Presseschau:
Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Sie zanken wie die
Protestanten
In der katholischen Kirche öffnen sich tiefe Gräben zwischen Bischöfen
und
Theologieprofessoren
WELT, 23.9.2003. Gewöhnungsbedürftig ist es schon. Lustvolles Streiten in
aller Öffentlichkeit war bisher ein Merkmal evangelischer Freiheit;
Katholiken trugen ihre Differenzen eher verschämt hinter verschlossenen
Türen, im "stillen Kämmerlein" aus. Nun gibt es auch auf katholischer
Seite
keine Scheu mehr, die Meinungsverschiedenheiten coram publico zu benennen.
Der Ökumenische Kirchentag in Berlin hat die Dämme öffentlicher
Zurückhaltung zum Bersten gebracht. Die Unbotmäßigkeit des emeritierten
Theologieprofessors Gotthold Hasenhüttl, der "am Rande" des
Christentreffens
auch Protestanten zur Kommunion einlud, ist zu einem Fall für Rom geworden:
Hasenhüttl hat beim Apostolischen Stuhl gegen seine Suspendierung durch den
Trierer Bischof Reinhard Marx Beschwerde eingelegt. Die vatikanischen Mühlen
mahlen wieder mit der üblichen kurialen Bedächtigkeit.
Umso schneller sind allerdings deutsche Würdenträger mit Urteilen über die
"priesterliche Disziplinlosigkeit" zur Stelle. Sie erkennen in
Hasenhüttls
Verhalten kein Einzelgeschehen, sondern die auffälligste Bestätigung einer
lang und breit geübten Praxis. Steht doch die Bemerkung mehrerer
Kirchenmänner im Raum: Wenn wir so (wie Marx) vorgehen würden, müssten wir
einen erheblichen Teil unseres Klerus maßregeln! Der dem Papst besonders
verbundene Münchner Kardinal Leo Scheffczyk sieht "eine sich
zurückbildende
und deformierende Eucharistieauffassung im katholischen Bereich". Von
daher
dürfe man auch die Kritik am Kirchentag, wie sie die Purpurträger Ratzinger
und Meisner artikulierten, nicht herabsetzen, sondern müsse sie geradezu
fordern.
Ins Visier der Glaubenswächter gerät immer mehr die Theologenzunft. Die
katholische Theologie, so lautet die Diagnose des Dogmatikers Scheffczyk,
trete mit einem hohen Wissenschaftsanspruch auf, aber sie sei sich des
eigenen Charakters einer Glaubenswissenschaft nicht voll bewusst. So gerate
sie in die Nähe einer christlichen Religionswissenschaft, und einer solchen
Entwicklung gelte es "entgegenzuarbeiten". Der Kardinal definiert
Theologie
klar als "kirchliche Wissenschaft", was natürlich eine erhebliche
Eingrenzung bedeutet. Der unausgesprochene Vorwurf: Die deutschen Bischöfe
unter ihrem Vormann Karl Lehmann haben die Zügel schleifen lassen, haben
zugesehen, wie Seilschaften modernistischer Professoren gegen den
Glaubensgehorsam verstießen und die katholische Lehre verwässerten.
Kurienkardinal Joseph Ratzinger sagt es mit der ihm eigenen Rhetorik: Was
der Emeritus Hasenhüttl auf dem Kirchentag angestellt hat (die "offene
Kommunion"), ist noch relativ gering im Vergleich zu dem, was er lehrte.
Der
Saarbrücker Professor habe eine Dogmatik geschrieben, "in der er uns sagt,
dass es Gott als eine in sich seiende Wirklichkeit gar nicht gibt, sondern
lediglich ein Begegnungsereignis sei" - "eine gewisse Weise der
Mitmenschlichkeit". Das ist "nicht katholisch". Diese Einlassung
könnte
signalisieren, dass sich Rom nicht nur mit dem Rekurs des gemaßregelten
Priesters, sondern auch mit den Schriften des Theologen befassen werde -
möglicherweise durch die Kongregation für Glaubenslehre, deren Chef
Ratzinger ist. Ein Emeritus auf der Anklagebank? Ein neuer spektakulärer
Fall 25 Jahre nach der Causa Küng?
An Stimmen, die Rom zu einem entschiedenen Vorgehen ermuntern, fehlt es
nicht. Zum Beispiel der Jesuit Professor Raymund Schwager. Hasenhüttl und
"manche andere" seiner Kollegen, donnert der Gelehrte, verließen
nicht nur
den Boden der katholischen Kirche, sondern auch den eines bekenntnismäßigen
Christentums. "So bleibt es Aufgabe der zuständigen Bischöfe zu
handeln."
Der Trierer Ordinarius Marx hat gehandelt. Bei ihm häufen sich die Proteste
empörter Katholiken über die Suspendierung Hasenhüttls. Doch er bleibt
dabei: "Ich habe den Konflikt nicht vermeiden können." Der Glaube
könne
nicht von Meinungsumfragen oder Unterschriftenlisten abhängig gemacht
werden. "Hier geht es um die Wahrheit, und die ist nicht verhandelbar."
Spätestens hier wird deutlich, dass die Brisanz dieses Konflikts weit über
die "bewusste Provokation von Berlin" (Marx) hinausreicht. Die
evangelischen
Kirchen sind mit involviert. Es müsse endlich gesagt werden, was die
Protestanten beim Abendmahl glaubten, fordert Bischof Marx: "Da habe ich
noch nichts Substanzielles in der Hand."
Sein Kollege Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) formuliert es
vorsichtiger, wenn auch nicht minder deutlich. Er würdigt zunächst die
"wachsende Wertschätzung" des Abendmahls in den Kirchen der
Reformation und
regt dann einen Evangelischen Kirchentag an, der die Feier des Abendmahls
"ganz in den Mittelpunkt stellt" - nicht als religiöses
Gemeinschaftsmahl,
sondern, wie von Martin Luther betont, bewusst als reale Gegenwart Christi
in Brot und Wein.
Damit ist von katholischer Seite der alte innerprotestantische Dissens
markiert. Ob das etwas bringt, bleibt freilich fraglich. Denn
jahrhundertealte Gegensätze werden sich auch durch einen Kirchentag, der
traditionsgemäß in evangelischer Freiheit pluralistisch angelegt ist, nicht
auflösen lassen. Hier ist eher weiter geduldige theologische Arbeit
angesagt. Auch auf die Gefahr hin, dass die Ungeduldigen schon über neue
"Provokationen" nachsinnen. (Gernot Facius)
Aus: DIE WELT, 23.9.2003
Quelle: http://www.welt.de/data/2003/09/23/172184.html
Ausnahmezustand in Magenta
Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz:
Fulda vier Tage im Schatten von 68 katholischen Würdenträgern
FULDA, 23.9.2003. Alljährlich im September herrscht um den Fuldaer Dom der
Ausnahmezustand. Wo sonst fast klösterliche Ruhe überwiegt, bestimmen in
dieser Woche die 68 katholischen Bischöfe den Takt und Ton. Schwarze
Limousinen, Konferenzen bis in die Nacht und an allen Ecken Fernsehteams,
Fotoreporter und Journalisten. Das Priesterseminar im Schatten des
Barockdomes von Fulda erlebt vier Tage im Zeichen katholischer Würdenträger.
Die deutschen Oberhirten aus 27 Bistümern halten bis zum Donnerstagabend
ihre traditionelle Herbstvollversammlung ab.
Die Themenpalette berührt nicht nur rein religiöse Gebiete, sondern befasst
sich in diesem Jahr mit dem europäischen Integrationsprozess und der
europäischen Verfassung. Auch das Zusammenleben von Christen und Muslimen
wird beraten und dazu eine Arbeitshilfe für die Gemeinden vorgestellt. Zur
aktuellen Debatte um die Zukunft unserer Sozialssysteme hielt Karl Kardinal
Lehmann als Vorsitzender der Bischofskonferenz das Eingangsreferat unter der
Überschrift "Zusammenhalt und Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung
zwischen den Generationen". Die - ganz praktische und immer häufigere -
Frage, was mit wenig genutzten Kirchen geschehen soll, erörtern die
Oberhirten ebenfalls, um betroffenen Innenstadtgemeinden eine
Orientierungshilfe für die Zweckentfremdung von Kirchengebäuden zu geben.
Die Fuldaer Bischofskonferenz ist in den vergangenen Jahren auch zu einem
Ort geworden, wo kirchenkritische Organisationen öffentlichkeitswirksam ihre
Forderungen vortragen und der Aufmerksamkeit anwesender Medien sicher sein
können. Um mehr "Bodenhaftung" der Bischöfe bemüht sich die
Reformbewegung
"Wir sind Kirche", die zur Eröffnung am Montag mit rund 30
Mitgliedern eine
Mahnwache in der Johannes-Dyba-Allee abhielt. Die Entfremdung der
katholischen Oberhirten von ihren "Schäfchen" sei vor allem nach dem
ersten
ökumenischen Kirchentag unübersehbar geworden, moniert Sprecher Christian
Weisner. Über 80 Prozent der Christen seien für ein gemeinsamens Abendmahl
und zeigten kein Verständnis für die überharte Abstrafung zweier Priester,
die die eucharistische Gastfreundschaft während des Kirchentags praktiziert
hätten.
Die Zusammenkunft der katholischen Oberhirten ist seit Jahren zu einem
bundesweiten Medienereignis geworden, auch wenn die Abläufe immer noch
weitgehend ritualisiert sind und die Würdenträger grundsätzlich unter
strengem Ausschluss der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Türen tagen.
Jeden Morgen beginnt die Tagung der Bischöfe mit einem feierlichen
Pontifikalamt im Dom. Viele Gläubige nutzen die rare Gelegenheit wenigstens
zum Sichtkontakt: In Zweierreihen ziehen die Oberhirten in feierlichem Ornat
ein, die Messgewänder in Kardinalsrot und magentafarben dominieren den
Barockbau. Auch die Schülerinnen einer katholischen Privatschule besuchen
geschlossen die Gottesdienste. Sonst sieht man während der Konferenz wenig
von den Bischöfen im Fuldaer Stadtbild. Sie übernachten unmittelbar neben
dem Dom in den Räumen des Priesterseminars und nutzen den Schlosspark zu
Spaziergängen, wo eine Gruppe von Bischöfen vor drei Jahren unabsichtlich
eingeschlossen wurde. (Carla Ihle-Becker)
Aus: Frankfurter Rundschau, 23.9.2003
Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/frankfurt_und_hessen/frankfurt/?cnt=309545
Reformer rufen Bischöfe zu Dialog mit Gläubigen auf
FULDA, 22. September 2003 (dpa/epd). Kirchenreformer haben den deutschen
katholischen Bischöfen zum Auftakt ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda
vorgeworfen, bei dem Treffen wichtige Themen auszusparen. Die vor einem Jahr
beschlossenen Richtlinien zum sexuellen Missbrauch in der Kirche seien noch
nicht vollständig umgesetzt, sagte ein Sprecher der Initiative "Wir sind
Kirche" am Montag bei einer Mahnwache am Fuldaer Dom.
Sie müssten ebenso auf die Tagesordnung wie die "unangemessene
Bestrafung"
der beiden Priester Gotthold Hasenhüttl und Bernhard Kroll nach dem
Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Die Initiative rief die Bischöfe auf,
sich nicht länger einem Dialog mit den Gläubigen zu verweigern. Die Kirche
stehe vor dramatischen Herausforderungen, die nur von Bischöfen und
Kirchenvolk gemeinsam bewältigt werden könnten. Trotz der Richtlinien zum
sexuellen Missbrauch fehle es in vielen Bistümern weiterhin an einem
unabhängigen Beratungsangebot.
Eine energische Wende in der Familienpolitik mahnte Kardinal Karl Lehmann,
Vorsitzender der Bischofskonferenz, zum Auftakt der Herbstvollversammlung.
Es sei "erschreckend, seit wie langer Zeit die Forderung nach einer
Balance
und dem Ausgleich der Generationen von den Experten verlangt wird", sagte
er. Politik und gesellschaftlichen Kräfte hätten "seit Jahrzehnten"
diese
Mahnungen und Warnungen nicht ausreichend wahrgenommen.
Aus: Frankfurter Rundschau, 23.9.2003
Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=309460
23.9.03