Priestermangel bringt Diözesen in Bedrängnis

 

Kirchenbewegung kritisiert Ausbildung / "Gehorsamkeitsgebot spricht nur Konservative an"

Ein Ende des Priestermangels in Deutschland ist nicht in Sicht. Nach jahrelangem Abwärtstrend hat sich die Zahl der Weihen katholischer Priester zwar stabilisiert, sie liegt jedoch nach Angaben der deutschen Bischofskonferenz weiter auf einem viel zu niedrigem Niveau. Die katholische Bewegung "Wir sind Kirche" nennt das Image des Priesterberufs als einen Grund dafür und fordert, Laien stärker in die Gemeindeleitung einzubeziehen.

Von Hilde Regeniter

FRANKFURT A.M., 14. April. Der Sprecher von "Wir sind Kirche", Christian Weisner, sieht das Zölibat als wichtigen Grund, dass sich junge Männer gegen eine klerikale Laufbahn entscheiden. "Aber auch viele, die sich den Priesterberuf in seiner derzeitigen Form vorstellen könnten, schrecken vor dem oft restriktiven Umfeld dieser Arbeit zurück", meint er.

 

So seien etwa der Treueeid und das Gehorsamkeitsgebot etwas, "das nur konservative Leute anspricht". Der Sprecher der Kirchenbewegung erzählt von jungen Bekannten, die sich ernsthaft für den Eintritt ins Seminar interessiert, dann aber einen Rückzieher gemacht hätten. Sie hätten sich reglementiert gefühlt und seien auf "zu viele Schmalspur-Denker" gestoßen. In einzelnen Fällen habe es klare Kleidervorschriften wie "keine Turnschuhe" gegeben oder ein Fernsehverbot nach 22 Uhr. Eine derart weltfremde Ausbildung könne die Priester nicht für die heutige Zeit fit machen, sagt Weisner.

 

Auch der Umgang einzelner Bischöfe mit sexuellem Missbrauch durch Geistliche habe dem Ansehen der Priester in der Bevölkerung geschadet und potenzielle Kandidaten abgeschreckt.

 

2002 ließen sich laut Statistik der Bischofskonferenz in Deutschland 131 Männer zum katholischen Priester weihen - das sind sieben mehr als im Vorjahr und 23 weniger als im Jahr 2000. Zudem gab es 200 neue Priesteramtskandidaten. Diese Zahl an Priestern und Kandidaten genüge nicht, um das Leben in den Gemeinden in bisher gewohnter Weise fortzuführen, sagte der Leiter des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz, Rainer Birkenmaier, der Katholischen Nachrichten-Agentur. Er prognostizierte den katholischen Diözesen "große Bedrängnis" durch den Priestermangel, warnte aber gleichzeitig vor "pastoralen Ersatzlösungen, die das Wesen der Kirche und des priesterlichen Amts verdunkeln".

 

Die Kirchenbewegung kritisiert hingegen klar die Fixierung der Gemeindeleitung auf den Priester. Ein Pfarrer, der mit der Führung dreier Gemeinden völlig überfordert sei, vermittle jungen Leuten ein wenig attraktives Berufsbild, meint Weisner. "Es gibt genug pastorale Modelle, nach denen Laien den Priester so entlasten, dass der sich ganz auf seine seelsorgerischen Aufgaben konzentrieren kann." Solche Lösungen könnten einen Motivationsschub auslösen - sowohl bei den vielen gut ausgebildeten Laien als auch bei möglichen Priesteramtsanwärtern.

 

15.4.03, S. 5

Quelle: http://213.187.75.204/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=194584&sid=3432b07a4f19999a788e62d9d893824f