Soziale
Gerechtigkeit – Unwort des Jahres
Von REINHOLD
MICHELS
Bürger, hört die Signale
Dieter Rickert, ein Mächtiger der deutschen Wirtschaft,
plant eine Stiftung "Klarheit in die Politik". Eine millionenschwere
Kampagne soll Bürger aufklären und Abgeordneten reformpolitisch Beine machen.
DÜSSELDORF.
Dieter Rickert dreht mit am großen Rad der deutschen Wirtschaft. Wo immer in
den Vorstandsetagen eine Position neu zu besetzen ist, wann immer ein Manager
der Premium-Klasse zu neuen beruflichen Ufern drängt, ist Rickert als
Führungspersonal-Vermittler (angloamerikanisch: Headhunter) erste Adresse. Ein
Wirtschaftsmagazin sortierte ihn jetzt unter "Die 50 Mächtigsten" im
Lande. Der 63-Jährige, der sein Netzwerk von Grünwald bei München aus gesponnen
hat, könnte es sich gut gehen lassen, sein respektables Golf-Handikap 15 weiter
zu senken versuchen und dem Summen deutscher Arbeitsbienen gelassen lauschen.
Rickert will
aber mitsummen, jetzt erst recht. Denn seit Oktober 2002, als die knapp bestätigte
Regierung Schröder auf die ökonomische Stolperstrecke ging, ärgert sich Rickert
nach eigenen Worten dramatisch über die Angst der Politiker vor den Bürgern und
der eigenen Courage. Die Spitzen der Politik wüssten genau, was dem Land Not
tue, indes, sie trauten sich nicht oder nur ungenügend, unangenehme Wahrheiten
auszusprechen.
Dies möchte
Rickert mit einer gemeinnützigen Stiftung "Klarheit in die Politik"
tun. Deshalb hat der Mann mit exzellenten Verbindungen zu den großen und
vermögenden Entscheidern der Wirtschaft viele Kontakte aufgenommen: Rickert
schrieb Vorständen und Aufsichtsräten der 30 Dax-Unternehmen, den Chefs der
hundert umsatzstärksten deutschen Firmen sowie Wirtschafts-Sachverständigen und
erklärte seine Idee: Einen Rat der Weisen ins Leben rufen, der sagen soll, was
"erstens, zweitens, drittens" zu tun ist, dann alle Bürger
professionell aufklären, damit sie ihren furchtsam-zögerlichen Abgeordneten auf
die Bude rücken und reformpolitisch Beine machen.
Rickert strebt
eine millionenschwere Medien-, PR- und Werbekampagne an, die ökonomisch
dringend Gebotenes einfach (Rickert: "auf Boulevardblatt-Niveau")
erklärt. Der Ideengeber nennt Beispiele: "Sind sechs Wochen Jahresurlaub
wirklich nötig? In den USA sind es zwei, sind die Amerikaner deshalb weniger
gesund? Oder: "Von drei Brüdern gehen zwei regelmäßig zur Arbeit, einer
sitzt zu Hause, trinkt Bier und glotzt TV. Werden die Zwei den Einen auf Dauer
finanzieren wollen? Rickert verlangt mehr Leistungsdenken: "Was habe ich
mich bei Elternsprechtagen geärgert über das Schüler-Stress-Gejammere, manchen,
die ihre Aufgaben nicht machen, gehört etwas hinter die Löffel."
Als
erfolgreich empfände er seine Stiftung, wenn nach zwei Jahren Aufklärung und
Druck auf Politiker "Soziale Gerechtigkeit" zum Unwort des Jahres
gewählt würde. Soziale Gerechtigkeit gebe es nicht, weil Menschen von
unterschiedlicher Begabung und Leistungsbereitschaft seien. Wichtig sei soziale
Fairness, also gleiche Startbedingungen.
Die Hälfte der
rund 450 angeschriebenen Wirtschaftskapitäne antwortete Rickert; drei Viertel
davon erklärten, sie teilten seinen Kurs für mehr Klarheit und Wahrheit. Im
Juli soll das Schiff in See stechen.
Egal, ob
Designer-Sarg oder Schlichtmodell - jedermann sollte nach Ansicht des Reformers
Rickert das notwendige Geld für seine Beerdigung selbst zurücklegen. Eine
Versicherung auf Sterbegeld erscheint ihm völlig widersinnig, da das
Versicherungsprinzip - eine Gruppe trägt gemeinsam das Risiko, dass Einzelnen
von ihnen etwa widerfährt - sich nicht mit der 100prozentigen
Rheinische Post vom 16.5.03
Quelle: http://www.rickert-online.de/presse/rp160503.html
Hattig: „Soziale Gerechtigkeit“ ist Unwort des Jahres
Osnabrück
Der Bremer Wirtschaftssenator Josef Hattig (CDU) hat
vorgeschlagen, den Begriff „soziale Gerechtigkeit“ zum Unwort des Jahres zu
erklären.
In einem Interview der
„Neuen Osnabrücker Zeitung" (Samstagausgabe) sagte Hattig zur Begründung,
die Vokabel sei „verkommen" und diene lediglich dazu, „irgendwelche
Besitzstände zu verteidigen". So werde „nahezu jede Art qualifizierten
Nachdenkens" verhindert. Der CDU-Politiker forderte dazu auf, „wirklich
einmal darüber nachzudenken, was sozial und was gerecht ist". In diesem
Zusammenhang griff er auch die Gewerkschaften an, die ihre Tarifpolitik damit
begründeten, dass sie die Nachfrage fördere. Hattig: „Wo ist denn diese
Nachfrage geblieben?".
Der CDU-Politiker, der lange
Jahre die Becks-Brauerei leitete und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen
Post AG ist, bezeichnete die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland als
„depressiv“ und verlangte dringend vertrauensbildende Maßnahmen. Das Wort
Steuererhöhung dürfe von der Politik „überhaupt nicht mehr in den Mund
genommen" werden. Das „Riesenproblem" der Politik sei, dass sie sich
fast nur noch mit dem Wie statt mit dem Was beschäftige. „Berechenbar sein,
heißt, nicht am Montag erzählen, was man am Dienstag widerruft und am Mittwoch
wieder neu darstellt", erklärte er.
Die Gesellschaft müsse davon
überzeugt werden, dass eigenes Handeln mit eigenem Geld besser sei als die
„Betreuung" durch den Staat, der den Bürgern vorher das Geld abnehme. Das
bedeute, dass die Staatsquote zurückgeführt werden müsse. Dafür seien die
Staatsausgaben zu reduzieren und zu konzentrieren, und das gelte auch für
Subventionen aller Art.
07.12.2002
Quelle: http://www.neue-oz.de/_archiv/noz_print/interviews/2002/12/1207.html