Soziale Nöte der Menschen nehmen zu
Magdeburg (ddp-lsa). Die Hemmschwellen für den Besuch der
Bahnhofsmission, einer Kleiderkammer oder Suppenküche sinken. In Magdeburg sind
die Hilfsangebote von Diakonie und Caritas immer gefragter. Seit fast zwei
Jahren spüren die Einrichtungen der beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände wie
auch anderer Organisationen stetig steigenden Zuspruch. Die sozialen Nöte der
Menschen seien größer geworden, sagt Schwester Erika Tietze, Leiterin der
Stadtmission der Evangelischen Kirche. Kleiderkammer und Essensangebote würden
weitaus mehr angenommen als in der Vergangenheit. «Es liegt nicht daran, dass
wir bekannter geworden sind», lautet ihr Fazit. Vielmehr spüre sie bei den
Gästen ihres Hauses deutliche Existenzängste. Sozial Schwache versuchten, jede
Möglichkeit zu nutzen, Dinge preiswert oder kostenlos zu bekommen. Im Stadtbild
von Magdeburg sieht Schwester Erika nach ihrem subjektiven Eindruck mehr
Bettler.
Die Betroffene suchen offensiver als lange Zeit Kontakte, um ihrer
misslichen Lage zu entfliehen. «Sie kommen oftmals mit dem täglichen Leben
nicht mehr zurecht», sagte Adelheid Bornhold, Leiterin des Kontaktcafés im
Sozialzentrum Mutter Theresa des Caritasverbandes und Chefin der ökumenisch
betriebenen Bahnhofsmission. In manchen Einrichtungen habe die Zahl der sozial
Schwachen, die Unterstützung suchen, um mehr als die Hälfte zugenommen.
Beispiel für diese Entwicklung ist die Bahnhofsmission. In ihr suchen seit der
Erweiterung der EU verstärkt Menschen aus Osteuropa Unterstützung, auch
Asylbewerber finden sich ein. Das Kontaktcafé im Stadtteil Cracau bietet
Bedürftigen drei Mahlzeiten am Tag. «Immer mehr Familien nutzen dieses Angebot,
um preiswert zu essen», berichtet Adelheid Bornhold. Die Zeiten, in denen vor
allem Obdachlose und Alleinstehende zu Gast waren, seien vorbei. 50 Cent kostet
eine Mahlzeit. Die Menschen, durchschnittlich 50 bis 60 kommen täglich, sollen
sich nicht als bloße Almosenempfänger fühlen. «Allerdings schicken wir niemanden
weg und drücken in besonderen Fällen auch mal ein Auge zu», erklärt die
Leiterin des Cafés.
Die Teestube der Stadtmission hat ihre Arbeit wieder aufgenommen. Wegen
Finanzierungsproblemen war sie mehr als ein halbes Jahr geschlossen. Während
der Woche finden dort Magdeburger Möglichkeiten zum Gespräch, können sich über
Hilfsangebote informieren. Zugleich versteht sich die kleine Teestube als
Angebot zur Suchtberatung.
Stadtmission und Kontaktcafé unterhalten eigene Kleiderkammern. Beide
seien gut gefüllt, berichten Erika Tietze und Adelheid Bornhold. Die Spendenbereitschaft
lasse nur wenige Wünsche offen. Gerade Kirchgemeinden denken an beide
Einrichtungen, wenn sie Kleidung sammeln. Zudem haben die Wohlfahrtsverbände
der Stadt keine Berührungsängste untereinander. Erhält der eine beispielsweise
einmal zu viele Lebensmittel, dann wird umverteilt.
Das ursächliche Problem aber bleibt, schätzt Adelheid Bornhold ein. Es
sei die Orientierungs- und Hilflosigkeit, die nach der Einführung von «Hartz
IV» deutlich werde. Erika Tietze macht sich Sorgen wegen der steigenden Zahl
sozial Schwacher. «Irgendwie muss es uns dauerhaft gelingen, von der reinen
Versorgung zur Selbsthilfe zu kommen», lautet ihre Überlegung. Dabei findet sie
es schade, wie wenig Betroffene sich ehrenamtlich engagieren. Wenn es gelänge,
diese Mauer zu durchbrechen, wäre allen ein Stück weit geholfen.
29. November 2005
Quelle: http://de.news.yahoo.com/29112005/336/soziale-noete-menschen-nehmen.html