Ratzinger: Es gab zu viele Eingriffe Roms
Der mächtige Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger
sorgt für eine Überraschung

WIEN, 29.3.2004 (d.n.). "Ich habe keine Schwierigkeiten zuzugestehen, dass
wir in manchem vielleicht großzügiger sein müssen. Dass es zu viele
Eingriffe der Zentralinstanz gab. Ich habe keine Schwierigkeiten damit,
darüber nachzudenken, wo es weniger Zentralismus und mehr Dezentralismus
geben könnte. Es gibt keine absolute Sperre seitens des Heiligen Stuhls, das
neu zu justieren."

Mit diesen selbstkritischen Worten sorgte der Präfekt der
Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger bei einem Gespräch mit
Medienvertretern im Erzbischöflichen Palais am Samstag Abend nach der
Beisetzung Kardinal Franz Königs für eine Überraschung. Ratzinger fügte
freilich hinzu: "Wichtig ist, dass der Faktor Einheit gegenwärtig bleibt und
die kulturellen Eigenräume ihre Kraft entfalten. Das auszubalancieren,
gelingt nicht immer richtig."

Eine Rüge musste Helmut Schüller einstecken, Leiter der "Ombudsstelle für
Opfer sexuellen Missbrauchs" in der Erzdiözese Wien. Schüller hatte
Ratzinger wegen einer angeblichen Interview-Aussage kritisiert,
Missverständnisse des Konzils seien schuld am Anstieg von sexuellen
Missbräuchen durch Priester gewesen. Ratzinger: "Ich habe mich geärgert,
dass der Herr Schüller nicht die Zeit hatte, den Text zu lesen." Er habe die
Frage gestellt: Was ist Reform? Ratzinger weiter: "War es Reform, dass nach
dem Konzil in zehn Jahren 50.000 Ordensfrauen um ihren Dispens von den
Ewigen Gelübden gebeten haben?"

Der Dekan des Kardinalskollegiums erinnerte, dass er als Professor beim
Konzil teilgenommen hatte: "Es war immer so, dass ein Konzil sich der
Vieldeutigkeit aussetzt, und das vergrößert und vergröbert sich hinterher.
Das war schon im vierten Jahrhundert so, als es noch keine Massenmedien
gab", fügte der Kardinal mit schmalem Lächeln hinzu. Es sei eine
"dramatische Aufgabe", sich mit einigen Jahrzehnten Abstand um die rechte
Annahme des Konzils zu bemühen: "Vielleicht können wir das erst jetzt im 21.
Jahrhundert richtig erfassen. So ein Konzil gibt uns ein Erbe. Es muss auch
errungen werden."

Angesprochen auf den Gegenwind, der der katholischen Kirche entgegen bläst,
meinte Ratzinger, es gelte nichts zu verharmlosen, was den Ernst der Lage
betreffe. Freilich: "Wo Kirche nicht Bürokratie ist oder mit Vorschriften
auftritt, da sieht man doch, wie die Menschen da sind. Die Kirche ist noch
immer eine Quelle von Licht und Zukunft."

Weshalb Papst Johannes Paul II. nicht am 22. Mai nach Mariazell zur
"Wallfahrt der Völker" kommt? Ratzinger: "Jede Art der Bewegung ist für ihn
sehr mühsam geworden. Mangel an Liebe oder Interesse ist es sicher nicht.
Der Papst liebt Österreich sehr. Er versteht sich schon von seinem Vater her
(der diente in der k. u. k. Armee; Anm.) irgendwie als Österreicher."

Aus: Die Presse, 29.3.2004
Quelle: http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=c&ressort=w&id=413058