Scharia, nein!
Die deutschen Türken müssen sich ändern
Von
Necla Kele
Leyla
Sahin hat verloren. Am 10. November wies der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte ihre Klage ab, mit der die 32-jährige Medizinstudentin
feststellen lassen wollte, dass sie 1998 zu Unrecht von der Universität in
Istanbul ausgeschlossen wurde, weil sie sich weigerte, ihr Kopftuch abzulegen.
Seit Jahren versuchen Muslime mit Unterstützung ihrer
Organisationen vor deutschen und anderen europäischen Gerichten, ihre
Lebensweise durchzusetzen. Sie klagen gegen das Kopftuchverbot, gegen Teilnahme
ihrer Töchter an Schwimmunterricht und Klassenreisen, fordern das religiöse
Schächten ein. Auch in der Türkei, wo es seit 1925 verboten ist, in
öffentlichen Gebäuden religiöse Kleidung zu tragen, versuchen die Religiösen
die Trennung der Geschlechter und die Prinzipien der Scharia, des islamischen
Rechts, Stück für Stück wieder im Alltag zu etablieren. Da die Verfassung der
Türkei in diesem Punkt nicht zu ändern ist, es sei denn die Regierung wollte
sich den Unmut der Europäer einhandeln, probierten die Religiösen es über den
Umweg des Europäischen Gerichtshofs. Nichts wäre ihnen lieber gewesen, als wenn
das Gericht das Kopftuchverbot an türkischen Universitäten gekippt hätte. Dann
hätten sie die türkische Verfassung ändern können mit dem Hinweis: Europa
verlangt es von uns.
Nun aber ist der Ärger groß, und Ministerpräsident Tayyip Erdogan ist entsprechend ungehalten. Am Rande einer Nato-Tagung Mitte November in Dänemark sagte er der Zeitung Hürriyet zu dem Urteil: »Das Gericht hat kein Recht, zu diesem Thema etwas zu sagen. Das steht nur der Ulema zu.«
Die Ulema, das ist der Rat der islamischen Rechtsschulen, der über
die richtige Anwendung der Scharia wacht. Für Erdogan stehen die islamischen
Rechtsgelehrten offenbar über dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Eine Trennung von Staat und Religion, ein Grundpfeiler der türkischen Republik,
scheint es für Erdogan nicht zu geben. Der Weg der Türkei nach Europa könnte
sich auch als Zug des unaufgeklärten Islams gegen die westliche Lebensweise
entpuppen. Dabei hatte der Weg der Türken nach Europa vor 40 Jahren ganz anders
begonnen.
Der Aufbruch von Anatolien über Istanbul nach Deutschland war für
mich und für meine Familie – deren Schicksal in vieler Hinsicht ganz typisch
für die türkische Entwicklung und den Migrationsprozess ist – der Weg vom
Kollektiv des Familienclans zur Kleinfamilie, von der Vormundschaft in die
Freiheit, von der Tradition in die Moderne, vom Sozialwesen zum Individuum. In
den türkischen Städten, in denen die Industrie aufblühte, wuchs mit ihr auch
das Bürgertum, das die neuen Freiheiten annahm und genoss. Gleichzeitig
verfielen die ländlichen Strukturen, und allmählich begann eine Binnenmigration
aus allen ländlichen Gebieten in die großen Städte, vornehmlich nach Istanbul.
Auch meine Eltern folgten diesem Zug und zogen an den Bosporus.
Das erste Mal in ihrem Leben waren mein Vater und meine Mutter für
sich selbst verantwortlich, entschied nicht die Großfamilie für sie. Meine
Mutter, die noch verheiratet worden war, ohne gefragt zu werden, und die, wäre
sie im Dorf geblieben, ihr Leben lang der Schwiegermutter hätte dienen müssen,
war plötzlich auf sich selbst gestellt, musste allein einen Haushalt führen.
Die Macht der Umstände machte aus ihr und den vielen Frauen, die auf ähnliche
Weise in die Stadt kamen, selbstständige Frauen, die eher dem Vorbild von Doris
Day und Jackie Kennedy nacheiferten.
Mein Vater ging als einer der ersten »Gastarbeiter« nach Deutschland.
Er ging als Republikaner, als Anhänger Atatürks, er wollte die Chance des
»Wirtschaftswunders« nutzen. Viele schlugen diesen individuellen Weg ein. Ihn
zu gehen ist Voraussetzung für die Moderne, in der jeder Einzelne Rechte und
Pflichten wahrnimmt, Verträge abschließt und nicht als Mitglied einer Gruppe,
einer Familie auftritt. Nur wer in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst
und sein Handeln zu übernehmen, wird gesellschaftlich erfolgreich agieren, sich
zurechtfinden können. Jene, die dies begriffen, haben Europa als Chance
genutzt.
Jedoch: Die ersten Migranten blieben nicht allein. Im großen Stil
wurden in Anatolien Arbeitskräfte angeworben, sie wohnten in Deutschland dann
in Heimen unter einfachsten Bedingungen. Männer und Frauen blieben dabei
getrennt wie im anatolischen Dorf. Es sollte ja nur ein Provisorium für zwei,
drei Jahre sein. Aber es kam anders. Die Gastarbeiter holten ihre Familien
nach, sie entschlossen sich, in Deutschland zu bleiben, wurden Einwanderer,
ohne dass die Politik darauf reagierte. Vielleicht hat sie es nicht einmal
richtig registriert. Doch mit den Verwandten kamen auch die
muslimisch-türkischen Familientraditionen nach Deutschland. Die Frauen, die in
die Moderne aufgebrochen waren, wurden heim ins Haus geholt. Es wurde kein
Deutsch mehr gelernt, es wurde türkisch gesprochen, muslimisch gelebt. »Ich bin
nicht nach Deutschland gekommen, sondern in eine Familie«, sagte mir einmal
eine »Importbraut«, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt.
An der ländlichen Türkei hatte sich schon Atatürk die Zähne
ausgebissen. Hier gelang der Weg in die Moderne nicht, auch weil die
ökonomischen Voraussetzungen fehlten. Die traditionell muslimisch-türkische
Kultur, das komplexe System von Glaubensvorstellungen, Bräuchen, Sitten blieb unangetastet.
Das Leben ging weiter wie seit Jahrhunderten.
Wozu Bildung? Sie leben in Deutschland einfach wie in ihrer
dörflichen Welt
Das galt auch für die Binnenmigranten, die aus den Dörfern nach
Istanbul gingen: Landarbeiter ohne Land und Arbeit, die ihre Sitten mit nach
Istanbul und später nach Deutschland nahmen. Sie hatten von der Moderne nichts
zu erwarten. Und von ihnen wurde auch nichts anderes erwartet, als dass sie die
einfachen Arbeiten tun sollten, für die sich die Deutschen zu schade geworden
waren. Ihnen konnte es ziemlich gleich sein, wo sie lebten – ob in Istanbul
oder in Iserlohn, sie waren auf jeden Fall die Verlierer der Entwicklung. So
hielten sie sich an das, was ihnen blieb: an ihre Traditionen und in immer
stärkerem Maße an den Glauben mit seinen festen Lebensregeln und der dem Islam
innewohnenden Schicksalsgläubigkeit.
Der Islam wurde – auch mit finanzieller Unterstützung durch die
türkische Republik und aus Saudi-Arabien – wieder identitätsstiftend. Hinzu kam
ein Gefühl, mit dem Erstarken des politischen Islams seit 1979 erst im Iran,
später dann in der Türkei, endlich auf der Seite der moralischen Sieger der
Geschichte zu stehen. So blieben die patriarchalischen Familien- und
Dorfstrukturen unangetastet.
In einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums im Jahr 2004
wurden 150 türkische Frauen befragt, jede zweite gab an, ihr Ehepartner sei von
den Eltern ausgesucht worden, jede vierte kannte den Partner vor der Ehe nicht,
und zwölf der 150 Frauen fühlten sich zur Ehe gezwungen. Ich selbst habe als
junges Mädchen in Deutschland miterlebt, wie eine Freundin in der Nachbarschaft
über zehn Jahre lang im Haus festgehalten wurde. Dieses Mädchen durfte nicht
zur Schule, weil ihre Eltern arbeiteten und sie auf den jüngeren Bruder aufpassen
musste. Mit 16 Jahren wurde sie in die Türkei geschickt und dort verheiratet.
Diese Mentalität, das Festhalten am türkisch-muslimischen Common
Sense in der Fremde, führt zu der Situation, die wir heute in Deutschland bei
mindestens der Hälfte der hier lebenden Türken beobachten. Sie leben in der
Moderne, sind dort aber nie angekommen. Sie leben in Deutschland nach den
Regeln ihres anatolischen Dorfes. Sie haben sich in ihren Glauben, in ihre
Umma, eine Parallelwelt, zurückgezogen und erhalten diese, indem sie ihre
Kinder mit Mädchen und Jungen ihrer alten Heimat Ehen schließen lassen.
Die Folgen sind dramatisch. Mangelnde Selbstverantwortung zieht
auch mangelnden Bildungswillen nach sich. Wenn Eltern davon ausgehen, dass sie
ihre Tochter mit 16 Jahren verheiraten, warum sollten sie ihr Kind dann das
Abitur machen lassen? Mangelnde Verantwortung für die Zukunft, mangelnde
Investition in die Bildung ihrer Kinder reproduzieren immer wieder den eigenen
sozialen Status. Und so relativiert sich auch die Mär von der türkischen
Familie, in der alle so gut aufgehoben sind. Es ist in vielen Fällen ein
Kontrollsystem, in dem die älteren Männer bestimmen, was die Familienmitglieder
zu tun und zu lassen haben. Dort herrscht das Prinzip des Respekts und der
Ehre, ein Jüngerer hat dem Älteren nicht zu widersprechen, und die Frauen sind
die »Ehre«, sprich Besitz der Männer, sie haben in der Öffentlichkeit nichts zu
suchen. Es ist kein System der Fürsorge, sondern eine Besitzanzeige.
Keine guten Voraussetzungen für eine Demokratie, denn sie braucht
mündige Bürger. So ist letztlich an der Frage der Gleichberechtigung der Frau
die Integration einer großen Zahl von Türken in Deutschland gescheitert. Diese
Erkenntnis ist umso bitterer, weil in Deutschland in den letzten Jahrzehnten
vielfältige Initiativen staatlicher, politischer und sozialer Politik darauf
gerichtet waren, die Stellung der Frau zu verbessern. In der
türkisch-islamischen Welt ist der Mensch ein Sozialwesen, das der Gemeinschaft
gehört.
Aus der Vorstellung der Umma, der Glaubensgemeinschaft, leitet
sich ein soziales Konzept von Gemeinschaftlichkeit ab, das der Gemeinschaft den
Vorrang vor dem Individuum gibt und damit im Gegensatz zum Bild von der
Einzigartigkeit des Individuums in Gesellschaften christlicher Prägung steht.
Der Christenmensch wurde durch die Entdeckung des Gewissens zum
verantwortlichen Einzelnen. Wer Verantwortung trägt, kann auch schuldig werden.
Eine weitere zivilisatorische Errungenschaft ist die Regelung des
gesellschaftlichen Lebens durch demokratische Entscheidungen über Gesetze.
Nicht Gott, sondern die Menschen machen die Gesetze. Sie gelten für alle. Die
Rechtsschulen des Islams akzeptieren dies nicht, für sie steht Gottes
Offenbarung im Koran, und der ist heilig. Die traditionell-gläubigen Muslime
gehen davon aus, dass Gott selbst der Gesetzgeber ist, dass seine im Koran
niedergelegten Offenbarungen Gesetzeskraft haben und es keinen »säkularen«
Lebensbereich gibt.
Viele glauben, sie könnten auch in Europa nach dem Gesetz des Islams
leben. Die Scharia bestimmt bis heute die Erziehungsidee vieler muslimischer
Menschen. Sie geht davon aus, dass der Islam »Hingabe« oder auch »Unterwerfung«
bedeutet. Die Scharia ist ein Vergeltungsrecht, das körperliche Schmerzen für
ein Vergehen verlangt. Der politische Islam versteht sich blendend darin,
Grundrechte wie das der Religionsfreiheit unserer Gesellschaft zu benutzen, um
seine kollektivistischen Ideen unter dem Schleier der Persönlichkeitsrechte
durchzusetzen. Die Debatte um das Kopftuch ist dafür nur ein Beispiel.
Meine Hoffnung: Ich erlebe täglich, wie Frauen die Chance der
Freiheit ergreifen
Die türkische Regierung hätte über ihr Amt für Religion die große
Möglichkeit, das dringend nötige Reformwerk – die öffentliche Abwendung von den
Prinzipien der Scharia – anzustoßen. Dazu könnte auch gehören, dass die nach
Deutschland entsandten Imame Deutsch lernten und die im Zuwanderungsgesetz
vorgesehenen Orientierungskurse besuchten. Auch hier steht die Reformwilligkeit
der Türkei auf dem Prüfstand. Wer, wenn nicht eine islamisch geprägte Regierung
könnte kraft Amtes eine Reform des Islams hin zu mehr persönlicher Freiheit
befördern? Es geht auf dem Weg nach Europa nicht darum, »Türken-Politik« oder
»islamische Politik« zu betreiben, sondern am gemeinsamen europäischen Haus zu
bauen.
Ich habe die Hoffnung, dass die in Deutschland lebenden Muslime
und Türken erkennen, welche Möglichkeiten und persönlichen Sicherheiten ihnen
eine säkulare Gesellschaft bietet. Ich erlebe jeden Tag, wie türkische Frauen
den Mut fassen und die Freiheit als ihre Chance ergreifen, ein
gleichberechtigtes Leben zu führen. Diese Frauen brauchen Ermutigung und
Unterstützung. Die Akzeptanz der Gleichberechtigung von Mann und Frau und die
grundsätzliche Distanzierung von der Scharia sind Grundvoraussetzungen für ein
gemeinsames Europa.
Anders als meine Eltern und meine Geschwister bin ich in
Deutschland geblieben. Mein Vater, von uns der Erste, der hierher gekommen war,
kehrte auch als Erster wieder in die Türkei zurück. Ihm ist es trotz guten
Willens nicht gelungen, seine Freiheit zu nutzen. Ich will nicht behaupten,
dass der individuelle Weg einfach ist. Er fordert den Einzelnen in seiner
ganzen Persönlichkeit.
Necla
Kelek promovierte über das Thema »Islam im Alltag«. Sie forscht zum Thema
Parallelgesellschaften. Für ihr Buch »Die fremde Braut« wurde ihr am 14.
November 2005 der Geschwister-Scholl-Preis verliehen
DIE ZEIT, 24.11.05, S. 17
Quelle: http://www.zeit.de/2005/48/Necla_Kelek