Sozialabbau in Deutschland – Jesuit Hengsbach kritisiert die politische Klasse
Die neuen Verformer
VON FRIEDHELM HENGSBACH
Schröder, Herzog,
Seehofer und Koch l Steinbrück reformieren nicht, nein, sie inszenieren
Reformspektakel. Sie kündigen Jahrhundertwerke an, größte Veränderungen der Sozialgeschichte
und laden sie nach wenigen Wochen auf dem Hinterhof einer engräumigen
Reparaturwerkstatt ab. Sie sonnen sich im Glanz radikaler Veränderungen, die
das Land bewegen und den Ruck medial erleben lassen, sie beschreiben einen irrsinnigen Zirkel der Anpassung an
Angepasstes: Politische Leitbilder und gemeinsame Oberzeugungen mussten sich an
veränderte globale und demographische Bedingungen an- passen, die jedoch keine
Naturereignisse, sondern aus politischen Entscheidungen hervorgegangen sind.
Die
"Reformen" haben einen gemeinsamen Nenner: die Deformation der
solidarischen Sicherung. Gesellschaftliche Risiken werden als persönliches
Versagen gedeutet ihre Absicherung könne der privaten Vorsorge zugemutet
werden. Die Steuerungsform der Solidarität wird durch die Marktsteuerung
verdrangt, Grundrechtsanspruche werden als private Tauschverhältnisse deklariert.
Angehörige einer informellen Koalition überbieten sich gegenseitig darin, den
Sozialstaat als Wachstumsbremse zu verdächtigen und daher die Leistungen an
gesellschaftlich Benachteiligte
zu kürzen. In den öffentlichen Beratungsgremien und staatlichen
Entscheidungsorganen sitzt niemand, der mit den Risiken von Arbeitslosigkeit
und Sozialhilfe direkt konfrontiert gewesen wäre.
Nachdenkliche,
unbeteiligte Beobachter sollen zwar nicht wütend sein. Aber sie wissen nicht,
wie den Arbeitslosen zumute ist. Mit verstelltem Bewusstsein und
ausgesprochener Aggressivität verfolgen sie Arbeitslose und Empfänger von
Sozialhilfe, Gewerkschaften und Kommunen, die Arbeitsverwaltung und schließlich
kritische Abgeordnete. Sie werden als Verweigerer und Trittbrettfahrer gebrandmarkt.
Eine Alternative zur eigenen Meinung wird nicht zugelassen, ein apokalyptisches
Szenario des Entweder/Oder nötigt Skeptiker und Zweifler zum Einlenken.
Flachendeckendes
Sparen, Kürzen und Streichen im Stil eines fürsorglichen Hausvaters wälzt die
politische und soziale Verantwortung auf den Rasenmäher ab - das aber nur
scheinbar und zu Unrecht. Denn die Lenker der Rasenmäher haben vorweg sortiert,
was gekürzt wird und was nicht, welche umweltschädlichen Produktionen geschont
und welche umweltfreundlichen Hilfen abgebaut werden.
Seelenmassage für
Unternehmer
Sie propagieren ein
vereinfachtes Steuersystem, ohne die Funktion einer ökologischen und sozialen
Umsteuerung oder die soziale Dimension einer negativen Einkommensteuer zu erwähnen.
Sie finden kapitalistische Marktwirtschaften in sich stabil und bestreiten,
dass der Staat Lücken der privaten Nachfrage zu schließen hat.
Folglich übersehen
sie, dass öffentliches Sparen in einer Phase, da Konjunkturflaute und
Wachstumsschwäche zusammentreffen, wenn Unternehmen und private Haushalte nicht
bereit sind, sich zu verschulden, verheerende Wirkungen hat.
Wie sich die Kürzung
der Sozialleistungen, die Lockerung des Kündigungsschutzes und die Spardiktate
mit der Verheißung von mehr Wachstum und Beschäftigung verknüpfen lassen, ist
weder theoretisch noch empirisch plausibel.
Der blinde Fleck der
Mikroanalyse und das Ausklammern welt- und finanzwirtschaftlicher Kontexte nähren
den Verdacht, dass die politische Klasse vorrangig die Seelenlage und das
Interesse deutscher Unternehmer und Arbeitgeber bedient und dass sie die gesellschaftliche
Spaltung vertieft, anstatt sie zu entscharfen.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 10.10.03, S. 27