Religion und Leere

 

Der amerikanische Wahlkampf im Zeichen der Kirchen

 

VON HELMUT MÜLLER-SIEVERS

Das für uns Unangenehme am amerikanischen Protestantismus ist, dass er sich dem Anspruch der Rechtfertigung nur durch den Glauben nicht mehr stellt. Luther hatte nicht nur bestimmt, dass keines unserer Werke Gott je beeindrucken kann, er hatte darüberhinaus noch erklärt, dass selbst der Glaube, durch den allein wir selig werden können, uns gegeben wird - oder auch nicht. Das protestantische Gebet zum Beispiel ist nicht Kommunikation mit Gott, nicht Ausdruck des Glaubens, sondern Bitte darum. Glaube ist Geschenk und Gnade, alle Frömmigkeit nur unsere, recht eigentlich vergebliche, Anstrengung. Mit dieser Gnadentheologie begann die Moderne, insofern sie ein uneinnehmbares Selbst des Menschen gleichzeitig anerkannte und in Schach hielt. Sollte dessen Hochmut einmal von der Zerknirschung entbunden werden, dann, meinte Luther in merkwürdiger Verbalisierung, gnade uns Gott.

So unübersichtlich die protestantische Kirchenszene in Amerika auch sein mag - "Kirche" im historischen Sinne als Rathaus und Institut der Gläubigen mag eh die falsche Bezeichnung sein -, ihre heute so erfolgreichen Gruppierungen gehen alle davon aus, dass der Glaube Werk sei. Tapferes Beten bis zur Wiedergeburt, Annahme der Bibel als zentrales Dokument, Verbreiten der frohen Botschaft, Mittlerschaft Jesu - das sind nicht nur Grundüberzeugungen, das sind feste Daten im Leben der "evangelicals", die es in allen möglichen Schattierungen, in allen Landstrichen, in allen sozialen Schichten gibt. Sie sind nicht notwendigweise, jedoch meistens Republikaner, und sie sind nicht mit den Fundamentalisten zu verwechslen, welche wiederum auf dem Literalsinn der Bibel beharren und darum dem Fürsten dieser Welt ganz abgewandt sind. In George W. Bush - dem missratenen Sohn, dem wiedergeborenen Trinker, dem heiteren Missionar - haben sie einen der ihren ins Weiße Haus gebracht.

Wie ist dieser hitzige Glaube, von dem nach jüngsten Umfragen mittlerweile 48 Prozent der amerikanischen Bevölkerung erfasst sind, zu verstehen? Es greift zu kurz, in den "evangelicals" nur Menschen zu sehen, die eines Sonntagsmorgens ihren Kater zu Ernst genommen haben. Auch historische Erklärungen, etwa die Einwanderung radikalprotestantischer Sekten im 18. und 19. Jahrhundert, reichen kaum zu. Der kraftvollste Missionar ist wohl eher die Unermesslichkeit des amerikanischen Raums. Des geographischen Raums, der in Texas, in Nebraska, in Montana so leer, ungegliedert und feindlich ist, dass er nach einem Gott als Grund geradezu schreit; des sozialen Raums, dessen lokale Einrichtungen durch die urbane Expansion und den gleichzeitigen Rückzug jeglicher Regierungspräsenz amorph geworden ist; des psychologischen Raumes schließlich, der allen Beteuerungen zum Trotz, nicht mehr durch die vertikale Hierarchie der Familie strukturiert wird (z. B. durch einen Vater, der dem Sohn in Wort oder Tat bedeuten könnte, wann es des Trinkens genug ist), sondern durch horizontale Einflüsse wie die riesigen High Schools und die Colleges, in denen sich der soziale Hochdruck unmittelbar auf die schutzlosen Teenager-Psychen auswirkt. In allen diesen Situationen versprechen die Bibelgruppe, der Betclub, der Missionsausflug dauerhafte Orientierung und Abhilfe.

Dem heißen Evangelisten Bush steht in John Kerry ein kühler Katholik gegenüber, der erste katholische Kandidat seit John F. Kennedy. Er geht zur Messe und äußert sich, wenn gefragt, zu seinem Glauben als politischem Motivationsgrund. Doch ist sein Verhältnis zur Kirche nicht ungetrübt. So steht seine Ablehnung der Todesstrafe im Einklang mit den Forderungen der katholischen Kirche, nicht aber seine Unterstützung des Rechtes auf Abtreibung. Auch der offene Brief, unterzeichnet von 48 Nobelpreisträgern, die Kerry unterstützen, weil dieser, im Gegensatz zu Bush, die Stammzellenforschung freigeben will, begeisterte die Bischöfen nicht. Nun hat, nach anfänglichen Bedenken, die nordamerikanische Bischofskonferenz befunden, dass es jeder Diözese freigestellt bleibt, ob sie einem Abtreibungsbefürworter die Kommunion gewährt oder nicht.

Ein wichtiger Grund für die frühe religiöse Aufhitzung des Wahlkampfs ist die Erkenntnis der Bush-Strategen, dass bei der Wahl 2000 die Mehrheit der "Evangelicals" nicht für Bush gestimmt haben. Das soll dieses mal auf jeden Fall anders werden - darum die frühen Auftritte auf den Kirchentagen und die häufigen rhetorischen Gesten. Bei den letzteren handelt es sich oft um kurze Zitate, aus dem evangelischen Gesangbuch oder aus Schlüsselpassagen der Bibel, die in die Reden eingewoben werden und den Co-Wiedergeborenen den Beistand des Präsidenten signalisieren.

Der Methodist


Kerry hat diesen Manövern zunächst durch die Anstellung einer "evangelischen" Religionsberaterin entgegenzuwirken versucht, doch musste sie gleich wieder aufs Abschiebegleis gestellt werden, da sie nicht widerlegen konnte, an einer ACT/UP-Protestaktion mitgewirkt zu haben, bei der Abendmahlsoblaten ausgespuckt wurden. Nun hat er mit John Edwards einen Methodisten zum zweiten Mann gekürt, dessen sonntäglicher Kirchgang im Verein seiner hübschen Familie häufig photographiert wird. Doch Kerry wird gut daran tun, sich intensiv um die Einwanderer aus Mexiko, Lateinamerika und den Philipinen zu kümmern, die fast allesamt katholisch sind. Überhaupt sind 42 Prozent aller Einwanderer katholisch, nur 19 Prozent Protestanten. Noch. Denn auch sie werden in den unermesslichen Raum vordringen und sich bald nach Rettung und dem direkten Zuspruch Gottes sehnen.

 

Quelle:             Frankurter Rundschau, 9.7.04, S.15

                        http://www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/politik_ausland/der_kampf_ums_weisse_haus/?cnt=467656&