Bischof Grave zum sexuellen Mißbrauch von Priestern
"Wir sind keine Tugend-Helden" - Nach dem Priesterskandal in den USA häufen sich auch in Deutschland die Verdachtsfälle gegen pädophile Priester. Nach vorsichtigen Schätzungen könnte ihre Zahl zwischen 200 und 300 liegen
Weihbischof Franz Grave (69) ist ein bedächtiger Mann. Also lässt er sich von ungeduldigen Fragestellern nicht darauf festlegen, wie viele der 18.000 katholischen Priester in Deutschland pädophile Neigungen hätten. Er schätze deren Zahl auf 200 bis 300, sagte Grave, der nach dem altersbedingten Rücktritt von Ruhrbischof Hubert Luthe (75) vorübergehend die Essener Diözese leitet, bei der Bekanntgabe eines Missbrauchsfalls in seiner eigenen Umgebung. Das seien doch allenfalls zwei Prozent der Geistlichen, versucht Grave zu beschwichtigen.
Allein diese vage Zahl reicht allerdings aus, um die katholische Ortskirche in einen Zustand der Spannung zu versetzen. Die Kirche hier zu Lande, das räumt selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, ein, sei durch die jüngsten Enthüllungen "bis ins Mark" getroffen. Verlässliche Zahlen über sexuelle Verfehlungen, vor allem pädophiler Art, von Klerikern gibt es nicht. Es kann sie auch nicht geben, weil bisher jede der 27 Diözesen die Verdachtsfälle in eigener Verantwortung regelte - und im Regelfall schwieg, solange die unappetitlichen Vorgänge nicht juristisch relevant wurden. Im Zweifelsfall wurden die auffällig gewordenen Priester von einem Ort in einen anderen versetzt, eine Praxis, mit der die Bischöfe, wie von ihnen beteuert wird, heute gebrochen haben.
Die vorsichtigen Schätzungen von Weihbischof Grave decken sich mit den Ergebnissen von Hochrechnungen, wie sie der Psychologe und Theologe Wunibald Müller auf der Basis amerikanischer Daten angestellt hat. Auch Müller, Leiter des Recollectio-Hauses im unterfränkischen Münsterschwarzach, wo Priester und Ordensleute in Lebenskrisen begleitet werden, kommt auf "etwa" 300 Kleriker. Darunter seien auch solche, die unter Stress und Alkohol Minderjährige "einmalig sexuell missbrauchen", meinte Müller in mehreren Interviews. "Bei den Priestern handelt es sich zu 80 Prozent um Ephebophile, das heißt, sie fühlen sich von Kindern zwischen 13 und 17 Jahren sexuell angezogen, nicht von Jüngeren."
Mit einer noch höheren Zahl an Pädophiliefällen rechnet der Vorsitzende der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch im rheinland-pfälzischen Siershahn, Johannes Heibel, der unter anderem die Ermittlungen gegen einen 47-jährigen Priester aus Kardinal Lehmanns Mainzer Bistum in Gang gesetzt hat. Die Meldungen, die bei Heibel eingehen, sprechen für eine Dunkelziffer bis zu 400 Fällen unter der katholischen Geistlichkeit. Manche von den in Verdacht geratenen Seelsorgern haben zudem eine gleichgeschlechtliche Orientierung.
Homosexualität in der katholischen Kirche - das ist nach wie vor ein sensibles Thema in der Deutschen Bischofskonferenz. Der Augsburger Pastoraltheologe Hanspeter Heinz hatte 1996 erstmals Aufsehen erregt, als er unter Berufung auf amerikanische Erkenntnisse in einem Interview sagte, schätzungsweise 20 Prozent der Priester seien homosexuell veranlagt. Der Priesterrat seines Bistums hat ihn wegen dieser Bemerkung gerügt. Heinz habe der Kirche Schaden zugefügt und den Priesterstand diskriminiert, hieß es zur Begründung des Verdikts. Der Pastoraltheologe erwiderte ungerührt, es gehe nicht um die Verteidigung eines heiligen Kirchen- und Priesterbildes, in dem "so etwas" wie homosexuelle Veranlagung nicht wahr sein dürfe. Vielmehr stehe die Glaubwürdigkeit der Kirche zur Diskussion: "Wir Priester sind keine besonderen Menschen, keine Tugendhelden." Er, Heinz, wolle dem Versteckspiel ein Ende setzen, dass Homosexuelle ihre Veranlagung ständig verheimlichen müssten.
Als schärfster Kritiker des Augsburger Theologieprofessors erwies sich damals der inzwischen verstorbene Erzbischof Johannes Dyba (Fulda). Der wortgewaltige ehemalige Kirchendiplomat hielt Heinz vor, er könne keine Quelle für die von ihm genannte Zahl angeben und betreibe so eine "publikumsträchtige Besudelung des priesterlichen Standes". Zugleich lehnte Dyba die Priesterweihe für eindeutig homosexuell geprägte Männer ab. Dem katholischen Priester, so begründete der Erzbischof sein Nein, werde im Zölibat der Verzicht auf Ehe und Familie abverlangt. Es handele sich dabei um ein großes Opfer, "das aber vom homosexuellen Menschen gar nicht gebracht werden kann".
Und Dyba wies das Argument zurück, homosexuelle Männer könnten ebenso wie heterosexuelle enthaltsam leben. Da vergesse man, "was uns die Erfahrung dazu lehrt". Wenn heterosexuelle Geistliche einmal am Zölibat scheiterten, dann "landeten" sie beim Standesamt, homosexuelle Priester aber wegen "des oft verletzten Jugendschutzes meist beim Staatsanwalt". Immerhin hat die Bischofskonferenz nach dem Heinz-Vorstoß eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit dem Problem der Homosexualität von Priestern befasst. Sie ist bisher zu keinen greifbaren Ergebnissen gekommen.
Dagegen wurde in diesem Frühjahr, im Zusammenhang mit der Diskussion über die gravierenden Missbrauchsfälle in den USA, von amerikanischen Journalisten ein altes vatikanisches Schreiben aus dem Jahr 1961 "ausgegraben". Darin heißt es unmissverständlich: "Die Zuteilung zu religiösen Weihen und zur Priesterweihe sollte allen verwehrt werden, die mit bösen Tendenzen wie Homosexualität und Päderastie zu kämpfen haben, weil diese für das Alltagsleben und den priesterlichen Dienst ernsthafte Gefahren mit sich bringen."
An der Priesterausbildung müsse sich etwas ändern, meint der Therapeut Wunibald Müller: "Ein Seminarist kann nicht sagen: Wenn Gott mich berufen hat, dann gibt er mir auch die Gnade, mit dem Zölibat hinzukommen. An der Sexualität darf und kann sich niemand vorbeimogeln. Die Kandidaten müssen befähigt werden, zu ihrer Sexualität zu stehen. Und sie müssen auf ihre Beziehungsfähigkeit geprüft werden." (Gernot Facius)
Aus: Die Welt, 24.7.2002
Quelle: http://www.welt.de/daten/2002/07/24/0724vm346323.htx