"Wir sind Kirche" zum Priestermangel in der Kirche
Anhaltende Dürre im Weinberg des Herrn. Keinen Mangel an geistlichen Berufungen, aber eine Blindheit der Kirchenleitung.
Als "ernste Anfrage an Gesellschaft und Kirche" erkennt Kardinal Schönborn zu Recht den dramatischen Mangel an geistlichen Berufen in Österreich, schiebt im Anschluss daran aber ausschließlich dem gesellschaftlichen Umfeld die Verantwortung dafür zu: Es fehle an Ermutigung junger Menschen, an Wertschätzung für Priester, an Gemeinden, die Kandidaten ins Seminar schicken. Folgerichtig unterstreicht er einmal mehr die Notwendigkeit einer Einstellungsänderung unter den Gläubigen und übersieht dabei konsequent, dass es sich beim Priestermangel vor allem um ein hausgemachtes Problem der römisch-katholischen Kirche handelt.
Es gibt keinen Mangel an geistlichen Berufungen, sehr wohl aber eine Blindheit der Kirchenleitung, die Vielfalt von Berufungen heute anzuerkennen. Die Einstellungsänderung unter den Gläubigen ist längst im Gang, und in den Gemeinden fänden sich genügend Menschen für priesterliche Dienste, wenn die Kirchenleitung endlich wahrnehmen würde, dass schematisierte Gebetsaufrufe nicht automatisch mehr Priester bringen und Gott vielleicht andere Berufungskriterien kennt als das Kirchenrecht.
Um Arbeiter im Weinberg zu bitten und zugleich die meisten
Menschen zurück zu weisen, die sich für diesen Dienst anbieten,
weil sie verheiratet oder weiblich sind, missbraucht die
Aufforderung zum Gebet als Ausflucht, die Zeichen der Zeit
erkennen zu müssen und eine Antwort aus dem Evangelium darauf zu
finden. Antworten aus dem Kirchenrecht sind zu wenig und
behindern ein lebendiges Wachsen der Kirche von heute. Wo
Wachstum behindert wird, kommt es nicht nur zu Auswüchsen -
Früchte werden ebenfalls kaum reifen
können.
Gebet dispensiert nicht vom Handeln, und Handlungen sind jetzt vor allem von der Kirchenleitung gefordert und dürfen sich nicht darin erschöpfen, die Verantwortung der Gläubigen für priesterliche Berufungen einzufordern und die eigene Verantwortung für eine zeitgemäße Form dieses Amtes und seiner Zulassungsbedingungen weit von sich zu schieben.
27.6.02
Quelle: http://www.we-are-church.org/at/Presse2002/presseaussendungen_2002.htm#Dürre
Presseaussendung 21. Juni 2002