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Düsseldorf/Wittlich
· 15. April · fri · Ein Pflegeheim in Düsseldorf hat eine 76-jährige bettlägerige
Frau in der Kreisverwaltung Wittlich abgestellt, weil ausstehende Pflegekosten
nicht beglichen wurden. Der örtliche Sozialhilfeträger sollte zur Übernahme der
Kosten gezwungen werden.
Am Gründonnerstag war ein Krankentransport aus dem Pflegeheim Pro Seniore
Residenz in Düsseldorf zur Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich in
Rheinland-Pfalz gefahren. Dort stellten dann, wie zuvor schriftlich
angekündigt, zwei Sanitäter und ein Jurist des Heimes die Seniorin in einem
Bett in der Ankunftshalle ab. Die Frau sei in einem Heim in Traben-Trarbach an
der Mosel untergebracht worden, sagte Ute Erz aus der Kreispressestelle. Der
Kreis übernehme die Kosten, da es sich um einen "speziellen Fall"
handele.
Erz bezeichnete
das Vorgehen von Pro Seniore als "zutiefst menschenverachtend". Ein
finanzieller Streitfall über Pflegekosten würde "auf dem Rücken einer
Pflegebedürftigen ausgetragen, die sich selbst nicht äußern kann". Damit
werde "die Würde eines hilflosen und pflegebedürftigen Menschen
verletzt". In der Verwaltungszentrale des gemeinnützigen Pflegedienstes
Pro Seniore in Saarbrücken, der mit bundesweit rund 100 Einrichtungen, 17 000
Plätzen und 9000 Beschäftigten der größte Anbieter ist, hält man die Maßnahme
für "rechtmäßig". "Das ist eine ungewöhnliche Maßnahme. Aber es
hat keine andere Möglichkeit gegeben", betonte Thomas Knop, Sprecher von
Pro Seniore. Auf Frage der FR, ob Pro Seniore etwas Ähnliches schon
einmal gemacht habe, antwortete Knop ausweichend: "Nach meinem aktuellen
Kenntnisstand ist mir nichts bekannt."
Hintergrund für den Vorfall sind Pflegekosten von rund 12 000 Euro, die in den
vergangenen zehn Monaten nicht beglichen wurden. Als Betreuer der 76-Jährigen
ist der in Düsseldorf lebende Sohn angegeben. Dieser hatte 2003 einen Antrag
auf Sozialhilfe bei der Kreisverwaltung Wittlich gestellt, da die Frau aus der
Region stammt. Das Begehren wurde abgelehnt, weil Vermögen vorhanden sein soll.
Der Sohn habe keinen Widerspruch eingelegt, sagte Erz.
Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf, die informiert wurde, sieht keinen
Anfangsverdacht für eine Straftat. Weder Anzeichen für eine Nötigung,
Freiheitsberaubung oder Körperverletzung seien bisher erkennbar, sagte ein
Sprecher. Der Sohn und die Stadt Düsseldorf sollen zwar mittlerweile Anzeige
erstattet haben, doch ist die bei der Behörde noch nicht eingegangen.
Quelle: Frankfurter Rundschau, 16.4.04, S. 4
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=421533
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Die
Würde des Menschen ist unantastbar. Auf diesem unverrückbaren Anspruch basiert
unser Grundgesetz. Der Wert eines jeden Einzelnen steht nicht zur Disposition.
Jeder ist zu schützen, unabhängig von Eigenschaften, Leistungen und sozialem
Rang. Auch der alte, pflegebedürftige Mensch. Eine Selbstverständlichkeit,
gewiss. Das möchte man zumindest meinen.
Die Realität kann anders aussehen, etwa in Düsseldorf. Dort quartierte ein Heim
eine bettlägerige 76-Jährige aus und stellte sie in der für zuständig
befundenen Kreisverwaltung ab. Der dem Etikett nach gemeinnützige Heimdienst
"Pro Seniore" trieb damit einen Streit darüber auf die Spitze, wer
für die Unterbringungskosten aufzukommen habe. Der Kreis hatte den Antrag auf
Sozialhilfe für die Frau mit dem Hinweis abgelehnt, sie könne zahlen, wenn sie
eine Schenkung rückgängig mache. Ihr Sohn legte als Betreuer offenbar keinen
Widerspruch gegen den Bescheid ein. Geld floss scheint's nicht.
Der Heimbetreiber machte kurzen Prozess und stellte die wehrlose Frau aus.
Können Sie sich vorstellen, derart den Blicken von Passanten und irritierten
Beamten ausgeliefert zu sein, nicht wissend, wohin der müde Körper als nächstes
verfrachtet wird, welcher Pfleger dort Vertrauen verdient, welcher nicht?
Der Kreis hat Heimaufsicht und Staatsanwaltschaft alarmiert. Im Grundgesetz
heißt es, die Menschenwürde zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen
Gewalt. Die aber finge früher an. Wenn der Mensch nur noch nach Pflegestufen
kategorisiert und seine Betreuung bloß unter Kostengesichtspunkten kalkuliert
wird, hat das Leistungsprinzip über die Humanität triumphiert. Mit der Frage,
was die Würde alter Menschen dieser berechnenden statt sich besinnenden
Gesellschaft wert ist, ist ein Kernproblem angesprochen. Denn es gibt nicht ein
bisschen mehr oder weniger Würde, wie es mal mehr, mal weniger Lohn oder
Arbeitnehmerrechte gibt. Die Würde ist absolut.
Quelle: Frankfurter Rundschau, S. 3
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/die_seite_3/?cnt=421480&