Jeder dritte Priester sei
Ende 1982 in den Akten des kommunistischen Geheimdienstes SB als Informant
geführt worden. Fast 6 000 Geistliche sollen kollaboriert haben. Diese Zahl
nannte die Zeitung Dziennik jetzt.
Es war die Zeit des
Kriegsrechtes und der Verfolgung jeglicher oppositioneller Regung. Die
"Solidarnosc", der mehr als ein Viertel der polnischen Bevölkerung
angehört hatte, war verboten. Die katholische Kirche galt den meisten als Ort
des Schutzes und des Vertrauens. Lange sind die Polen der heiklen Frage
ausgewichen: War die Kirche auch ein Ort des Verrats?
Vermutungen und partielle
Gewissheiten gab es immer. Aber erst im Februar dieses Jahres hatte der
Erzbischof von Krakau, Kardinal Stanislaw Dziwisz, eine Kommission
"Erinnerung und Sorge" eingesetzt. Sie soll die Stasi-Verstrickung
von Klerikern systematisch aufklären. Danach tat sich öffentlich jedoch kaum
etwas.
In dieser Woche verlor
Tadeusz Isakowicz-Zaleski die Geduld. Er war zu "Solidarnosc"-Zeiten
Pfarrer in der Stahlwerker-Stadt Nowa Huta und ist noch immer ein sehr
populärer Mann. Der Priester wollte die Namen von 28 Geistlichen aus der
Erzdiözese Krakau nennen, die nach seinen Ermittlungen mit dem SB
zusammengearbeitet hatten. Jedoch Kardinal Dziwisz erteilte ihm Redeverbot. Der
Priester gehorcht.
Er scheue die Wahrheit
nicht, auch wenn sie noch so schmerzhaft sei, schrieb Dziwisz in einem Brief.
Aber Namen dürften erst nach "gewissenhaften historischen Studien"
genannt werden, um wirklich gesicherte Erkenntnisse zu haben. So weit sei man
frühestens im Oktober, meint der Krakauer Weihbischof Jan Szodon.
Es ist zweifelhaft, ob
die polnische Öffentlichkeit so lange Geduld haben wird. In den Zeitungen
jedenfalls wird schon jetzt ein Name nach dem anderen genannt. Die
Spitzel-Verdächtigungen könnten bedrohlich werden für den inneren Frieden
Polens.
Berliner
Zeitung, 03.06.2006
Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/555738.html