"Shareholder value ist wie Faschismus"
Der Jesuit, Unternehmensberater und Manager-Coach Rupert Lay fällt ein hartes Urteil
Von Wolf Gunter Brügmann
Kapitalismus führt zum Faschismus: Auf diese zugespitzte Kurzformel kann man bringen, was der Moralphilosoph, Unternehmensberater und Psychotherapeut Rupert Lay jetzt zum Thema "Shareholder Value" veröffentlicht hat - "mit kirchlicher Druckerlaubnis (de licentia superoriorum)", wie der Verlag betont. Für den Jesuiten Lay ist diese Form des Kapitalismus "Faschismus", dessen Vertreter sich durch Charakterlosigkeit und wirtschaftliche Dummheit auszeichnen.
Eigentlich ist der Professor und promovierte Jesuit Rupert Lay ein wirtschaftsfreundlicher Mensch und von Gesinnung her eher konservativ. Viele Jahre lehrte er an der katholischen Elite-Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Als Unternehmensberater, Mitglied in Aufsichtsräten und Unternehmensvorständen, als weltweit gefragter Manager-Coach und Psychotherapeut hat Lay intime Einblicke in Unternehmen und das Innenleben von Führungskräften gewonnen. In seinem neuen Buch Charakter ist (k)ein Handicap schildert Rupert Lay viele Beispiele von Charakterlosigkeit und Charakterstärke in der Wirtschaft.
Seine Einschätzung bündelt Rupert Lay in diese Aussage:
"Unternehmen, deren Faktorenverantwortung sich ausschließlich auf die Produktionsbedingung Kapital beschränkt und die alle anderen Faktoren wie Arbeit, Umwelt, Kreativität, Unternehmenskultur und so weiter an die zweite oder gar keine Stelle setzen, sind faschistoid. Sie machen sich und ihren kapitalbezogenen unternehmerischen Erfolg zum einzig anzustrebenden Gut. Die deutsche Version des Shareholder Value ist eine mögliche Umschreibung für solchen betrieblichen Faschismus."
Der Begriff "faschistoid" bezeichnet für Lay ein Sozialgebilde (hier Unternehmen), das sich allein "selbstzwecklich" verhält. Selbstzwecklich verhält sich für Lay ein Sozialgebilde dann, wenn es durch das Verhalten derer, die in ihm leben und agieren, nur den Selbsterhalt anstrebt. Zu diesem Selbsterhalt könne auch die Expansion gehören, die dann allerdings nur soweit gehe, das dadurch der Selbsterhalt nicht gefährdet werde. Es sucht also ausschließlich seinen Nutzen und nicht primär den Nutzen der Menschen innerhalb und außerhalb des Sozialgebildes.
Wer in einem solchen Gebilde als Manager arbeite, "degeneriert leicht zum Systemagenten" oder "entwickelt eine andere Form von Charakterlosigkeit", schreibt Lay. Und fügt hinzu: "Nicht selten sind diese Typen politisch, ökonomisch und auch privat durchaus erfolgreich".
Lays Belehrung lautet, für nachhaltigen ökonomischen Erfolg seien wenigstens sechs Faktoren erforderlich:
Erstens die menschliche Arbeit. Zweitens das betriebsnotwendige Kapital. Drittens eine zureichend intakte Umwelt; diese ersetze weitgehend den klassischen Faktor "Grund und Boden". Viertens die geistige und lokale Mobilität. Fünftens die Unterstützung von Kreativität, damit meint Lay "das produktive Denken gegen Selbstverständlichkeiten". Sechstens die Unternehmenskultur, die neben der ökonomischen Verantwortung auch eine ethische kenne; "etwa das innere und äußere Beziehungsmanagement, die Entfaltung der fachlichen und sozialen Begabungen der Mitarbeiter im Führungsgeschehen, die Teamfähigkeit".
Trotz dieser bekannten Tatsachen, so stellt Rupert Lay fest, rede man auf so mancher Hauptversammlung vom Shareholder Value als dem wichtigsten Unternehmensziel, wobei dieser oft und fälschlicherweise auf den Bilanzgewinn und nicht auf den Unternehmenswert bezogen werde. Wie jede Einengung des Blickfeldes, so Lay, zeuge diese Einseitigkeit der Betrachtung von einer beachtlichen Dummheit. Rupert Lay schließt diese Passage mit dem Satz: "Auch hier wird wieder deutlich, dass die Dummheit ein wirtschaftliches Handicap ist."
Rupert Lay: Charakter ist (k)ein Handicap. Persönlichkeit als Chance. Urania Verlag, Berlin, 192 Seiten, 38 Mark.
Frankfurter Rundschau, 8.9.01, S. A 32