Pressestimmen zur Enzyklika: Deus Caritas est

 

Monotheismus & Monogamie

Zur päpstlichen Liebesbotschaft

VON CHRISTIAN SCHLÜTER

Die Reaktionen auf die neue Papst-Enzyklika Deus Caritas Est waren wohlwollend bis begeistert. Das bereits am 25. Dezember letzten Jahres - "dem Hochfest der Geburt des Herren" - verfasste, aber erst am Mittwoch veröffentlichte Rundschreiben richtet sich an die Bischöfe, an die Priester und Diakone, an die gottgeweihten Personen und an alle Christgläubigen Viele dürfen sich angesprochen fühlen, letztlich alle Menschen christlichen Glaubens. Dennoch, die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. bietet auch dem in Angelegenheiten der christlichen Caritas Unmusikalischen einige Anregungen. Dieser Umstand lässt sich als Hinweis auf den nach wie vor in Geltung stehenden universalistischen Anspruch der katholischen Kirche nehmen.

Wenn sich also die angesprochene Christenheit über Benedikt XVI. als "Propheten der Liebe" freut, wenn sie die von seiner ersten Enzyklika ausgehende "Botschaft der Versöhnung" und "ökumenische Initiative" begrüßt, wenn sie gar einen Sinneswandel des einstmaligen "Panzerkardinals" und "Großinquisitors" Ratzinger erleichtert zur Kenntnis nimmt - dann sind es für den Nichtchristen vor allem zwei Aspekte des päpstlichen Rundschreibens, die sein Interesse fordern. Der eine betrifft das Verhältnis von Liebe und Vernunft, der andere das von Liebe und Leiblichkeit. Beide werden von Benedikt XVI. in der "Caritas" zusammengeführt, einem Wort, das nicht einfach mit Liebe zu übersetzen, sondern vielmehr als Einheit der vielen Spielarten der Liebe zu verstehen ist: als Fürsorge für den konkreten Anderen in der Verantwortung vor Gott.

Das ,Beweisziel' der päpstlichen Argumentation liegt somit in der Klärung des Sachverhalts, dass "jeder, der mich braucht und dem ich helfen kann, mein Nächster ist. Der Begriff ,Nächster' wird universalisiert und bleibt doch konkret. Er wird trotz der Ausweitung auf alle Menschen nicht zum Ausdruck einer unverbindlichen Fernstenliebe, sondern verlangt meinen praktischen Einsatz hier und jetzt." Die hier reklamierte, niemals einfache, stattdessen immer gespannte, vielfach bedingte Einheit aus Universalem und Konkretem, Allgemeinem und Einzelnem beschreibt ein normativ durchaus anspruchsvolles, geradezu philosophisches Programm. Was ist mit dieser Einheit nun gemeint?

Benedikt XVI. beginnt seine Überlegungen mit dem Eros, jener leiblichen Liebe zwischen Mann und Frau, die "gemeinsam die Ganzheit des Menschseins darstellen... \[und\] ,ein Fleisch' miteinander" werden. Klarerweise und wenig überraschend hat diese Bindung in die Ehe einzumünden, letztlich um ihre "Einzigkeit und Endgültigkeit" zu bezeugen; andere, zumal nicht-heterosexuelle Bindungen sind hier nicht vorgesehen, sie werden aber in diesem Zusammenhang und im Unterschied zu den sonst üblichen Verlautbarungen der katholischen Kirche nicht eigens erwähnt und also auch nicht ausdrücklich zurückgewiesen - was den allfälligen Streit um die Gottgewolltheit homosexueller Lebensgemeinschaften immerhin entdramatisiert.

Die päpstliche Enzyklika muss sich allerdings auch aus argumentationsstrategischen Gründen dem im Gebot gesellschaftlicher Reproduktion begründeteten heterosexuellen Eros buchstäblich vom Leibe halten; der nämlich wäre zu "materialistisch" und somit einem seiner wahren Bestimmung entfernten Zweck unterworfen. Benedikt XVI. predigt vielmehr den Eros, der im "verlangenden Zugehen auf den anderen immer weniger nach sich selber fragen, immer mehr das Glück des anderen wollen, immer mehr sich um ihn sorgen, sich schenken" wird. Erst diese "Ekstase" oder Hingabe überführt den Eros aus der Bindung zwischen zwei Menschen in die Nähe jener "Einzigkeit und Endgültigkeit", die "dem monotheistischen Gottesbild entspricht".

Grundsätzlich und seine Argumentation leitend geht es Benedikt XVI. um den inneren Zusammenhang von Monotheismus und Monogamie - anders ist die liebende Einheit in Gott nicht zu haben. Und anders ist die Vernunft, um die es dem Papst wie kaum einem seiner Vorgänger ebenfalls geht, nicht zu haben, wohlgemerkt eine aufklärende, eine praktische und kommunikative Vernunft. Dass Gott seinen Sohn geopfert hat - "jene Wende Gottes gegen sich selbst" also -, lässt ihn zum Inbegriff eines unüberbietbaren und von keinem anderen als sich selbst zu gebietenden Liebesaktes werden: "Aus dem Gegenüber zu Gott wird durch die Gemeinschaft mit der Hingabe Jesu Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut." Das ist die Liebe als gemeinschaftsbildender Logos und zugleich als "mystisches" Moment, durch das allein die Vernunft zur sozialen Einheit erwächst.

Mit oder ohne Gott: Es ist hier die "Ekstase", die Rückhaltlosigkeit in der Liebe, die sie von ihren warenförmigen, zweckmittelhaften Zurichtungen bewahrt. Und das ist in der Tat wenn nicht eine frohe, so doch eine allemal herausfordernde Botschaft.

Frankfurter Rundschau, 28.1.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=795482&sid=5234e5e3fd11ced6c93a67aa299d5878

 

 

Pressestimmen zur Papst-Enzyklika:

"Oldenburgische Volkszeitung"

Zur ersten Enzyklika "Gott ist die Liebe" von Papst Benedikt dem XVI. schreibt die Zeitung aus Vechta

 

Als erster Papst erklärt er, dass es in der katholischen Kirche Tendenzen der Leibfeindlichkeit immer gegeben habe. Im Umkehrschluss heißt dies: Die katholische Kirche darf und will dies nicht. Dies ist wohl das vielsagendste Beispiel dafür, dass Benedikt XVI. ein Papst ist, der sich zum Ziel gesetzt hat, Reform und Tradition behutsam zu vereinen. Seine Enzyklika ist ein Manifest des Willens zur Erneuerung.

 

"Pforzheimer Zeitung"
Der Kommentator vermisst den Reformwillen beim Papst:

 

Papst Benedikt will offenbar sein Pontifikat - wie zu erwarten - nicht zur wirklichen Reform nutzen. Wie schon sein Vorgänger passt er lediglich die Kommunikation und sein Auftreten den Erwartungen einer globalisierten Welt an. Das mag als zu wenig bedauert werden. Andererseits ist es etwas mehr, als wirkliche Kenner Ratzingers erhofft hatten.

"Münchner Merkur"

Dort lesen wir zur "Regierungserklärung" des Kirchenoberhauptes:

 

Neun Monate nach seinem Amtsantritt hatten viele Katholiken deutliche Worte des Mannes erwartet, der noch als Präfekt der Glaubenskongregation mit ungeheurer Schärfe gegen die "Diktatur des Relativismus" gewettert hatte. Benedikt XVI. wählte in seiner Enzyklika einen anderen Weg - er stellt die Einmaligkeit der christlichen Botschaft in den Mittelpunkt: Liebe ist die zentrale Dimension des Christentums, Gottesliebe und die Liebe zum Nächsten gehören zusammen. Von muffiger Leibfeindlichkeit findet sich in dem päpstlichen Schreiben keine Spur. Eros, der zu purem Sex degradiert, wird selbstverständlich strikt abgelehnt. Und Eros gehört natürlich streng zur Ehe, zur monogamen Partnerschaft. Bekannte Glaubenswahrheiten, aber ohne drohenden Zeigefinger oder verstaubte Mottenkistenmoral.

 

Frankfurter Rundschau, 27.1.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=794966&sid=5234e5e3fd11ced6c93a67aa299d5878

 

Die Liebe, wie der Papst sie sieht

Benedikt XVI. fordert in seiner ersten Enzyklika tätige Nächstenliebe und verzichtet darauf, Sexualität zu verteufeln

Die Kirche sollte sich nach dem Willen des Papstes auf ihr "Kerngeschäft" Liebe konzentrieren und keine Politik machen. In seiner ersten Enzyklika widerspricht Benedikt XVI. sexualfeindlichen Interpretationen der Bibel, indem er das Hohelied auf die Liebe in ihrer körperlichen wie auch geistigen Form anstimmt.

Rom · "Der zum ,Sex' degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen ,Sache'; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja, der Mensch selbst wird dabei zur Ware", warnt das Kirchenoberhaupt in seinem Lehrschreiben mit dem Titel "Deus caritas est" (Gott ist Liebe). Anstatt Sexualität darin zu verteufeln, bezeichnet er sie als eines der beiden wesentlichen Elemente der Liebe und verweist auf das Alte Testament, in dem die Liebe Gottes zum Volk Israel in erotischen Bildern dargestellt ist.

Ruf nach Zucht und Reinigung


Leibliche, begehrende Liebe bedarf dem Papst zufolge der "Zucht und Reinigung", damit sie den Menschen zur Einheit mit sich selbst und mit Gott führt. Dabei lässt der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation allein die heterogeschlechtliche Liebe gelten. Mann und Frau stellen demnach "erst gemeinsam die Ganzheit des Menschseins" dar", die auf die Ehe als einzige und endgültige Bindung verweise.

Auf die begehrende und gebende Liebe des Christen führt der Papst das Gebot der tätigen Nächstenliebe zurück. In der Kirche müsse die Erfüllung dieses Auftrages durch karitative Einrichtungen gewährleistet sein. Dieses "Liebeshandeln" müsse unabhängig von Ideologien und politischen Parteien bleiben. Caritas sei "nicht ein Mittel ideologisch gesteuerter Weltveränderung und steht nicht im Dienst weltlicher Strategien", betont der Papst und warnt vor marxistischen Tendenzen auch innerhalb kirchlicher Organisationen: "Der Marxismus hatte die Weltrevolution und deren Vorbereitung als das Allheilmittel für die soziale Problematik vorgestellt", doch "dieser Traum ist zerronnen".

Die katholische Soziallehre, die seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, biete angesichts der Herausforderungen der Globalisierung klare Leitlinien. Die Globalisierung würdigt der Papst in seinem Lehrschreiben nicht nur in ihren negativen Folgen, sondern auch in den daraus resultierenden erweiterten Möglichkeiten für Hilfsorganisationen.

Aufbau gerechter Staatsordnungen, so stellt der Papst klar, sei nicht Aufgabe der Kirche, sondern der Politik, die jedoch auch der "reinigenden Kraft" des Glaubens bedürfe. Von "praktischer Dringlichkeit" für die Mitarbeiter karitativer Organisationen sei das Gebet. Denn nur so könnten sie dem Vorbild von Mutter Teresa von Kalkutta folgen und der Versuchung zu weltverbesserndem politischem Handeln widerstehen.

Kardinal Karl Lehmann lobte die erste Enzyklika von Benedikt XVI. Der Pontifex ziele mit seinem "Weltrundschreiben" auf die Grundhaltung der Christen schlechthin, nämlich auf die Liebe ab. "Der Papst geht damit ganz bewusst hinein in das Zentrum der christlichen Botschaft", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in Mainz. Benedikt XVI. selbst spreche in dem Text zur Gottes- und Nächstenliebe von einer Botschaft " von ganz praktischer Bedeutung". Lehmann zeigte sich überzeugt, "dass der Papst angesichts der Situation in der Welt und im Blick auf die Chance des christlichen Glaubens ins Schwarze trifft".

Der Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter sagte, die Enzyklika sei "ein Aufruf an alle, dem Ungeist von Rache, Hass, Terror und Gewalt mit aller Entschiedenheit zu widerstehen". Der Präsident des Deutschen Caritas-Verbandes, Peter Neher, sprach von einer hohen Wertschätzung für die Arbeit der Hilfsorganisation.

Das Ökumene-Institut der evangelischen Kirche bewertete die Enzyklika als Appell zur Weiterführung der katholischen Soziallehre. Das Dokument mache klar, dass eine Regierung nie allein eine gerechte Ordnung schaffen könne, sagte Martin Schuck vom Konfessionskundlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im südhessischen Bensheim. epd/dpa

Frankfurter Rundschau, 26.1.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=794166&sid=5234e5e3fd11ced6c93a67aa299d5878

 

Hans Küng zur Enzyklika

Der katholische Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng (77) begrüßte die erste Enzyklika des Papstes als "gutes Signal". Die FR dokumentiert seine Stellungnahme:

"Viele Katholiken sind bestimmt froh, dass Papst Benedikts XVI. erste Enzyklika kein Manifest des Kulturpessimismus oder leibfeindlicher kirchlicher Sexualmoral ist, sondern sich einem zentralen theologischen und anthropologischen Thema widmet. Das meiste, was in diesem respektablen, solide und differenziert gearbeiteten Dokument über die Liebe gesagt wird, müsste für Christen selbstverständlich sein. Papst Ratzinger bietet in sachlichem Stil solide theologische Kost über Eros und Agape, Amor und Caritas und hütet sich, falsche Gegensätze aufzubauen. Ein gutes Signal, das ich begrüße. Doch hat die Enzyklika Grenzen: Ich wünschte uns eine zweite Enzyklika: nicht über die Liebe Gottes und Jesu Christi und über das karitative Handeln der Kirche und ihrer Organisationen, sondern über Strukturen der Gerechtigkeit in der institutionellen Kirche selber und den liebevollen Umgang mit allen verschiedenen Gruppen: mit den Frauen und Männern, die Verhütungsmittel gebrauchen; mit den Geschiedenen und wieder Verheirateten; mit den wegen des Zölibats ausgeschiedenen Priestern; mit den kritischen Stimmen in der Kirche; mit den protestantischen und anglikanischen Amtsträgern, denen man die Gültigkeit ihrer Abendmahlsfeiern abspricht.

Joseph Ratzinger würde ein großer Papst, wenn er aus seinen richtigen und wichtigen Worten über die Liebe mutige Konsequenzen für die kirchlichen Strukturen und juristischen Regelungen folgen ließe. Zu wünschen wäre neben der römischen Glaubenskongregation eine römische Liebeskongregation, die jeden Erlass der Kurie überprüft, ob er der christlichen Liebe entspricht."

Frankfurter Rundschau, 26.1.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=794168&sid=5234e5e3fd11ced6c93a67aa299d5878

 

Die Heidenangst vor der chaotischen Macht der Sexualität

Religion und Sexualität waren stets Konkurrenten in Sachen Ekstase. Papst Benedikt XVI. versucht in seiner Enzyklika, diese Konkurrenz zu entschärfen. Er betont die Einheit von Geist und Körper.

VON MARKUS BRAUCK

Es ist ein spannungsreiches Verhältnis, das zwischen der Liebe und der Religion. Einerseits waren die sexuelle Liebe und die Religion stets Konkurrenten. Reinheit - ob nun die antiker Priesterinnen oder die zölibatärer Kleriker der katholischen Kirche - stand stets im Ruf der Heiligkeit. Vor der chaotischen Macht der Sexualität hatte Kirchenführer und Theologen zu jeder Zeit einen Heidenrespekt.

In Zeiten, in denen sich fromme Menschen im Wettstreit gegenseitig zu überbieten versuchten, da wuchs sich der Respekt vor der Sexualität zur Leibfeindlichkeit aus. Religion und Sexualität waren stets Konkurrenten in Sachen Ekstase.

Andererseits haben Geistliche immer wieder die Liebe zwischen Menschen als Bild genommen, um das Verhältnis Gott-Mensch zu beschreiben. Und keineswegs nur das Idealbild. Die Religion Israels beruht auf der Erwählung eines Volkes durch Gott. Das Verhältnis dieses Gottes zu seinem Volk ist einerseits patriarchalisch, wie das eines Vaters zu seinem Kind. Trotzdem wird die Liebe Gottes zu seinem Volk oft beschrieben wie das eines Liebhabers zu seiner Geliebten. Mit einer guten Prise Erotik.

Die Propheten Hosea, Jeremia und Ezechiel konfrontieren das Volk, das sich von seinem Gott abwendet, mit dem Bild eines Gottes, der leidenschaftlich liebt und unter der Treulosigkeit leidet. Bei Jesaja wird der Liebesgedanke weitergeführt: Gott, der betrogene Liebhaber, verzeiht seinem untreuen Volk. Und im Buch Exodus heißt es: "Ich bin ein eifersüchtiger Gott."

Liebe als Leid


Das Christentum dreht diese Geschichte der Liebe ein Stück weiter. Auch hier erscheint Gott als der Liebende, der unter der Treulosigkeit der geliebten Menschen leidet. Liebe ist Leid. Doch wird hier aus der Metapher brutale Realität. Gott stirbt am Kreuz. Im Johannesevangelium wird daraus Theologie. Die Welt steht am Abgrund, nur die Liebe kann sie retten. Diesem Evangelium hat Benedikt XVI. die ersten Worte seiner Enzyklika entnommen. "Gott ist die Liebe."

Johannes Paul II. hatte in seiner ersten Enzyklika "Redemptor Hominis", zu Deutsch: "Christus, Erlöser des Menschen" ein düsteres Bild der Gegenwart gezeichnet: Die Menschheit auf dem Weg in die Sklaverei des Materialismus. Bei Benedikt scheinen diese dunklen Visionen nur selten auf. Etwa, wenn er von einer Welt schreibt, "in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird".

Die Enzyklika Benedikts vermeidet alle Verurteilungen und jeden scharfen Ton. In Sachen Sexualmoral bietet der Papst zwar nichts Neues, allerdings versucht er, die Konkurrenz von Religion und Sexualität zu entschärfen. Auch der Eros bekommt seinen Platz in der Theologie.

Leibfeindlich will Benedikt nicht sein: "Wenn der Mensch nur Geist sein will und den Leib sozusagen als bloß animalisches Erbe abtun möchte, verlieren Geist und Leib ihre Würde." Mehr noch. Wenn man die begehrende Liebe, so der Papst, als unfromm ansieht, dann wird das Christentum "zu einer Sonderwelt, die man dann für bewundernswert ansehen mag, die aber doch vom Ganzen der menschlichen Existenz abgeschnitten würde".

Liebe und Religion stehen in einem spannungsreichen Verhältnis. Besonders Sexualität und Frömmigkeit. Das sieht auch Benedikt XVI. so. Denn trotz allen Lobs des Eros sieht er auch Grenzen des Lustprinzips: "Und wenn der Mensch den Geist leugnet und so die Materie, den Körper, als alleinige Wirklichkeit ansieht, verliert er wiederum seine Größe."

Frankfurter Rundschau, 26.1.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=794165&sid=5234e5e3fd11ced6c93a67aa299d5878

 

Das Hohelied der Liebe

Die verschiedenen Formen der Liebe - Eros und Agape - gehören für das Oberhaupt der katholischen Kirche zu- sammen. Aber es mahnt zugleich, im Nächsten das göttliche Bild zu suchen / Auszüge aus dem Lehrschreiben "Deus caritas est" von Papst Benedikt XVI.

Das Wort "Liebe" ist heute zu einem der meistgebrauchten und auch missbrauchten Wörter geworden, mit dem wir völlig verschiedene Bedeutungen verbinden. Auch wenn das Thema dieses Rundschreibens sich auf die Frage nach dem Verständnis und der Praxis der Liebe gemäß der Heiligen Schrift und der Überlieferung der Kirche konzentriert, können wir doch nicht einfach von dem absehen, was dieses Wort in den verschiedenen Kulturen und im gegenwärtigen Sprachgebrauch aussagt.

Erinnern wir uns zunächst an die Bedeutungsvielfalt des Wortes "Liebe": Wir sprechen von Vaterlandsliebe, von Liebe zum Beruf, von Liebe unter Freunden, von der Liebe zur Arbeit, von der Liebe zwischen den Eltern und ihren Kindern, zwischen Geschwistern und Verwandten, von der Liebe zum Nächsten und von der Liebe zu Gott.

In dieser ganzen Bedeutungsvielfalt erscheint aber doch die Liebe zwischen Mann und Frau, in der Leib und Seele untrennbar zusammenspielen und dem Menschen eine Verheißung des Glücks aufgeht, die unwiderstehlich scheint, als der Urtypus von Liebe schlechthin, neben dem auf den ersten Blick alle anderen Arten von Liebe verblassen.

Da steht die Frage auf: Gehören alle diese Formen von Liebe doch letztlich in irgendeiner Weise zusammen, und ist Liebe doch - in aller Verschiedenheit ihrer Erscheinungen - eigentlich eins, oder aber gebrauchen wir nur ein und dasselbe Wort für ganz verschiedene Wirklichkeiten? (. . .)

Der Liebe zwischen Mann und Frau, die nicht aus Denken und Wollen kommt, sondern den Menschen gleichsam übermächtigt, haben die Griechen den Namen Eros gegeben. Nehmen wir hier schon vorweg, dass das Alte Testament das Wort Eros nur zweimal gebraucht, während es im Neuen Testament überhaupt nicht vorkommt: Von den drei griechischen Wörtern für Liebe - Eros, Philia (Freundschaftsliebe), Agape - bevorzugen die neutestamentlichen Schriften das letztere, das im griechischen Sprachgebrauch nur am Rande gestanden hatte. Der Begriff der Freundschaft (Philia) wird dann im Johannesevangelium aufgegriffen und in seiner Bedeutung vertieft, um das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Jüngern auszudrücken.

Dieses sprachliche Beiseiteschieben von Eros und die neue Sicht der Liebe, die sich in dem Wort Agape ausdrückt, zeigt zweifellos etwas Wesentliches von der Neuheit des Christentums gerade im Verstehen der Liebe an. In der Kritik am Christentum, die sich seit der Aufklärung immer radikaler entfaltet hat, ist dieses Neue durchaus negativ gewertet worden. Das Christentum - meinte Friedrich Nietzsche - habe dem Eros Gift zu trinken gegeben; er sei zwar nicht daran gestorben, aber zum Laster entartet. Damit drückte der deutsche Philosoph ein weit verbreitetes Empfinden aus: Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben? Stellt sie nicht gerade da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren lässt?

Aber ist es denn wirklich so? Hat das Christentum tatsächlich den Eros zerstört? Sehen wir in die vorchristliche Welt. Die Griechen - durchaus verwandt mit anderen Kulturen - haben im Eros zunächst den Rausch, die Übermächtigung der Vernunft durch eine "göttliche Raserei" gesehen, die den Menschen aus der Enge seines Daseins herausreißt und ihn in diesem Überwältigtwerden durch eine göttliche Macht die höchste Seligkeit erfahren lässt. Alle anderen Gewalten zwischen Himmel und Erde erscheinen so als zweiten Ranges: "Omnia vincit Amor", sagt Vergil in den Bucolica - ,,die Liebe besiegt alles". Und er fügt hinzu: "Et nos cedamus amori" - "weichen auch wir der Liebe". In den Religionen hat sich diese Haltung in der Form der Fruchtbarkeitskulte niedergeschlagen, zu denen die "heilige" Prostitution gehört, die in vielen Tempeln blühte. Eros wurde so als göttliche Macht gefeiert, als Vereinigung mit dem Göttlichen.

Das Alte Testament hat sich dieser Art von Religion, die als übermächtige Versuchung dem Glauben an den einen Gott entgegenstand, mit aller Härte widersetzt, sie als Perversion des Religiösen bekämpft. Es hat damit aber gerade nicht dem Eros als solchem eine Absage erteilt, sondern seiner zerstörerischen Entstellung den Kampf angesagt. Denn die falsche Vergöttlichung des Eros, die hier geschieht, beraubt ihn seiner Würde, entmenschlicht ihn. Die Prostituierten im Tempel, die den Göttlichkeitsrausch schenken müssen, werden nämlich nicht als Menschen und Personen behandelt, sondern dienen nur als Objekte, um den "göttlichen Wahnsinn" herbeizuführen: Tatsächlich sind sie nicht Göttinnen, sondern missbrauchte Menschen. Deshalb ist der trunkene, zuchtlose Eros nicht Aufstieg, "Ekstase" zum Göttlichen hin, sondern Absturz des Menschen. So wird sichtbar, dass Eros der Zucht, der Reinigung bedarf, um dem Menschen nicht den Genuss eines Augenblicks, sondern einen gewissen Vorgeschmack der Höhe der Existenz zu schenken - jener Seligkeit, auf die unser ganzes Sein wartet.

Zweierlei ist bei diesem kurzen Blick auf das Bild des Eros in Geschichte und Gegenwart deutlich geworden. Zum einen, dass Liebe irgendwie mit dem Göttlichen zu tun hat: Sie verheißt Unendlichkeit, Ewigkeit - das Größere und ganz Andere gegenüber dem Alltag unseres Daseins. Zugleich aber hat sich gezeigt, dass der Weg dahin nicht einfach in der Übermächtigung durch den Trieb gefunden werden kann. Reinigungen und Reifungen sind nötig, die auch über die Straße des Verzichts führen. Das ist nicht Absage an den Eros, nicht seine "Vergiftung", sondern seine Heilung zu seiner wirklichen Größe hin.

 

Dies liegt zunächst an der Verfasstheit des Wesens Mensch, das aus Leib und Seele gefügt ist. Der Mensch wird dann ganz er selbst, wenn Leib und Seele zu innerer Einheit finden; die Herausforderung durch den Eros ist dann bestanden, wenn diese Einung gelungen ist. Wenn der Mensch nur Geist sein will und den Leib sozusagen als bloß animalisches Erbe abtun möchte, verlieren Geist und Leib ihre Würde. Und wenn er den Geist leugnet und so die Materie, den Körper, als alleinige Wirklichkeit ansieht, verliert er wiederum seine Größe. Der Epikureer Gassendi redete scherzend Descartes mit "o Geist" an. Und Descartes replizierte mit "o Leib!" Aber es lieben nicht Geist oder Leib - der Mensch, die Person, liebt als ein einziges und einiges Geschöpf, zu dem beides gehört. Nur in der wirklichen Einswerdung von beidem wird der Mensch ganz er selbst. Nur so kann Liebe - Eros - zu ihrer wahren Größe reifen.

Heute wird dem Christentum der Vergangenheit vielfach Leibfeindlichkeit vorgeworfen, und Tendenzen in dieser Richtung hat es auch immer gegeben. Aber die Art von Verherrlichung des Leibes, die wir heute erleben, ist trügerisch. Der zum "Sex" degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen "Sache"; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja, der Mensch selbst wird dabei zur Ware. In Wirklichkeit ist dies gerade nicht das große Ja des Menschen zu seinem Leib. Im Gegenteil: Er betrachtet nun den Leib und die Geschlechtlichkeit als das bloß Materielle an sich, das er kalkulierend einsetzt und ausnützt. Es erscheint nicht als Bereich seiner Freiheit, sondern als ein Etwas, das er auf seine Weise zugleich genussvoll und unschädlich zu machen versucht.

In Wirklichkeit stehen wir dabei vor einer Entwürdigung des menschlichen Leibes, der nicht mehr ins Ganze der Freiheit unserer Existenz integriert, nicht mehr lebendiger Ausdruck der Ganzheit unseres Seins ist, sondern gleichsam ins bloß Biologische zurückgestoßen wird. Die scheinbare Verherrlichung des Leibes kann schnell in Hass auf die Leiblichkeit umschlagen. Demgegenüber hat der christliche Glaube immer den Menschen als das zweieinige Wesen angesehen, in dem Geist und Materie ineinander greifen und beide so einen neuen Adel erfahren. Ja, Eros will uns zum Göttlichen hinreißen, uns über uns selbst hinausführen, aber gerade darum verlangt er einen Weg des Aufstiegs, der Verzichte, der Reinigungen und Heilungen. (. . .)

In der philosophischen und theologischen Diskussion sind diese Unterscheidungen oft zu Gegensätzen hochgesteigert worden: Christlich sei die absteigende, schenkende Liebe, die Agape; die nichtchristliche, besonders die griechische Kultur sei dagegen von der aufsteigenden, begehrenden Liebe, dem Eros geprägt. Wenn man diesen Gegensatz radikal durchführte, würde das Eigentliche des Christentums aus den grundlegenden Lebenszusammenhängen des Menschseins ausgegliedert und zu einer Sonderwelt, die man dann für bewundernswert ansehen mag, die aber doch vom Ganzen der menschlichen Existenz abgeschnitten würde. In Wirklichkeit lassen sich Eros und Agape - aufsteigende und absteigende Liebe - niemals ganz voneinander trennen. Je mehr beide in unterschiedlichen Dimensionen in der einen Wirklichkeit Liebe in die rechte Einheit miteinander treten, desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen von Liebe überhaupt. Wenn Eros zunächst vor allem verlangend, aufsteigend ist - Faszination durch die große Verheißung des Glücks -, so wird er im Zugehen auf den anderen immer weniger nach sich selber fragen, immer mehr das Glück des anderen wollen, immer mehr sich um ihn sorgen, sich schenken, für ihn da sein wollen. Das Moment der Agape tritt in ihn ein, andernfalls verfällt er und verliert auch sein eigenes Wesen.

Umgekehrt ist es aber auch dem Menschen unmöglich, einzig in der schenkenden, absteigenden Liebe zu leben. Er kann nicht immer nur geben, er muss auch empfangen. Wer Liebe schenken will, muss selbst mit ihr beschenkt werden. Gewiß, der Mensch kann - wie der Herr uns sagt - zur Quelle werden, von der Ströme lebendigen Wassers kommen. Aber damit er eine solche Quelle wird, muss er selbst immer wieder aus der ersten, der ursprünglichen Quelle trinken - bei Jesus Christus, aus dessen geöffnetem Herzen die Liebe Gottes selber entströmt.

Die Väter haben diesen unlöslichen Zusammenhang von Aufstieg und Abstieg, von gottsuchendem Eros und von weiterschenkender Agape auf vielfältige Weise in der Erzählung von der Jakobsleiter symbolisiert gesehen. In diesem biblischen Text wird berichtet, daß der Patriarch Jakob im Traum über dem Stein, der ihm als Kissen diente, eine Leiter sah, die bis in den Himmel reichte und auf der Engel auf- und niederstiegen. (. . .)

Im letzten ist "Liebe" eine einzige Wirklichkeit, aber sie hat verschiedene Dimensionen - es kann jeweils die eine oder andere Seite stärker hervortreten. Wo die beiden Seiten aber ganz auseinander fallen, entsteht eine Karikatur oder jedenfalls eine Kümmerform von Liebe. Und wir haben auch schon grundsätzlich gesehen, dass der biblische Glaube nicht eine Nebenwelt oder Gegenwelt gegenüber dem menschlichen Urphänomen Liebe aufbaut, sondern den ganzen Menschen annimmt, in seine Suche nach Liebe reinigend eingreift und ihm dabei neue Dimensionen eröffnet. Dieses Neue des biblischen Glaubens zeigt sich vor allem in zwei Punkten, die verdienen, hervorgehoben zu werden: im Gottesbild und im Menschenbild. (....)

Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur "fromm" sein möchte, nur meine "religiösen Pflichten" tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch "korrekt", aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber.

Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt. Die Heiligen - denken wir zum Beispiel an die selige Theresa von Kalkutta - haben ihre Liebesfähigkeit dem Nächsten gegenüber immer neu aus ihrer Begegnung mit dem eucharistischen Herrn geschöpft, und umgekehrt hat diese Begegnung ihren Realismus und ihre Tiefe eben von ihrem Dienst an den Nächsten her gewonnen. Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot. (...)

Die in der Gottesliebe verankerte Nächstenliebe ist zunächst ein Auftrag an jeden einzelnen Gläubigen, aber sie ist ebenfalls ein Auftrag an die gesamte kirchliche Gemeinschaft, und dies auf all ihren Ebenen: von der Ortsgemeinde über die Teilkirche bis zur Universalkirche als ganzer. Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe üben. Das wiederum bedingt es, dass Liebe auch der Organisation als Voraussetzung für geordnetes gemeinschaftliches Dienen bedarf. (....)

Frankfurter Rundschau, 26.1.06

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/?cnt=794121&sid=5234e5e3fd11ced6c93a67aa299d5878

 

Enzyklika: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20051225_deus-caritas-est_ge.html