Die Terroranschläge vom 11. September 01 – Religiöser Wahn oder Wahnsinn aus Irreligiosität?

Jürgen Manemann betont: "Die These vorn «religiösen Wahn» (Spiegel) basiert auf einer Rationalisierung, die in ihrem hermeneutischen Verstehen die neue Dimension dieser Gewalt nicht in den Blick zu nehmen erlaubt. Der neue Terrorismus ist nicht eine gegenmoderne, antiglobale Reaktion, wie seine Exekutoren zur Verschleierung ihrer Interessen behaupten, sondern zutiefst modern, weil er keinen tellurischen (einem Land und einer Kultur zugehörigen) Charakter besitzt, sondern revolutionäre Prinzipien der Moderne (Technologisierung, Akzeleration, Mobilität usw.) zu den eigenen macht. Sein Programm ist nicht die Redivinisierung der Welt, sondern die Entweihung des Heiligen. Insofern ist er auch nicht Ausdruck eines Fundamentalismus, der die Fragmentierungen der Modernisierungsprozesse kitten will, indem er auf etwas Unerschütterliches verweist. Weder die Restauration alter noch die Schaffung neuer Fundamente, die zu erhalten sich lohnt, ist das Ziel; weder eine vorwärts- noch eine rückwärtsgewandte Utopie zeichnet diesen «Fundanientalismus» aus, sondern einzig das Anti-Utopische. Er intendiert nicht Heilung, sondern Untergang. Allein die gewalttätige Handlung ist ihm Dogma. Solch dogmatisiertes Handeln ist Ausdruck absoluter Politik, die auf einer Exklusion beruht, welche den Anderen der Vernichtung preisgibt. Der sich in den Terrorakten ausdrückende Nihilismus verschanzt sich hinter religiösen Floskeln. Sein Ziel ist Annihilation. Dieser Nihilismus ist zu unterscheiden vom Fanatismus, der als ein Aufschrei eines verwundeten Glaubens verstanden werden kann, den wir Europäer in unserer Gewaltgeschichte zurückgelassen haben. Im Fanatismus islamischer Gruppen und ihrer Gewalt artikuliert sich immer noch Utopisches, wenn auch rückwärtsgewandt. Absolute Gewalt hingegen ist intentionslos, und gerade in dieser Intentionslosigkeit besteht ihre Rationalität, genauer ihre «Terrorratio» (J.P. Reemtsma). Eine der Hauptfunktionen des Terrors besteht darin, jede Beziehung zwischen den Entscheidungen und den individuellen Schicksalen auszulöschen. Wenn man diesem Terror widerstehen will, dann müssen diese Unterschiede wahrgenommen werden. Ansonsten vollzieht man eine Rationälisierung der Gewalt, die dieser in die Hände spielt. Ein zweckrationales Verstehen stößt hier an seine Grenze, dann der Zweck liegt in der Vernichtung, sie allein ist sein «logisches» Ende. Die kognitiven Barrieren, die uns daran hindern, das zu verstehen, sind bewußt inszeniert. Das Testament des Terrorpiloten ist ein makaberes Beispiel dafür.

Wenn hier von Religiosität zu reden wäre, dann allenfalls im Sinne Wittgensteins, der gesagt hat, daß religiöser Wahnsinn, Wahnsinn aus Irreligiosität sei. Zugegeben, und wer wollte das abstreiten, es gibt auch einen Wahnsinn aus Religiosität, dieser drückt sich jedoch nicht in diesem Verbrechen aus.

Eine Reaktion auf diesen Terror darf sich nicht von der anderen Seite die Gesetze des Handelns vorgeben lassen. Sie muß das Irreligiöse benennen -und darum wissen, daß Rache zwar durchaus eine biblische Kategorie ist, aber eine, die Gott allein vorbehalten ist. Politisches Handeln muß sich anders als dieser Terrorismus nicht am Maßlosen, sondern am Maßvollen orientieren, an der Gerechtigkeit. Die Rede von «infinite justice» signalisiert jedoch nicht die Hegung der Gewalt, sondern deren Entgrenzung. Ein vermeintlich solidarischer Pazifismus mit den Opfern militärischer Reaktionen sieht hingegen in der Gefahr, Gerechtigkeit zu einer Worthülse werden zu lassen. Gegen die Apokalypse hilft ein apokalyptisches Denken, dem es um die Enthüllung dessen geht, was vorgibt, Gottes Wille zu sein, und beansprucht, den Platz Gottes einzunehmen. «Gott ist größer» - ein solcher Satz dekonstruiert jeglichen menschlichen Absolutheitsanspruch, drückt er sich praktisch und/oder theoretisch aus. Religion ist und bleibt ein heißes Eisen. Hier ist mehr theologische Selbstreflexion notwendig. Vielleicht befindet sich ja in den monotheistischen Religionen ein Potential, Wahnsinn aus Irreligiosität offenzulegen und zu bekämpfen."

Jürgen Manemann, Religiöser Wahn oder Wahnsinn aus Irreligiosität? in: Orientierung Nr. 20, Zürich 31.10.01. S. 213