Der Mangel an Priester und Laienmitarbeitern in der Kirche nimmt zu
Abwärtstrend: Berufe der Kirche in der Krise
Zum Weltgebetstag für geistliche Berufe - Eine Bestandsaufnahme
Freiburg/Bonn - Die christlichen Kirchen in Deutschland haben zunehmend mit Problemen zu kämpfen: Die Menschen strömen nicht mehr in die Kirche; die Tradition christlicher Frömmigkeit, die alle Lebensbereiche durchdringt, ist gebrochen; in den Familien wird der Erlösungsglaube nicht mehr so unbefangen wie früher weitergegeben. Das hat Auswirkungen auch auf die geistlichen Berufe. Immer weniger junge Menschen stellen sich für einen lebenslangen Dienst in der Kirche zur Verfügung. So ist die Zahl der Neupriester in der Bundesrepublik weiterhin rückläufig, wie das Freiburger Zentrum für Berufungspastoral anlässlich des "39. Weltgebetstages für geistliche Berufe" festgestellt hat, der an diesem Sonntag unter dem Leitwort "Berufung entfalten - ganz persönlich, aber nicht allein" begangen wird.
Parallel zum Rückgang der Priester- und Ordensberufe geht auch der sonntägliche Gottesdienstbesuch zurück. Wie das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz ermittelt hat, kamen 1999 auf je 100 Katholiken in Deutschland 16,6 Gottesdienstteilnehmer an Sonntagen, ein Jahr zuvor waren es 17,1 und im Jahr 1990 21,9. Vieles spreche dafür, so die Studie, dass die Rückläufigkeit Ausdruck sei für einen tieferen Wandel im Verhaltensmuster bei den nachwachsenden Katholiken: Von einer erlernten und gewohnten, fraglos selbstverständlichen Teilnahme zu einer je gewählten Teilnahme.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig. Fachleute sind sich darüber einig, dass junge Leute heutzutage in einer an Konsum und Spaß orientierten Erlebnisgesellschaft aufwachsen, in der längerfristige Entscheidungen mit Verbindlichkeiten wenig gefragt sind. Wo früher der Glaube wie selbstverständlich an junge Menschen weitgergegeben wurde, wird heute eher eine "Selbstverwirklichung" praktiziert, die der Beliebigkeit von Meinungen und Überzeugungen breiten Raum gibt. Auch wird der Beruf des Priesters wie der des Ordensgeistlichen oder der Ordensfrau gelegentlich in düsteren Farben beschrieben: die Anforderungen seien zu hoch, der alltägliche Stress bedeute Raubbau an der Gesundheit, die Vielfalt administrativer Tätigkeiten lasse zu wenig Raum für das Wesentliche in der Seelsorge - alles Zustandsbeschreibungen, die nicht von der Hand zu weisen sind.
Die katholischen Bischöfe Deutschlands haben deshalb wiederholt auf mögliche Auswege hingewiesen. So erklärte der Erfurter Bischof Joachim Wanke, bei der Weitergabe des Glaubens funktioniere kein Automatismus, vielmehr müsse Kirche mit offenen Angeboten zum Glauben hinführen. Der Vorsitzende der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz wandte sich auch ausdrücklich dagegen, den Priestermangel allein an der Pflicht zur Ehelosigkeit festzumachen. Die Kirche in Ostdeutschland habe auch Schwierigkeiten, genügend Frauen und Männer als Gemeindereferenten zu finden, sagte Wanke. Außerdem sehe er die Krise der Pastoralberufe auch in der evangelischen Kirche, die den Zölibat nicht kenne.
Für den Pastoraltheologen Paul M. Zulehner bedeute Werbung für Priester, welche die Kirche für morgen dringend braucht, dass jene, die heute Priester sind, "eine gute Balance halten können zwischen dem Eintauchen in die Lebenswelt moderner Menschen und zugleich dem Eintauchen in das tragende Geheimnis Gottes. Die Kirche braucht vor allem Priester, die gottvoll und menschennah in einem sind".Michael Dorndorf
Literatur: "Berufung: Zur Pastoral der geistlichen Berufe 2002", Zentrum für Berufungspastoral, Schoferstraße 1, 79098 Freiburg, Telefon: 0761-3 89 06 60
Internet: www.berufung.org
Priesterberufungen
In den deutschen Diözesen sind im Jahr 2001 nach Angaben des Zentrums für Berufungspastoral 122 Neupriester geweiht worden; zusätzlich empfingen 31 Ordensmänner die Priesterweihe. Im Jahr zuvor wurden 154 Neupriester und 31 Ordensleute geweiht. Für die Zukunft prognostiziert die in Freiburg ansässige Arbeitsstelle der Bischofskonferenz, dass sich die Weihezahl in den kommenden Jahren bei 110 Neupriestern einpendeln wird. Im vergangenen Jahr haben bundesweit insgesamt 1105 junge Männer den Weg zum Priesterberuf beschritten. Die Zahl der neu eingetretenen Männer, die das Priesteramt anstreben, ist seit nunmehr sieben Jahren stabil. In weiten Teilen der Weltkirche sieht die Entwicklung erheblich günstiger aus. So belief sich die Zahl der Priesteramtskandidaten weltweit im Jahr 2000 auf 110 583 (1978 waren es 63 882). In Europa erhöhte sich die Zahl der Priesteramtsanwärter um 12 Prozent.
kna/nov
18.4.02
Quelle: www.katholische-kirche.de