Pius XII
Art des Verfahrens zur Seligsprechung führt zu Krise im vatikanisch jüdischen Dialog
Der Vatikan sieht sich von der eigenen Historikerkommission verleumdet. Die Aufarbeitung der Weltkriegsvergangenheit des Heiligen Stuhls steht vor dem Aus. Einmal mehr ist der Versuch gescheitert, Transparenz in das Verhalten des Heiligen Stuhles während der Zeit der Nazi-Diktatur und der Judenverfolgung zu bringen. Mit diesem Ziel hatten der Vatikan und das International Jewish Committee on Interreligious Consultations (IJCIC) vor drei Jahren eine Kommission mit je drei jüdischen und katholischen Historikern berufen. Als Hauptquelle stellte ihr der verantwortliche Kardinal Edward Cassidy, Vorsteher des vatikanischen Einheitsrats, zwölf Dokumentenbände aus der Kriegszeit zur Verfügung. Der Vatikan hatte diese Dokumente indes bereits zwischen 1965 und 1981 veröffentlicht.
Archivzugang abgelehnt
Im letzten Oktober hatte die Kommission in einem ersten Rapport 47 Fragen an den Vatikan formuliert und veröffentlicht, weil das Studium der zwölf Bände viele Fragen offen gelassen habe, wie der Genfer Professor und IJCIC-Mitglied Jean Halpérin begründet. Gleichzeitig habe die Kommission um weitere Einsicht in die Vatikan-Akten gebeten. Davon allerdings wollte der Vatikan nichts wissen: Kategorisch lehnte er den Zugang zu den Archiven ab und liess die gestellten Fragen unbeantwortet. Dennoch hörte der Cassidy-Nachfolger Walter Kasper im Mai dieses Jahres nochmals zwei Kommissionsmitglieder an. Laut Halpérin versicherte er an dem Treffen in New York, er werde sich für eine Fortsetzung der Forschungsarbeit einsetzen, obgleich er keinen Schlüssel zum Archiv habe.
Unbequeme Fragen
Kardinal Kasper betraute dann den Jesuitenpater Peter Gumpel mit der Sache. Dieser traf sich kürzlich dreieinhalb Stunden mit der Kommission, um deren Fragen zu beantworten. "Das war gänzlich unbefriedigend", so Halpérin, zumal Gumpel kein objektiver Experte sei, war er doch als Anwalt in den Seligsprechungsprozess für den als antisemitisch kritisierten Papst Pius XII. involviert, der während des Krieges regierte. Gumpel habe die verlangte Akteneinsicht aus technischen Gründen für unmöglich erklärt. Erst müssten im Vatikan rund drei Millionen Schriftstücke geordnet und katalogisiert werden.
Nach dieser Unterredung stellte die Kommission aus Protest ihre Arbeit ein, was Gumpel wiederum zum Anlass nahm, namentlich die jüdischen Kommissionsmitglieder mit Vorwürfen einzudecken. Sie hätten durch Indiskretionen das Arbeitsklima vergiftet. In einer Erklärung vom diesem Dienstag spricht er gar von einer "Verleumdungskampagne". Kardinal Kasper seinerseits wirft in der amerikanischen Zeitschrift "Inside the Vatican" der Kommission vor, sie habe ihre Arbeit nicht sauber gemacht und die zwölf Bände gar nicht gelesen. Halpérin weist die Anwürfe entschieden zurück: Die Kommission habe ihre Aufgabe in gutem Teamgeist voll erfüllt; jedes Mitglied habe zwei Bände studiert.
Der wahre Grund für das vatikanische Unbehagen mit der Kommission dürfte indessen darin liegen, dass die Historiker gänzlich unbequeme Fragen gestellt hatten. Zum Beispiel wollten sie wissen, ob Papst Pius XII. 1943 während einer Audienz Ante Pavelic, den kroatischen Faschistenführer, auf die Massaker an Hunderttausenden von Serben, Juden und Zigeunern angesprochen habe. Oder: Wie nahm der Vatikan den detaillierten Bericht seines Nuntius in Deutschland über die Reichspogromnacht von 1938 auf? Warum hatte Pius XII. nicht darauf reagiert? Warum etwa reagierte er nicht auf die Appelle des Berliner Bischofs Konrad von Preysing, der den Papst mehrfach zu Protesten gegen die Gräueltaten an den Juden aufgerufen hatte? Und wo ist der erste jüdische Hilfeschrei an Pius XI. von 1933 archiviert, in dem die in Auschwitz ermordete Philosophin und katholische Jüdin Edith Stein von diesem eine Enzyklika gegen den Antisemitismus erbeten hatte?
Wo ist das 13-seitige Memorandum?
Beim Aktenstudium stiess die Kommission auf erhebliche Lücken in den Quellen. Unter anderem fehlte laut Halpérin ein 13-seitiges Memorandum, mit dem Gerhart Riegner, Leiter des Genfer Büros des World Jewish Congress, 1942 via den Nuntius in Bern, Filippo Bernardini, an den Papst gelangte und ihm detailliert von den Judenverfolgungen in Deutschland, Frankreich, Kroatien, Rumänien und Ungarn berichtete. Den Verdacht, der Vatikan halte bewusst imageschädigende Dokumente zurück, weist Gumpel als Unterstellung zurück. Allerdings spielt der Vatikan seine Schuld und seine Versäumnisse im Zusammenhang mit der Schoa immer wieder herunter.
"Söhne und Töchter der Kirche"
Die Erklärung zur Schoa "We remember" zum Beispiel läuft auf eine Rehabilitierung Pius XII. hinaus, "der Hunderttausende von jüdischen Leben gerettet" habe. Die Schoa selber wird darin als "Werk eines unübersehbar modernen neuheidnischen Regimes" gesehen. "Sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln ausserhalb des Christentums." Zwar entschuldigt sich Johannes Paul II. für den traditionellen christlichen Antijudaismus und die Fehler einzelner "Söhne und Töchter der Kirche". Weiter mochte er aber auch in seiner "Jahrtausendbeichte" im Heiligen Jahr 2000 nicht gehen. Vielmehr sprach er kurz darauf Pius IX. selig, den antiliberalen und antisemitischen Papstkönig des 19. Jahrhunderts. Gerade erst hat Kurienkardinal Zenon Grocholewski ohne jede Erklärung das renommierte christliche Zentrum für jüdische Studien in Jerusalem geschlossen.
Entsprechend ist auch die voraussichtliche Auflösung der Historikerkommission "ein schwer wiegender historischer, ja ethischer Schritt rückwärts", sagte Halpérin. "Beide Seiten hatten von der Kommission erhofft, sie werde Wahrheit und Entspannung in den jüdisch-katholischen Dialog bringen." Kein Ende also der Kontroversen, die seit Jahrzehnten das Schweigen Papst Pius XII. hinterfragen.
(Michael Meier)
Aus: Tagesanzeiger (CH), 9.8.2001
Quelle:
http://tagesanzeiger.ch/ta/taZeitungRubrikArtikel?ArtId=115112&ausgabe=1612&
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