Religion des Totalen Marktes

Kapitalismus als Religion

In dem kürzlich erschienen Buch von Carl Amery «Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt» beschreibt der Autor die bereits bei Hitler grundgelegte politische Absicht, hinter der ein mörderischer Sozialdarwinismus stecke. Er ist gleichzeitig davon überzeugt, daß dieser Sozialdarwinismus noch heute die entscheidende Triebfeder der gegenwärtigen technisch-wissenschaftlichen und ökonomischen Entwicklung ist.

"Diese These reformuliert Carl Amery in «Global Exit», indem er in der gegenwärtig bestimmenden Form der Weltwirtschaft, wie sie von der WTO, von der Weltbank und von einer Reihe von Regierungen als Ideal gefordert und als Programm durchzusetzen versucht wird, die avancierteste Form eines materialistischen Sozialdarwinismus von heute erkennt. Er bezeichnet diese Politik mit dem Ausdruck «Religion des Totalen Marktes», und er greift zu ihrer Beschreibung auf Kategorien und Analysen eines unter dem Titel «Kapitalismus als Religion» posthum bekannt gewordenen Fragments von Walter Benjamin aus dem Jahre 1921 zurück. In Benjamins Feststellung, der Kapitalismus funktioniere als «eine Religion aus bloßem Kult», findet Carl Amery den für ihn maß- gebenden Hinweis, der es ihm möglich macht, vom Totalen Markt als von einer Religion zu sprechen, denn nach seiner Meinung erzeugt der Totale Markt den Schein einer Transzendenz, indem er jede Suche nach einer Alternative zu den herrschenden Verhältnissen aus seinem Herrschaftsbereich ausschließt. ....

Auf dieser archaischen, unreflektierten Ebene funktioniert der Totale Markt in der Tat als Reichsreligion, selbst wenn das strikten religionswissenschaftlichen Kategorien nicht ganz entsprechen sollte. Was zählt und worum es geht, ist die Wirkung. Und die ist so brutal wie universal, ist die Wirkung einer fast unreflektierten und daher fast unwiderstehlichen profanen Religiosität.» (20)"

Wenn C. Amery hier den Totalen Markt als «Reichsreligion» bezeichnet, so erinnert er mit Absicht an den Kaiserkult des Römischen Imperiums, der als eine Art profane Ökumene die Vielzahl von Kulten und Religionen zuließ, solange er von diesen nicht in Frage gestellt wurde. «Seit 1989, soviel ist klar, leben wir in einer sehr ähnlichen, weil vom Imperium verordneten und fast spielend durchgesetzten alternativlosen Situation. Religiöse Konflikte im überlieferten Sinn sind eingestellt oder eingeschlafen (wenn man von historisch belasteten Brennpunkten wie Nordirland oder Palästina absieht): alle Kulte, von den Großkirchen über Islam und Buddhismus bis zur Exotik von Bhagwan und der manischen Scientology, sind mehr oder weniger toleriert. Aber es wird selbst- verständlich angenommen, daß sich darüber ein unwiderruflicher Konsens, eine Zivilreligion, ein way of life oder auch, wie Walter Benjamin schrieb, ein traum- und gnadenloser Kult wölbt, der alle unsere wesentlichen Entscheidungen alternativlos, oft schon im Vorfeld des scheinbaren common sense bestimmt.» (22f.)

Wenn C. Amery das Jahr 1989 als das Jahr nennt, in welchem die Herrschaft des Totalen Marktes unverblümt ihren Anspruch auf der Bühne des Weltgeschehens artikulieren konnte, so dient ihm diese Jahreszahl, um dessen lange und verborgene Inkubationszeit sichtbar zu machen. So markiert das «Jahr der Wende» im Rückblick keinen Bruch in der Geschichte, sondern es hat der unheimlichen Koalition von Ost und West ihren endgültigen Durchbruch verschafft, obwohl das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche System des Ostens implodierte: «Die sogenannte freie Welt und der real existierende Sozialismus teilten dogmatisch die gleiche, finale Heilsvorstellung einer Welt, in der die endlich ungehemmten, entfesselten Produktivkräfte die Zuckererbsen für alle endgültig vom Himmel auf die Erde holen würden - im Spiel und Widerspiel von Bedürfnissen und Bedürfnisbefriedigung.» (24) Die Verluste aus der Zeit des Kalten Krieges sind für Carl Amery unwiederbringlich, und sie haben zur dramatischen Zuspitzung der gegenwärtigen Lage geführt. Zu diesen Verlusten zählt einmal der Tatbestand, daß die Forderung nach Gerechtigkeit für alle, die doch seit der Arbeiterbewegung im 18. Jahrhundert für ein Jahrhundert lang (C. Amery spricht vom «sozialdemokratischen Jahrhundert») die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung bestimmt hatte, ihre Kraft verloren hat. An ihre Stelle wurde die Logik des Totalen Marktes gesetzt, die mit ihrer Regel, daß das Angebot von Produkten und Dienstleistungen ständig präsent sein und zur Schaffung neuer Märkte immer mehr erweitert werden muß, den Begrenzungen der biosphärischen Ressourcen nicht gerecht werden kann. So wurden in der Periode des Kalten Krieges die Gerechtigkeitsfrage und «die Gattungsfrage» marginalisiert, indem der Kampf um die Freiheit des Menschen mit dem Einsatz für den Totalen Markt identisch gesetzt worden ist. Nur wenige haben es gewagt, gegen diese Gleichsetzung Einspruch zu erheben, mußten sie doch damit rechnen, sich dem Verdacht auszusetzen, die Würde des Menschen gering zu schätzen.

Dieser zweifache Verlust ist nicht mehr aufzuholen. In knappen historischen Skizzen geht C. Amery in einer Reihe von Kapiteln seines Buches den Verästelungen dieser Verlustgeschichte, nämlich der Erosion der Politik, der Ökonomisierung der Grundlagenwissenschaft und dem Konsumismus als neuer psychophysischer Disposition der Menschen nach (35-81), nicht um eine Bilanz aufzuzeichnen, sondern um zu zeigen, wie der Totale Markt seinem von ihm proklamierten umfassenden Anspruch nicht genügt, den Menschen das Heil zu verbürgen.

C. Amerys Methode, mit dem religionsgeschichtlichen Begriff der «Reichsreligion» die Regeln und die Wirkungen des Totalen Marktes zu beschreiben, leistet dabei ein Zweifaches. Sie ermöglicht es ihm, den numinosen Charakter, den der Totale Markt entfaltet, in seinen verschleiernden Wirkungen zu erkennen. Des weiteren gibt sie ihm die Möglichkeit zu fragen, weiche Rolle die christlichen Kirchen und die Christen in diesem Prozeß der Errichtung des Totalen Marktes gespielt haben. C. Amery beschreibt diese Geschichte, angefangen bei der konstantinischen Wende bis zu den Prozessen der Säkularisierung und Verkirchlichung des Christentums im 19. Jahrhundert als eine Geschichte, in der Kirchen sowohl Akteure wie Opfer waren. Wichtig ist ihm dabei der Sachverhalt, daß den christlichen Kirchen bis ins 20. Jahrhundert immer wieder recht und schlecht «die konkrete Verleiblichung der verfaßten Christentümer in den jeweiligen Kulturen» (114) gelang. .....

Unter dem Titel «Das Notwendige - Wort und Tat» debattiert C. Amery im dritten Teil seines Buches die Konsequenzen, die sich aus seiner Analyse der Religion des Totalen Marktes für die Kirchen ergeben. Dabei geht es um nichts Geringeres als um die Frage: «Welche Hoffnung, welches Heil ist zu verkünden?» (126) Es geht darum, die Herrschaft der alternativlosen «Reichsreligion» zu brechen. Dazu diskutiert C. Amery zwei Traditionen des Alten Testamentes, um sie auf ihre Fruchtbarkeit zu prüfen, wie die christlichen Kirchen ihre Beziehungen zur Welt verstehen können. Die eine Tradition ist von der Erfahrung des babylonischen Exils geprägt, die von den Israeliten differenziert wahrgenommen und beschrieben wurde. Sie wußten einerseits um die Deportation und den Verlust ihrer Heimat, aber sie empfanden andererseits ihre Lebenssituation im Exil als erträglich. Aus diesem Grunde bildeten sie gegenüber der ansässigen Bevölkerung eine kognitive Minderheit, die sich gleichzeitig bewußt war, daß die Verhältnisse im Ganzen nicht stimmen. Gegenüber diesem Modell trauernder Hoffnung auf die verlorene Heimat, die auf den Zusammenbruch des Systems wartet und so auch in dessen Untergang mithineingezogen zu werden droht, plädiert C. Amery für einen Rückgriff auf die Tradition des Exodus, in der das Volk Israel den Aufbruch aus dem herrschenden System wagte, weil es erkannt hatte, daß es jederzeit vom System vernichtet werden konnte, wenn es diesem den von ihm erwarteten Nutzen nicht mehr zu bringen vermochte oder zu einer vermeintlichen oder wirklichen Bedrohung wurde. Die daraus entspringende Spiritualität zeichnet sich durch «Weltbewußtsein» und «Welthaftigkeit» aus, d.h. sie lebt aus dem Widerstand gegen die Alternativlosigkeit des Totalen Marktes und sie kämpft für die Erhaltung kultureller wie spiritueller Differenzen. C. Amery bezeichnet diese Wendung zur Weit mit dem traditionellen Begriff der «Mission»: «Dieser Typus der Mission weitet sich global aus, theologisch wie praktisch hat er bereits alle Erdteile erfaßt - und er steht unter dem Zeichen der <Option für die Armen>.» (147) Darüber zu debattieren, ob es den Kirchen gelingt, diesen Weg des Exodus zu gehen, steht uns nicht zu. Wohl sind wir gefragt, die ersten Schritte des Aufbruchs zu tun."

nach: Nikolaus Klein, aus: Orientierung, . Nr. 9, 66. Jahrgang Zürich, 15. Mai 2002, S. 97 ff