Polens Kirche und die Schmerzen der Wahrheit

6 000 Priester sollen als Informanten des Geheimdienstes SB geführt worden sein

Frank Herold

Jeder dritte Priester sei Ende 1982 in den Akten des kommunistischen Geheimdienstes SB als Informant geführt worden. Fast 6 000 Geistliche sollen kollaboriert haben. Diese Zahl nannte die Zeitung Dziennik jetzt.

Es war die Zeit des Kriegsrechtes und der Verfolgung jeglicher oppositioneller Regung. Die "Solidarnosc", der mehr als ein Viertel der polnischen Bevölkerung angehört hatte, war verboten. Die katholische Kirche galt den meisten als Ort des Schutzes und des Vertrauens. Lange sind die Polen der heiklen Frage ausgewichen: War die Kirche auch ein Ort des Verrats?

Vermutungen und partielle Gewissheiten gab es immer. Aber erst im Februar dieses Jahres hatte der Erzbischof von Krakau, Kardinal Stanislaw Dziwisz, eine Kommission "Erinnerung und Sorge" eingesetzt. Sie soll die Stasi-Verstrickung von Klerikern systematisch aufklären. Danach tat sich öffentlich jedoch kaum etwas.

In dieser Woche verlor Tadeusz Isakowicz-Zaleski die Geduld. Er war zu "Solidarnosc"-Zeiten Pfarrer in der Stahlwerker-Stadt Nowa Huta und ist noch immer ein sehr populärer Mann. Der Priester wollte die Namen von 28 Geistlichen aus der Erzdiözese Krakau nennen, die nach seinen Ermittlungen mit dem SB zusammengearbeitet hatten. Jedoch Kardinal Dziwisz erteilte ihm Redeverbot. Der Priester gehorcht.

Er scheue die Wahrheit nicht, auch wenn sie noch so schmerzhaft sei, schrieb Dziwisz in einem Brief. Aber Namen dürften erst nach "gewissenhaften historischen Studien" genannt werden, um wirklich gesicherte Erkenntnisse zu haben. So weit sei man frühestens im Oktober, meint der Krakauer Weihbischof Jan Szodon.

Es ist zweifelhaft, ob die polnische Öffentlichkeit so lange Geduld haben wird. In den Zeitungen jedenfalls wird schon jetzt ein Name nach dem anderen genannt. Die Spitzel-Verdächtigungen könnten bedrohlich werden für den inneren Frieden Polens.

Berliner Zeitung, 03.06.2006

Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/555738.html