Sexueller Mißbrauch

Mindestens 47 Fälle in katholischer Kirche

Baden-Baden (dpa) - Erstmals hat die katholische Kirche in Deutschland einen Überblick über die Zahl der Missbrauchsfälle durch Priester ermöglicht. Für eine Dokumentation des Südwestrundfunks (SWR/Baden-Baden) sammelte der Filmemacher Thomas Leif schriftlich die Zahl der Missbrauchsfälle in allen deutschen Bistümern. Mindestens 47 Fälle seien in den vergangenen 30 Jahren eingeräumt worden, sagte Leif am Freitag in Baden-Baden.

Bisher hatten sich lediglich einzelne Diözesen im Zusammenhang mit aktuellen staatsanwaltlichen Ermittlungen über die Zahl sexueller Übergriffe in ihrem Bistum geäußert. Nun hätten mehr als die Hälfte der 27 deutschen Bistümer «qualifiziert geantwortet», sagte Leif. «Die 47 ist sicherlich nicht die wahre Zahl», stellte Leif fest.

Die Dokumentation «Tatort Kirche: Sexueller Missbrauch durch Priester» wird nach SWR-Angaben an diesem Sonntag (1. September) in der ARD ausgestrahlt. Erstmals komme hier auch ein Täter zu Wort, der bisher nicht bestraft worden sei. Der anonym gefilmte Wiederholungs-Täter spreche erstmals über seine Verbrechen und sagte: «Meine stärkste Erfahrung war, dass die Kirche den Mantel der christlichen Nächstenliebe über meine Taten gedeckt hat». Die Praxis des «Vertuschens durch Versetzen» prangere im Film auch eine junge Frau an, die als Sechsjährige von einem Priester sexuell missbraucht worden sei.

Einige Diözesen haben nach SWR-Angaben Informationen verweigert. Das Bistum Dresden-Meißen begründete dies, weil «wir uns mit der Weise der gegenwärtigen Behandlung dieses sensiblen Themas in den Medien nicht einverstanden erklären», zitiert der SWR aus der Absage. Münster, Augsburg, Bamberg und Freiburg verweigerten demnach konkrete Angaben oder verwiesen auf «einige wenige Fälle».

Nach Angaben von Leif gehen vor allem die Bistümer Hildesheim und Rottenburg-Stuttgart offen mit dem Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche um. So will Bischof Gebhard Fürst aus Rottenburg- Stuttgart die konkreten Leitlinien seiner Diözese zum Umgang mit aufgedeckten Missbrauchsfällen Mitte September veröffentlichen.

Auf der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz Ende September (23. bis 26. September) in Fulda will die katholische Kirche voraussichtlich einheitliche Richtlinien für den Umgang mit dem Missbrauchs-Thema verabschieden. Das Bekanntwerden zahlreicher sexueller Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche hatte im Frühjahr die amerikanische Kirche erschüttert. Im April zitierte Papst Johannes Paul II. 13 amerikanische Kardinäle nach Rom und gab die künftige Linie «Null-Toleranz» vor

30.8.02

Quelle: http://de.news.yahoo.com/020830/3/2xozq.html