Sexueller Mißbrauch durch Priester
Bischof Fürst zu neuen Regeln nach sexuellem Missbrauch
24.07.2002 Die Diözese Rottenburg-Stuttgart erlässt im September Regularien für Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) umriss Bischof Gebhard Fürst am Mittwoch in Rottenburg die Kernpunkte.
KNA: Herr Bischof Fürst, nach den USA häufen sich auch in Deutschland bekannt gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester. Sie haben für Ihr Bistum rasch schärfere Regularien angekündigt.
Fürst: Ursprünglich wollte ich das, was Sie "schärfere Regularien" nennen, noch vor der Sommerpause vorstellen. Eine von mir eingesetzte Arbeitsgruppe hat einen ersten umfassenden Entwurf erarbeitet. Wir benötigen allerdings noch Zeit. Opfern und Tätern angemessen zu begegnen und dem Umfeld des Geschehens wie dem öffentlichen Interesse gerecht zu werden, ist nicht so einfach, wie es zunächst aussieht.
KNA: Es gibt im katholischen Kirchenrecht Paragrafen für den Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Im Mai erließ der Vatikan strengere Richtlinien, die im November in Kraft treten sollen. Was sind die entscheidenden Punkte in den Rottenburg-Stuttgarter Regularien?
Fürst: Sie stellen sicher, dass unbeschadet der Rechte und Pflichten des Bischofs die Zuständigkeiten klar geregelt sind. So können wir auf glaubwürdige Anschuldigungen schnell reagieren und die eventuell notwendige Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden gewährleisten. Wir verpflichten uns, dass das seelische Wohl der Opfer und ihrer Familien im Vordergrund steht, dass wir mit einem Missbrauchsfall offen und transparent umgehen. Dabei sichern wir den Persönlichkeitsschutz der Beteiligten und Betroffenen zu und entsprechen dem Recht der Öffentlichkeit auf Information. Ein eigener Abschnitt wird der Prävention einschlägiger schwerer Verfehlungen und Straftaten gewidmet sein.
KNA: Die Kirche musste sich immer wieder den Vorwurf der Vertuschung gefallen lassen. Wie wollen Sie Vertrauen wieder herstellen?
Fürst: Die Kirche muss deutlicher erkennen, dass leider auch bei Priestern sexueller Missbrauch an Kindern vorkommen kann und vorkommt. Sie muss klarstellen, dass es sich dabei um schweres Vergehen, um schwerste Sünde handelt. Alle sollen davon ausgehen können, dass sich die Kirche ihrer Verantwortung umfassend bewusst ist. Wir müssen dies nicht nur sagen, sondern auch entschlossen und nachhaltig handeln. Mütter und Väter, Kirchengemeinden, staatliche Behörden und Beschuldigte müssen darauf vertrauen können. Transparenz des Verfahrens ist eine der Vertrauen bildenden Maßnahmen.
KNA: Pädophilie ist gewiss kein spezielles Problem des Priesterstandes. Aber Priester tragen besondere Verantwortung. Wie lässt sich bereits im Studium pädophile Veranlagung erkennen?
Fürst: Wer Priester werden möchte, lebt meist in Gemeinschaft mit denen, die auf dem gleichen Weg sind. Sie erfahren intensive Begleitung von entsprechend ausgebildeten Personen. Den über Jahre hinweg in der Priesterausbildung Verantwortlichen können solche sexuellen Probleme kaum verborgen bleiben. Das erfordert allerdings ständige Weiterbildung im Erkennen solcher Probleme, in Einschätzung und therapeutischer Begleitung. Ich rege einen Austausch unter den staatlichen und kirchlichen Ausbildern jener Berufsgruppen an, die mit Kindern und Jugendlichen auch als Schutzbefohlene zu tun haben.
KNA: Haben Sie Hinweise darauf, dass der Priesterberuf in besonderem Maß pädophil veranlagte Männer anzieht?
Fürst: Wirklich erhärtbare Hinweise dafür sind mir nicht bekannt, ich möchte dies aber nicht ausschließen. Wenn wir einschlägige Gefährdungen erkennen, lassen wir selbstverständlich solche Personen nicht zum Priesteramt oder zu anderen Seelsorgeberufen zu.
KNA: Missbrauchte Kinder sind Opfer. Zu Unrecht angezeigte Priester (und nicht nur Priester) werden auch Opfer. Wie lässt sich dieser schmale Grat bewältigen?
Fürst: Rasch glaubhaften Vorwürfen nachzugehen, dient am besten dem Opfer- wie dem Persönlichkeitsschutz. Konkret kann dies allerdings schwierig werden. Was tun wir zum Beispiel mit einem beschuldigten Priester, der seine Unschuld glaubhaft beteuert, in der Zeit zwischen Anschuldigung und Klärung des Vorwurfs? Bei allen übrigen Straftaten gilt bis zur Klärung die Unschuldsvermutung. Hier liegt eine Spannung, die nur von Fall zu Fall gelöst werden kann.
KNA: Pädophilie ist offenkundig nicht heilbar. Wenn also ein Priester des Missbrauchs überführt ist: Darf er künftig weiter in seinem Amt bleiben, und wenn ja, auf welchen Arbeitsgebieten?
Fürst: Die Experten sind sich nicht einig. Der Arzt Franc Valcour zum Beispiel, Psychiatrie-Professor in Georgetown/USA, geht davon aus, dass abweichendes Sexualverhalten "vielleicht nicht heilbar, aber doch behandelbar ist". Der Psychologe Wunibald Müller, Leiter des Münsterschwarzacher Recollectio-Hauses für Priester in Krisen, sagt hingegen, dass es sich bei pädophilen Personen "in der Regel um kranke Menschen handelt, die ihr oft suchtartiges Verhalten nicht steuern können". Es muss alles getan werden, dass einem überführten Täter keine weiteren Schutzbefohlenen zum Opfer fallen.
KNA: Die Bewegung "Wir sind Kirche" hat schärfere Regularien als unzureichend bezeichnet. Es müssten vielmehr Ombudsstellen für Missbrauchsopfer eingerichtet werden, die unabhängig von den Bistümern arbeiten. Was halten Sie davon?
Fürst: Ich gestehe, dass ich diesbezüglich noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen bin. Selbstverständlich sind die in der Diözese für das seelsorgerliche Personal Verantwortlichen die Ansprechpartner für Hinweise und Anzeigen. Wenn solche eingehen, muss unverzüglich das geltende Verfahren greifen.
KNA: Erwarten Sie ein unter allen Bistümern abgestimmtes bundesweit geltendes Regelwerk? Die Bischofskonferenz will das Thema auf ihrer Herbstkonferenz ja erneut behandeln.
Fürst: Ich möchte und kann den Beratungen nicht vorgreifen. Dass die Frage des angemessenen Umgangs mit sexuellem Missbrauch von Kindern durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter ganz oben auf der Tagesordnung steht, ist offensichtlich.
Interview: Uwe Renz (KNA, 24.7.2002)
Quelle:http://www.drs.de/php/aktuell/article.php?article_file=1027512641.txt&showtopic=