Vertreter aller Religionen rufen in Assisi zum Frieden auf

Assisi (dpa) - Vertreter aller großen Weltreligionen haben am Donnerstag in der italienischen Stadt Assisi gemeinsam mit Papst Johannes Paul II. zum Frieden aufgerufen. «Wir sind als Pilger für den Frieden gekommen», sagte das 81-jährige Oberhaupt der katholischen Kirche in seiner Rede beim interreligiösen Treffen vor der Franziskusbasilika. Er betonte die Pflicht aller religiösen Gemeinschaften, «jede Gewalt so eindeutig und radikal wie möglich zurückzuweisen». Er verurteilte vor allem jene, die Gewalt rechtfertigen, «indem sie sich sogar auf den heiligsten Namen Gottes berufen».

Dies sei letztlich «eine Beleidigung Gottes», kritisierte der an der Parkinsonschen Krankheit leidende Johannes Paul II. mit fester Stimme. «Es gibt kein religiöses Ziel, das die Anwendung der Gewalt von Menschen gegen den Menschen rechtfertigen könnte», fügte er hinzu. Er verwies aber auch auf die Ursachen der Gewalt. «Man kann nicht vergessen, dass Unterdrückung und Ausgrenzung oft der Ursprung von Gewalt und Terror sind.»

Nach der Rede des Papstes zogen sich die Teilnehmer in die Räume des Franziskaner-Klosters in der mittelitalienischen Stadt zurück, um nach Religionen getrennt Gebete für den Frieden zu sprechen. Auf ein gemeinsames Gebet wurde wegen der großen Glaubensunterschiede zwischen den Konfessionen verzichtet. Die Mönche hatten aus Rücksicht auf die nichtchristlichen Teilnehmer auch alle Kreuze und christlichen Bilder abgehängt. Am Nachmittag wollten alle Teilnehmer ein gemeinsames Bekenntnis zum Frieden ablegen. Anschließend war die Rückfahrt mit einem schwerbewachten Sonderzug nach Rom vorgesehen.

Vor dem Papst hatten Vertreter der anderen in Assisi vertretenen Religionen das Wort ergriffen. Dabei ging Rabbi Israel Singer, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, als einziger auf die Anschläge vom 11. September ein, die den Papst zur Einberufung des Treffens in Assisi veranlasst hatten. Die Anschläge in New York und Washington seien von «Wahnsinnigen» ausgeführt worden, die behauptet hätten, im Namen Gottes zu handeln, sagte Singer. Er beklagte zudem, dass die Religionen für «unzählige grässliche und blutige Kriege» verantwortlich seien. Er erwähnte den Nahost-Konflikt, aber auch die Kriege in Nordirland und Kaschmir.

Der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., bezog sich nur indirekt auf die Terroranschläge in den USA. «Nach den horrenden Holocausts und der Abschlachtung von so vielen unschuldigen Opfern ist es unsere Pflicht, die geistigen Voraussetzungen für den Frieden auf Erden anzuerkennen», betonte der Patriarch. «Dies schließt den Respekt der Heiligkeit der menschlichen Person ein», fügte er hinzu. Die Gerechtigkeit und die gerechte Verteilung des Reichtums seien für den Frieden wichtig. Bartholomäus I. war der nach dem Papst höchstrangige Vertreter des Christentums in Assisi.

Der Vertreter des Islams ging hingegen überhaupt nicht auf die von islamischen Extremisten verübten Anschläge ein. In einer verlesenen Botschaft des Scheichs der Al-Azhar-Moschee in Kairo, Mohammed Said Tatawi, hieß es, der Islam trete wie alle monotheistischen Religionen gegen Aggression und für die Gerechtigkeit ein. Gott wolle eine glückliche Menschheit, sagte der Scheich, der nicht persönlich nach Assisi gekommen war. Johannes Paul II. hatte im November unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA und des Krieges in Afghanistan zu dem Treffen eingeladen. Bereits 1986 und 1993 gab es interreligiöse Friedenstreffen in Assisi.

24.1.02

Quelle: http://www.kiz-online.de/ticker/getlatestnews.cgi