Priesterweihen: Rekordtief in der Kirche von Österreich

 

WIEN (ewi). Mit nur 26 neuen Priestern wird in diesem Jahr ein Tiefststand in der katholischen Kirche erreicht. Diese Zahl an Absolventen der Priesterseminare erhält im Juni die Priesterweihe. In der Erzdiözese Wien rechnet man damit, dass voraussichtlich bis zum Jahresende noch einige weitere Priesterweihen folgen werden.

 

In ganz Österreich gibt es etwas mehr als 3000 katholische Pfarren, aber - nach der Statistik 2004 - nur 2404 Priester in den Pfarren. Wie viele pro Jahr in den Ruhestand gehen, will man offiziell nicht sagen. "Die meisten sind noch mit 80 Jahren im Einsatz", sagt kathpress-Chefredakteur Erich Leitenberger.

 

Von den 26 Priesterweihen entfallen 15 auf Diözesan- und elf auf Ordenspriester. Aber auch die meisten Ordenspriester übernehmen eine Pfarre. Allein in der Erzdiözese Wien wird etwa die Hälfte der Pfarren von Ordensmännern geführt.

 

Vor 30 Jahren hat es noch jährlich mehr als 70 Priesterweihen pro Jahr gegeben. Seit 1998 sackt die Zahl der Weihen aber deutlich ab (siehe Grafik). 2005 gab es aber immerhin noch 32 Weihen.

 

Der rückläufige Trend sowie viele nicht besetzte katholische Pfarren haben schon vor Jahren den Ruf nach einer Reform bei der Zulassung zum Priesteramt - etwa für Frauen und Verheiratete - ausgelöst. Erst vor zwei Monaten bildete sich rund um den früheren Caritas-Direktor Helmut Schüller und den langjährigen Krenn-Gegner Udo Fischer eine "Pfarrer-Initiative", die eine Gegenstrategie zum "Sterben der Pfarren" sucht.

 

20.6.06

Quelle: http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=p&ressort=i&id=566000

 

 

Rote Karte für die Kirche

 

Geflissentlich wurden die neuen Spielregeln ignoriert - von Markus Rohrhofer

 

Nachwuchsarbeit ist das Um und Auf. Klassisches Beispiel dafür ist das derzeit dauerpräsente "runde Leder". Während die erste Liga coram publico über den WM-Rasen fegt, wird im Fußball stets kräftig an der Nachhut gefeilt. Um nicht statt elf plötzlich nur acht Spieler aufs Feld schicken zu müssen, gilt es, rechtzeitig vorzusorgen. Eine Binsenweisheit, die die katholische Kirche seit Jahrzehnten sträflich missachtet. Auf der klerikalen Reservebank werden heuer gerade einmal 25 Nachwuchsspieler sitzen.

 

Die Gesamtsumme der Priesterweihen hat einen historischen Tiefstand erreicht und die katholische Kirche hat sich mit diesem Eigentor ins Abseits befördert. Geflissentlich wurden vonseiten der Kirche die neuen Spielregeln ignoriert.

 

Zu glauben, jungen Menschen den Pfarrberuf schmackhaft zu machen, indem man mit besonderer Fürsorge das verstaubte Image des kreuzbraven Dorfpfarrers, der stets zölibatär Tag und Nacht für seine Schäfchen da sein muss, pflegt, ist schlichtweg naiv. Solange die Hilferufe aus den Pfarrgemeinden auf bischöflicher Ebene nur Schall und Weihrauch bleiben, wird sich nichts ändern.

 

Unverständlich ist angesichts des Priestermangels vor allem, dass die klerikalen Entscheidungsträger eine Diskussion über ein Viri-probati-Modell, also dem Einsatz von bewährten, verheirateten Priestern, meiden wie der Teufel das Weihwasser. In Oberösterreich zeigt sich besonders, wie schwer die Kirche am eigenen Kreuz trägt: 150 verheiratete Priester haben sich zu der Vereinigung "Priester ohne Amt" zusammengeschlossen, rund 70 von ihnen könnten jederzeit sofort ein Amt antreten. Wenn da dann die "bischöflichen" Trainer trotz Spielermangels nicht entsprechend handeln, gebührt ihnen nur eins: die rote Karte.

(DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2006)

 

Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=2487191