsumtrotteln zu machen. Die Medien sind grundsätzlich ein großer Gewinn für die Menschen und sie könnten enorm zur Bildung beitragen. Die Gefahr ist, dass sie einerseits nur billige Unterhaltung bieten und dass sie andererseits in die Klauen der Wirtschaft kommen und die Menschen dadurch manipuliert werden.

 

Ich vergleiche die Medien öfter mit einem Stierkampf. Der Torero hält dem Stier, der viel stärker ist als er, das flatternde Tuch hin, in das der Stier rennt, weil es ihm sein Instinkt so befiehlt. Durch die Werbung der Medien werden den Menschen auch die flatternden Tücher hingehalten, in die sie dann hineinrennen. Der Stier kann nicht anders, weil er von seinem Instinkt dirigiert wird – der Mensch aber hat einen Verstand – er müsste nicht hineinrennen. Es ist auch unsere Aufgabe, die Menschen kritisch zu machen gegenüber den Medien und sie auch zum medialen Konsumverzicht zu animieren. Am Schluss jedes Kapitels beim Sozialwort sind immer einige Aspekte an die Gesellschaft und an die Kirchen selbst zusammengefasst. Ich möchte bezüglich Bildung und Medien einige dieser Appelle wiedergeben:

 

Die Kirchen sollen auf eine hohe Qualität des Bildungsangebotes achten. Die religiöse und ethische Bildung sind ihre besonderen Aufgaben. Der Religionsunterricht ist eine ganz große Chance, die wir haben. Die Kirchen sollen den Dialog zwischen jungen und alten Menschen herbeiführen und sie sollen besonders die Bildungsprogramme zur Frauenförderung unterstützen. Die Kirchen sollen sich wehren gegen eine Privatisierung des ORF und sie sollen immer bemüht sein, dass sie in den Medien ihre Stimme in der Gesellschaft zu Gehör bringen. Die Kirche soll durch ihre eigene Medienarbeit den Stimmlosen eine Stimme geben – es soll gleichsam durch ihre eigenen Medien die Option für die Armen zum Ausdruck kommen. In den Forderungen an die Gesellschaft wird die unabhängige Berichterstattung hervor gestrichen und vor einer Medienkonzentration gewarnt. Im Bereich der Bildung soll der Zugang zu Universitäten und öffentlichen Bildungseinrichtungen den Angehörigen aller Schichten offen stehen. Es wird eine gute Lehrlingsausbildung gefordert – ein universales Verantwortungsbewusstsein und es wird vor allem eine so genannte politische und wirtschaftliche Alphabetisierung gefordert, damit die Menschen dann dem, was sich in Politik und Wirtschaft abspielt, auch kritisch gegenüberstehen.

 

Ein Kapitel ist dem sozialen Zusammenhalt und den

 

Lebensverbindungen

 

gewidmet. Ich finde das wichtig, weil die Solidarität fast überall abnimmt, das stellt auch die Gewerkschaft immer sehr leidvoll fest. Dass fast die Hälfte der Ehen wieder in Brüche gehen – das ist uns allen auch längst bekannt.

 

Wir hatten vor kurzem in Amstetten von Pax Christi eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Zukunft unserer Jugend – ihre Ängste und Visionen“. Dr. Leo Gabriel, ein Podiumsdiskutant, hat dabei festgestellt, dass die jungen Menschen bei ihren Zukunftsvisionen nur an die eigene Zukunft denken. Es sagt: „Sie sind individualistisch und das Wir-Gefühl ist ihnen verloren gegangen.“ Gründe dafür gibt es viele. Wir sind alle auch vom wirtschaftlichen Denken infiziert und in der neoliberalen Wirtschaft ist Solidarität nicht gefragt.

 

Marion Gräfin Donhöff, sie war die Herausgeberin der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, sagt in einem Buch, wo sie ihr Vermächtnis darlegt: „Das Wesen der Marktwirtschaft ist der Wettstreit und der Motor ist der Egoismus.“ Auch die ganze Spaß- und Wellnesskultur ist nicht förderlich für die Solidarität. Der Theologe Thomas Söding sagte bei der Priesterstudientagung in St. Pölten: „Es ist der Inbegriff der Sünde, wenn es einem nur darum geht, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen – koste es, was es wolle.“ Ich denke da auch an die Definition von Sünde von Johann Baptist Metz: „Sünde ist nichts anderes als die Verweigerung des Menschen am Leid der anderen Anteil zu nehmen.“ Sünde ist verweigerte Solidarität. In diesem Kapitel, wo auch viel über Ehe und Familie ausgesagt wird, gibt es auch Konfliktpotential der verschiedenen Kirchen. Es werden die lebensbedrohenden Entwicklungen genannt: dazu gehören Abtreibung und die Reproduktionsmedizin. Hier gibt es zwischen den Kirchen unterschiedliche Positionen. Auch die Euthanasie wird angesprochen. Hier gibt es eine einheitliche Meinung aller Kirchen. Alle treten für ein menschenwürdiges Sterben ein – für eine Kultur der Solidarität mit den Sterbenden und alle lehnen jede Forum von Euthanasie ab. Es wird überhaupt die Solidarität mit den Kranken und Behinderten, mit den Obdachlosen und ganz besonders mit den AusländerInnen und den Flüchtlingen eingefordert.

 

Als Aufgabe für Kirche und Gesellschaft wird in diesem Kapitel Folgendes gefordert: Die Kirche soll vor allem die jungen Menschen zu tragfähigen und dauerhaften Beziehungen ermutigen. Die Kirche soll Gastfreundschaft und Toleranz üben sowie Räume für Begegnung und Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Die Kirche soll zur Vergebung bereit sein und solche, die in ihrer Ehe gescheitert sind, nicht ausgrenzen. Die Kirchen sprechen sich gegen jede Form der Gewalt aus. Sie verurteilen besonders Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die Kirche bemüht sich um Integration von Menschen, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Von der Gesellschaft wird eine menschenwürdige Familien- und Sozialpolitik gefordert – keine Unterschiede in der Bezahlung von Männern und Frauen. Hier wird auch der arbeitsfreie Sonntag gefordert, damit gerade an diesem Tag die Familie die Möglichkeit hat, miteinander zu kommunizieren und damit über die Familie hinaus Gemeinschaften und Vereine ihre Solidarität pflegen können.

 

Solidarität liegt nicht nur am Wollen und an der Gesinnung einzelner Menschen. Solidarität braucht auch Strukturen.

 

Ich möchte am Schluss dieses Kapitels auch noch hinweisen auf die Notwendigkeit weltweiter Solidarität. Martin Luther King hat einmal gesagt: „Wir müssen lernen, als Brüder und Schwestern miteinander zu leben oder wir werden alle als Narren zugrunde gehen.“ Voriges Jahr hat im Fernsehen Helmut Zilk einmal den Sänger und Liedermacher Konstantin Wecker interviewt. Am Ende des Interviews sagte Zilk zu Wecker: „Können Sie in einem Satz noch eine Vision sagen, die Sie für die Zukunft zu haben?“ Nach kurzem Nachdenken sagte dann Wecker: „Meine Vision ist, dass in Hinkunft der amerikanische Präsident nicht mehr sagt: Gott segne Amerika – sondern – Gott segne die Welt.“

 

Ein kurzes Kapitel ist auch den

 

Lebensräumen

 

gewidmet, in denen die Menschen angesiedelt sind.

 

Die Lebensqualität der Menschen kann auch sehr abhängen vom Lebensraum, in dem die Menschen leben. In Niederösterreich ist zum Beispiel das Waldviertel ein sehr benachteiligter Lebensraum. Die Jugend wandert ab, weil sie dort keine Arbeit findet. Die traditionelle Dorfstruktur hat sich auch wesentlich verändert. Durch die Autos sind die Menschen mobiler geworden. Auch im kirchlichen Bereich hat sich vieles verändert. Die Volkskirche stirbt und bröckelt sehr stark ab. Auch die Nichtbesetzung von Pfarren bewirkt eine Ausdünnung des kirchlichen Lebens. Kleine Landwirtschaftsbetriebe sind nicht mehr lebensfähig. Die Landwirtschaft lebt vor allem auch von den Unterstützungsgeldern der EU. Die Armut gibt es nicht nur in den Städten – es gibt auch viel versteckte Armut auf dem Land. Es gibt Gebiete, wo die Kirche nur mehr sehr rudimentär präsent ist. Bezüglich der Lebensräume sollten die Kirchen folgende Herausforderungen für sich sehen: Die Kirche sollte den Menschen gerade im ländlichen Raum Begegnungsräume anbieten und eine besondere Aufmerksamkeit den jungen Menschen widmen. Die Kirche soll auch bemüht sein, weiter das religiöse Brauchtum zu pflegen. Die Kirche steht positiv zur so genannten Agenda 21: das heißt für eine Politik, die die Eigenverantwortung in den Regionen und Gemeinden stärkt. Von der Gesellschaft wird ein Ausbau der Infrastruktur für industrieschwache Gebiete gefordert, um die Abwanderung zu stoppen. Auch die Bildung und Weiterbildung sollen in strukturschwachen Gebieten bewusst gefördert werden. In den Städten spielt das „AusländerInnenproblem“ zusehends eine Rolle und da ist es besonders auch eine Aufgabe der Kirche, eine Gesinnung der Toleranz und der Gastfreundschaft den Ausländerinnen und Ausländern gegenüber zu fördern. Die Kirche soll in den Städten, wo immer mehr Menschen zur Kirche auf Distanz gehen oder stillschweigend emigrieren, eine phantasievolle Pastoral entwickeln. Die sozialen und caritativen Dienste der Kirche – besonders durch die Caritas – sind in den Städten wahrscheinlich noch wichtiger als auf dem Land. Wenn wir von Lebensräumen sprechen, dann darf auch der Lebensraum Europa nicht unerwähnt bleiben. Hier gibt es zaghafte Bemühungen einer stärkeren kirchlichen Begegnung zwischen den Ländern. Es sind aber tatsächlich nur Ansätze. Heuer war die österreichische Weihnachtspastoraltagung in Salzburg zum Thema Europa. Professor Zulehner sagte dort, dass es notwendig wäre, ein europäisches Pastoralinstitut zu errichten. Die Kirche hat in Europa eine Brückenfunktion. In den Forderungen an die Gesellschaft geht es vor allem auch darum, dass aus dem bloß wirtschaftlichen Europa ein soziales Europa entsteht.

 

Das zentrale Kapitel im Sozialwort steht unter dem Thema

 

Arbeit – Wirtschaft – soziale Sicherheit.

 

Die Wirtschaft ist an sich etwas Positives und Notwendiges. Sie schafft die Grundlagen, die wir zu einem anständigen und menschenwürdigen Leben brauchen. Schlecht wird die Wirtschaft dann, wenn sie kein Instrument für den Menschen mehr ist, wenn nicht mehr die Versorgung der Menschen das Ziel ist, sondern nur mehr das Gewinnstreben. Früher haben wir unsere Wirtschaft „soziale Marktwirtschaft“ genannt. Wenn wir ehrlich sind, war das auch nicht die ideale Form, denn wirklich um den Menschen ist es auch bei der sozialen Marktwirtschaft nicht gegangen. Bei der sozialen Marktwirtschaft hat es aber noch starke soziale Gesetze gegeben, die die Ausbeutung des Menschen durch den kapitalistischen Wirtschafts- und Marktmechanismus gemildert und entschärft haben. In der heutigen neoliberalen Wirtschaft gibt es aber den Markt total. Heute droht der soziale Damm zu bersten. Die Wirtschaftsverantwortlichen möchten immer mehr die sozialen Schranken abbauen – sie möchten immer mehr in den heiligen Bezirk des Humanen eindringen und ohne Rücksicht auf Verluste Gewinne machen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger August Friedrich von Hajek ist der Vater dieser neoliberalen Wirtschaft. Er sagt: Der Markt ist ein Gewinnspiel – und er gibt dabei zu, dass nur einige bei diesem Gewinnspiel die Gewinnerinnen und Gewinner sind – die meisten sind Verliererinnen und Verlierer. Hajek versteigt sich sogar soweit, dass er sagt: „Die Naturgesetze des Marktes sind wie die Naturgesetze in der Biologie. Es ist ein evolutionärer Prozess, wo sich einfach der Stärkere durchsetzt und wo nur die Stärksten überleben.“ Die Veränderung besteht vor allem darin, dass die bisherige bewusst sozial gesteuerte Marktwirtschaft umfunktioniert wird zu einem totalen Markt. Die Steuerung durch Sozialgesetze und Gewerkschaft will man immer mehr ausschalten.

 

Diese neoliberale Wirtschaft hat begonnen mit Magret Thatcher und Ronald Reagan. Sie tobt sich heute fast auf der ganzen Welt aus. Am stärksten betroffen von dieser Art von Wirtschaft sind jene Länder, wie die afrikanischen, die in diesen Markt nichts einzubringen haben. Wer in den Markt nichts einzubringen hat, der / die ist uninteressant und bleibt draußen. Die Gewerkschaft als Anwältin der arbeitenden Menschen will man schwächen. Frank Stronach hat wörtlich gesagt: „Ich weiß, was die goldene Regel ist. Wer das Geld hat, der macht auch die Regel.“

 

Die Katholische Kirche hat diese Form des Wirtschaftens schon längst verurteilt. In der Kirchlichen Soziallehre sind immer zwei grundlegende Forderungen aufgestellt worden. Die eine heißt: „Der Mensch soll im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen.“ – und die zweite Forderung heißt: „Die Arbeit hat immer Vorrang vor dem Kapital.“

 

Übersetzt heißt das, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter die Bestimmenden der Wirtschaft sein sollen und nicht die KapitaleigentümerInnen. Wenn die Kirche heute nur einigermaßen dem Evangelium treu sein will, dann kann und darf sie gar nicht mehr mit dieser neoliberalen Wirtschaft lavieren und Kompromisse schließen. Die Kirchen sind gefordert, klar zu sagen, auf welcher Seite sie stehen.

 

Die Erwerbsarbeit ist nach wie vor ein prägender Teil der Identität des Menschen und deshalb dürfen wir uns auch niemals mit der Arbeitslosigkeit abfinden. Ein Phänomen ist auch, dass immer mehr Arbeit durch Maschinen und Technologie wegrationalisiert wird. Wenn die Arbeit weniger wird und die Zahl der Arbeitslosen steigt, dann kann und soll die christliche Logik nicht heißen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und künstliche Bedürfnisse zu schaffen, die dem Menschen dann einsuggeriert werden. Die Logik auf dem Hintergrund des Evangeliums kann nur heißen: Teilen – die vorhandene Arbeit auf alle aufteilen. Es gibt dann halt in Zukunft keine 40-Stunden-Woche mehr, sondern nur mehr eine 20-Stunden-Woche. Es soll natürlich dann auch jede und jeder so viel Lohn bekommen, dass er / sie damit menschenwürdig leben kann. Auch das Volksvermögen soll gerechter verteilt werden und eine so genannte Wertschöpfungsabgabe wäre im Sinne der Gerechtigkeit dringend nötig. Das Sozialwort fordert auch eine Grundsicherung für alle, ob wir diese Grundsicherung nun „Basislohn“ oder anders nennen, ist nicht entscheidend. Unsere Gesellschaft ist in den letzten 30 Jahren von Jahr zu Jahr reicher geworden. Dieser gesellschaftliche Reichtum muss es ermöglichen, dass jede und jeder in unserem Land so viel bekommt, dass er und sie anständig leben kann.

 

Eine besondere Sensibilität sollen wir auch entwickeln, wenn Frauen viel schlechter als Männer bezahlt werden und auch auf Methoden in der Arbeitswelt, die es früher in dieser Form nicht gegeben hat, z. B. das Mobbing in der Arbeitswelt. Es sind dies psychische Foltermethoden, wo Arbeiterinnen und Arbeiter – aber auch Angestellte und Leute aus höheren Etagen, wenn sie unbequem werden, durch psychischen Terror fertig gemacht werden, bis sie oft selbst kündigen. Zu mir hat eine Managerin gesagt, die einen ManagerInnenkurs gemacht hat, dass bei diesen Kursen das Mobbing gelehrt wird. Die Arbeit sollte eigentlich zur Selbstverwirklichung des Menschen beitragen – die Wirklichkeit ist aber so, dass sie für die meisten nur ein reiner Job ist – ein Mittel zum Geldverdienen. Bei der sozialen Sicherheit weist das Sozialwort besonders auch darauf hin, dass die Kranken- und Pensionsversicherung nicht ausgehöhlt werden darf. Diese Sozialversicherungen geben dem Menschen auch ein großes Stück an Freiheit. Es wird gewarnt vor privaten Versicherungssystemen. Wörtlich heißt es im Sozialwort: „Unter dem Vorwand der Unfinanzierbarkeit die Risken zu privatisieren und damit die Schwächeren überdurchschnittlich zu belasten, bedroht den solidarischen Zusammenhalt.“ Die Armut soll permanent bekämpft werden und es ist notwendig, soziale Netze zu knüpfen, damit nicht noch mehr Menschen unter die Armutsgrenze fallen. In den Forderungen weisen die Kirchen besonders auch auf die Verkaufsstellen der Dritte-Welt-Produkte hin, auf den fairen Handel und auf die ökologische Landswirtschaft. Auch bei ihren Geld und Vermögungsanlagen sollen die Christinnen und Christen auf ethisches Investment achten. Gewarnt wird auch vor dem „schlanken“ Staat. Alles, was Dienst am gesamten Volk ist, gehört nicht in die Hände von profitorientierten PrivatunternehmerInnen. Neue Gesetze sollen einer Sozialverträglichkeitsprüfung unterzogen werden und der arbeitsfreie Sonntag, der den Kirchen heilig ist, darf nicht auf dem Altar des Profits geopfert werden.

 

Die letzten Kapitel stehen unter der universalen Verantwortung der Christinnen und Christen. Es geht um

 

Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

 

Das Ziel ist ein Friede in Gerechtigkeit. Verelendung und soziale Konflikte sind vielfach die Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen. Niemals dürfen Kriege im Namen der Religion ausgetragen werden. Die aktuellen Terrorismusgefährdungen werden allzu schnell mit religiösen Unterschieden in Zusammenhang gebracht. Die christlichen Konfessionen setzen sich motiviert vom Evangelium immer für gewaltfreie Lösungen ein. Die Kirchen fordern auch auf, jegliches Friedensengagement von den verschiedensten Bewegungen zu unterstützen. Die Kirchen bekennen sich auch zur Neutralität Österreichs und betonen, dass wir gerade als neutrales Land eine ganz spezielle Aufgabe in der internationalen Versöhnungsarbeit haben.

 

Bisher war der Friedensbegriff ein negativer Friedensbegriff. Unter Friede wurde der Zustand des Nicht-Krieges verstanden. Dieser Friedensbegriff ist unzureichend. Der neue Friedensbegriff ist eine fortschreitende Realisierung aller demokratischen und sozialen Grundrechte der Menschen. Schon Papst Paul VI. sagte in seiner Enzyklika „Populorium Progressio“: „Der Friede besteht nicht einfach im Schweigen der Waffen und auch nicht einfach im immer schwankenden Gleichgewicht der Kräfte. Er muss Tag für Tag aufgebaut werden mit dem Ziel einer von Gott gewollten Ordnung, die eine vollkommene Gerechtigkeit unter die Menschen herbeiführt.“

 

Ein entscheidender Aspekt für einen Frieden im Sinn des Evangeliums ist auch die Gesinnung der Feindesliebe. Der Theologe Johann Baptist Metz sagt: „Wirklicher Friede ist erst dann möglich, wenn ich nicht nur die Leiden des eigenen Volkes in Betracht ziehe, sondern auch die Leiden des Feindes. Ein umfassender Friedensbegriff schließt auch den Frieden mit der Natur und den Frieden mit den kommenden Generationen ein. Auch sie sollen eine Welt vorfinden, in der sie menschenwürdig leben können. Das Sozialwort betont daher besonders auch die Nachhaltigkeit des sozialen Handelns und die ökologische Verantwortung. Es werden immer wieder auch gerechtere Wirtschaftsstrukturen gefordert – Strukturen, durch die die Kluft zwischen Arm und Reich nicht größer, sondern kleiner wird, und Strukturen, die der permanenten ökologischen Zerstörung Einhalt gebieten. Der Dichter Erich Fried hat einmal gesagt: „Wenn wir wollen, dass diese Welt so bleibt wie sie ist, dann wollen wir, dass sie nicht mehr bleibt.“ Wir alle wissen: Diese Welt ist Krieg – ist Zerstörung – ist Ausbeutung des Menschen und der Natur. Wir wollen eine andere Welt. Das internationale Sozialforum, das sich heute schon fast über alle Länder der Welt erstreckt, hat das Motto: „Eine andere Welt ist möglich.“ Vor allem wir Christinnen und Christen glauben, weil Gott auf unserer Seite ist, dass eine andere Welt möglich ist.

 

Ich möchte schließen mit einem Appell des französischen Dichters und Philosophen Albert Camus an die Christinnen und Christen. Camus war selbst nicht Christ, aber er spürte – wenn es zu einer positiven Veränderung der Welt kommt, dann können wir diese in erster Linie von den Christinnen und Christen erwarten. Er sagt: „Wir können zwar nicht verhindern, dass diese Welt eine Welt ist, in der Kinder gemartert werden, aber wir können die Zahl der gemarterten Kinder verringern – und wenn Sie als Christinnen und Christen uns dabei nicht helfen, wer soll uns dann helfen?“