Mit einem Open-Air-Gottesdienst, an dem 20 000 Menschen
teilnahmen, ist am Sonntag in Saarbrücken der 96. Deutsche Katholikentag zu
Ende gegangen. Sowohl die Laienorganisation, das Zentralkomitee der Deutschen
Katholiken (ZDK), als auch die Bischöfe machten das Thema Gerechtigkeit als ein
hochaktuelles politisches Betätigungsfeld aus, in das sich die Kirche verstärkt
einbringen müsse. Von der katholischen Basis gab es Forderungen zu mehr
innerkirchlicher Demokratie. Gemessen an früheren Katholiken- oder
evangelischen Kirchentagen war die Zahl von weniger als 40 000 Besuchern in
Saarbrücken eher bescheiden.
Lebendige Spiritualität könne gesellschaftsverändernde Kraft haben, meinte der
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. Der Trierer
Bischof Reinhard Marx sprach von einem Signal der Erneuerung für die
katholische Soziallehre. Und der Präsident des ZDK, Hans Joachim Meyer, zog die
Bilanz: „Wir haben gezeigt, wie dringlich der Einsatz für mehr Gerechtigkeit
ist.“ Die Repräsentanten der Amtskirche standen offenbar unter dem Eindruck
vieler Diskussionen auf dem Katholikentag, in denen es um die Themen
Massenarbeitslosigkeit, Hartz IV und Integration ging. Die hohe Präsenz von
politischen Funktionsträgern, vom Bundespräsidenten über die Regierungschefs
aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und Kroatien tat ein Übriges, um die
politischen Botschaften stärker in die Medien zu transportieren als die
religiösen.
Wurde vor Beginn des Katholikentages noch spekuliert, wie stark der Besuch des
deutschen Papstes in Polen dem Katholikentag schaden würde, war zum Abschluss
davon nichts mehr zu hören. Mit dem Motto „Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“
hatten die Organisatoren zumindest einen medialen Volltreffer gelandet, der ein
großes Echo darüber auslöste, ob die Kapitalrendite das bestimmende Maß in der
Gesellschaft sein darf. Erstmals wurde in Saarbrücken auf einem Katholikentag
auch die europäische Karte gespielt. Es gab Veranstaltungen im benachbarten
Frankreich, und aus Frankreich und Luxemburg kamen gleichzeitig viele Gäste, um
über Themen wie Frieden oder den Wert einer Verfassung für Europa zu
diskutieren.
Das ZDK hatte mit einem Memorandum zur Mitwirkung von Laien bei der Ernennung
von Bischöfen einen Stein zum Thema innerkirchliche Demokratie ins Rollen
gebracht. Da dies in der Regel der Papst alleine entscheidet, wird dem Vorstoß
wenig Aussicht auf Erfolg gegeben. Doch er zielt wohl vor allem auf die
Vorgänge im Bistum Regensburg, wo Bischof Manfred Müller den von Laien
gewählten Diözesanrat und die Dekanatsräte aufgelöst hatte. Das ZDK-Papier
wurde erst einmal vertagt.
Ein weiteres innerkirchliches Debattenfeld war die Ökumene. Am letzten Abend
des Katholikentages hatte die Vereinigung „Wir sind Kirche“ und die „Initiative
Kirche von unten“ zu einer Veranstaltung außerhalb des offiziellen
Kirchentagprogramms in das Saarbrücker Staatstheater zu einer Diskussion mit
dem suspendierten Hochschullehrer und Priester Gotthold Hasenhüttl eingeladen.
Das Theater musste wegen Überfüllung teilweise geschlossen werden, und
Hasenhüttl bekam für seine massiven Vorwürfe über die Autokratie der deutschen
Bischöfe viel Applaus. Auf dem ersten ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin
hatte er das Abendmahl für evangelische und katholische Christen angeboten.
Nach Auseinandersetzungen wurde er daraufhin vom Priesteramt suspendiert und
ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Die evangelische Hochschullehrerin
Johanna Haberer äußerte in dieser Veranstaltung den Verdacht, dass die
katholische Kirche überhaupt nicht mehr an einer Versöhnung mit der
evangelischen interessiert sei. Theologisch seien alle Argumente ausgetauscht.
Der Tagesspiegel, 29.05.06
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/archiv/29.05.2006/2560550.asp