Kein Kurswechsel nach
Demonstrationen / Merz: "Tarifkartell aufbrechen"
Auch nach dem Massenprotest gegen Sozialabbau hält
die SPD am Regierungskurs fest. Parteichef Franz Müntefering warf den
Gewerkschaften vor, sie hätten nur kritisiert und keine richtungweisenden
Vorschläge gemacht.
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Berlin · 4. April · dpa/ap · Am europäischen
Aktionstag gegen Sozialabbau gingen am Samstag allein in Deutschland rund eine
halbe Million Menschen auf die Straße: In Berlin machten rund 250 000
Demonstranten ihrem Unmut über Sozialkürzungen Luft, in Stuttgart waren es etwa
150 000, in Köln 100 000, wie die Polizei und der Deutsche Gewerkschaftsbund
(DGB) mitteilten.
Auf der zentralen Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor erklärte DGB-Chef
Michael Sommer, die Protestaktionen seien ein "Signal an die
Herrschenden", dass mit der "asozialen Politik" Schluss sein
müsse. An die Adresse der SPD gerichtet sagte Sommer: "Auf der Basis der
Agenda 2010 gibt es keinen Schulterschluss."
In Stuttgart warf Verdi-Chef Frank Bsirske Bundeskanzler Gerhard Schröder vor,
er mache Politik gegen die Interessen der eigenen Stammwählerschaft. Kürzungen
der Rente, der Sozialhilfe und des Arbeitslosengelds schwächten die Kaufkraft.
In Köln rief IG-Metall-Chef Jürgen Peters: "Wir haben die Nase voll von
angeblichen Reformen, die wir bezahlen und die den anderen nutzen."
Besitzstände verteidigen
SPD-Chef Müntefering warf dagegen den Gewerkschaften vor, sie schauten nicht
nach vorne, sondern wollten nur ihre Besitzstände verteidigen. Wohlstand gebe
es nicht mehr zum Nulltarif, sagte er im ZDF. Von den Gewerkschaften forderte
er eigene Vorschläge zur Sicherung der Sozialsysteme. SPD-Generalsekretär Klaus
Uwe Benneter sagte, die Gewerkschaften müssten erkennen, wo ihr wahrer Gegner
stehe: Unter einer Unions-Regierung würde der Sozialstaat nicht umgebaut,
sondern abgerissen.
Die größte Demonstration im Ausland fand nach Gewerkschaftsangaben in Rom
statt. Dort protestierten hunderttausende Rentner gegen die Preissteigerungen
seit der Euro-Einführung. Zehntausende Franzosen verlangten eine gerechtere
Sozial- und Wirtschaftspolitik.
Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber sagte der Welt am Sonntag, Proteste
gegen Rot-Grün seien verständlich, "aber sie lösen unsere Probleme
nicht". Unionsfraktionsvize Friedrich Merz (CDU) kritisierte in der Bild
am Sonntag, "einige Gewerkschaften" träumten noch von den 70er Jahren
und vergäßen die Zukunft. "Wir müssen das Tarifkartell aufbrechen und die
Funktionäre entmachten." CSU- Generalsekretär Markus Söder warf den
Gewerkschaften in der Welt am Sonntag eine
"Job-Killer-Politik" vor.
Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagte der Bild am Sonntag, viele
Gewerkschaftsfunktionäre seien "Verräter der Arbeitnehmerschaft und der
Arbeitslosen, weil sie die Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft
bekämpfen". Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hielt den Gewerkschaften
vor, als "Ewiggestrige" die Zukunft des Landes zu gefährden.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 5.4.04 S.1
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