Sozialabbau in Hessen – Protest des ev. Kirchenkreises Hanau
HANAU
Resolution an Roland Koch / Kleineres Diakonisches Werk
Die angedrohten Zuschusskürzungen des Landes standen auch
bei der Kreissynode des Kirchenkreises Hanau-Stadt im Mittel- punkt der Diskussion.
In einer Resolution verlangen die Synodalen die Rücknahme der Streichliste.
HANAU .9. OKTOBER
.Erschüttert zeigten sich die Mitglieder der Kreissynode Hanau- Stadt auf ihrer
Tagung im Gerneindezentrum der Evangelischen Marienkirchengemeinde über die
geplante Streichliste der Landesregierung. Daraus resultierte die gemeinsame
Forderung an Ministerpräsident Koch, die angedrohte Streichung der Zuschüsse
zurückzunehmen.
Pfarrer Horst Rühl
betonte in einer An- dacht, dass es hier nicht um die Sicherung irgendwelcher
Stellen gehe, sondern vor allem um Menschen, »die uns anvertraut sind." Im
Blick auf die Schuldnerberatung, die von den Kürzungen besonders betroffen ist,
hob Rühl das Ziel der Beratung hervor: "Es geht uns darum, diesen Menschen,
die zu uns kommen, dabei zu unterstützen, wie- der selbständig gehen zu können."
Die Sparbeschlüsse nannte Rühl »gezielte Kürzungen." Die Entwicklung habe
gezeigt, dass sich die Verantwortlichen in den Kirchen immer mehr Gedanken über
die Menschen machen müssten, die sie betreuen. Die Kirche, so stellte Rühl
klar, werde sich ihrer Verantwortung diesen Menschen gegenüber nicht
entledigen.
Dekanin Claudia
Brinkrnann-Weiß erklärte, dass es sich bei den Kürzungen um eine Zerschlagung
von bewahrten Hilfsangeboten handle. Es gelte nun für jeden, seine Stimme zu
erheben und massiv zu protestieren. Brinkrnann-Weiß: »Wir als Christen dürfen
zu dieser Politik nicht schweigen."
Bis Mitte nächsten
Jahren müsse der Kirchenkreis ein neues Konzept erarbeiten, um auf die
Zuschusskürzungen, die sich von 2004 an auf mindestens 300000 Euro belaufen.
reagieren zu können. Einen finanziellen Ausgleich könne die Kirche. die schon
jetzt sehr viel Geld in die Beratungsstellen investiere. nicht leisten. Sie müsse
aber bereits feststellen. dass es künftig ein kleineres Diakonischen Werk geben
werde. Doch auch weiterhin werde die Kirche "an der Seite der Schwachen
und Schwächsten stehen."
Auch Monsignore Dr.
Norbert Zwergel von der Katholischen Pfarrei Mariae Namen bemerkte in seinem Grußwort.
dass die Streichliste der Landesregierung die sozialen Dienste der Katholischen
Kirche sehr belaste. Alle betroffenen Arbeitsbereiche müissten nun deutlicher
der Öffentlichkeit vermittelt werden. um auf die Auswirkungen der Streichungen
aufmerksam zu machen.
In einer Resolution.
die sowohl an Ministerpräsident Koch. als auch den Sozialminister verschickt
wird. verlangen die Synodalen die Rücknahme der geplanten Kürzungen. Darin wird
dargestellt. dass das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Hanau mit
seiner Schuldnerberatungs- und der Erziehungsberatungsstelle mit insgesamt
180000 Euro und mit der Suchtkrankenberatung für Erwachsene, der Suchtpräventionsstelle
und der Jugend- und Drogenberatung mit insgesamt 64000 Euro betroffen sei. Auch
die Fachstelle für Jugendberufshilfe sei mit 35000 Euro betroffen. Solche Kürzungen
würden die Beratungsstellen in großen Teilen ruinieren. Sie zerstörten
unweigerlich Arbeitsplatze von hochqualifiziertem Fachpersonal. das seit 25
Jahren in Hanau und im Main-Kinzig-Kreis Menschen aus der Armut helfe. Die Kürzungen.
so heißt es weiter. seien von "bestürzender finanzieller Unvernunft."
Sie würden der Einstellung einer Werksfeuerwehr in einem Treibstofflager
gleichen. Die Entschließung stellt fest. dass diese Art der Politik das gesellschaftliche
Prinzip der Solidargemeinschaft aufkündige. Die angedrohten Kürzungen hatten
den Charakter sozialen Sprengstoffs. Ein Flachenbrand im Main-Kinzig-Kreis müsse
vermieden werden.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 10.10.03, S. 41