Fürchtet der Vatikan die Aufarbeitung der NS – Zeit?

Stellungnahme zu den vatikanischen Vorwürfen an die Historikerkommission Vatikan-Shoa

RNA. Der Rücktritt der Historikerkommission Shoa-Vatikan ist vom Vatikan als «heftiger Angriff auf die römisch-katholische Kirche» qualifiziert worden. Die Reaktion ist von Pater Peter Gumpel SJ verfasst worden, der verantwortlich ist für das Verfahren zur Seligsprechung von Papst Pius XII. Sie wurde von Professor Ernst Ludwig Ehrlich, Basel, Mitglied des International Jewish Committee on Interreligious Consultations (IJCIC), welches zusammen mit dem Vatikan die Historikerkommission einsetzte, als «paranoid» abgelehnt. Die Historikerkommission war 1999 ins Leben gerufen worden, ihr gehörten drei jüdische und zuerst drei, später zwei römisch-katholische Historiker an. Am 25. Juli hatte die gesamte Gruppe die Arbeit eingestellt.

In ungewöhnlich heftiger Sprache warf Gumpel am 7. August der Historikerkommission vor, sich «verantwortungslos» verhalten zu haben. So hätten einige jüdische Mitglieder der Kommission Shoa-Vatikan öffentlich den Verdacht geäussert, «der Heilige Stuhl wolle kompromittierende Dokumente verstecken». Zudem hätten die Historiker die 12 Bände, in denen Dokumente der fraglichen Zeit gesammelt seien, nur oberflächlich oder nicht gelesen. Gumpel erklärte weiter, die Dokumente ab 1922 seien weder katalogisiert noch geordnet und könnten darum der Kommission nicht zugänglich gemacht werden.

Ehrlich erklärte nun auf Anfrage, es sei eine «paranoide Vorstellung, wenn Juden vorgeworfen wird, sie entfachten eine heftige Attacke gegen die katholische Kirche». Die Wahrheit sei, dass nicht alle die Judenverfolgung betreffenden Dokumente in den vorliegenden Bänden abgedruckt seien. Was die Behauptung angehe, die Einsicht in das Material nach 1922 sei nicht möglich, so müsse «man sich fragen, wie die Autoren der 12 Bände die angeblich vollständigen Quellen erfassen konnten». Dass die Archive später allen Wissenschaftern zur Verfügung gestellt werden sollten, wie Pater Gumpel behaupte, habe der Vatikan nie erklärt.

Wörtlich schreibt Ehrlich:

«Der Artikel von Pater Gumpel, angeblich vom vatikanischen Staatssekretariat autorisiert, ist in einem Ton abgefasst, der in den katholisch-jüdischen Beziehungen in den letzten zehn Jahren nicht üblich war. Es ist eine paranoide Vorstellung, wenn Juden vorgeworfen wird, sie entfachten eine heftige Attacke gegen die katholische Kirche und bedienten sich einer ,verleumderischen Kampagnie'. Die Wahrheit ist, und eben nicht eine Verleumdung, dass nicht alle die Judenvertolgungen betreffenden Dokumente in den 12 Bänden abgedruckt wurden.

Im Übrigen ist es überhaupt nicht allein um die Taten von Papst Pius XII. gegangen, sondern um das Verhalten der katholischen Kirche und besonders des Heiligen StuhIes während des Zweiten Weltkriegs, als sechs Millionen unschuldige Juden und Jüdinnen ermordet wurden. Das Thema Pius XII. war nur eines unter anderen. Im übrigen beschuldigt Pater Gumpel jüdische Kommissionsmitglieder, ,wiederholt verdrehte und tendenziöse Informationen lanciert und sie an die internationale Presse weitergegeben' zu haben.

Die Aufgabe der Historikerkommission bestand zunächst allein in der Durcharbeitung der 12 Bände. Aus diesem Vorgehen ergaben sich dann 47 Fragen, die der Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden vorgelegt wurden. Diese Kommission hatte übrigens auch die Historiker ernannt. So wurde erwartet, dass zumindest die vorgelegten Fragen geklärt würden, da sie sich aus dem Studium der 12 Bände direkt ergeben haben und dieses Studium durch Kardinal Cassidy der Historikerkommission seinerzeit als Aufgabe gestellt worden war. Tatsache ist, dass diese Fragen nicht beantwortet wurden. Von einer Bereitschaft des Heiligen Stuhls, diese historische Untersuchungsarbeit fortzusetzen, ist bisher nichts bekannt geworden, abgesehen davon, dass Pater Gumpel dafür auch gar nicht zuständig wäre, denn der Auftrag ging von Kardinal Cassidy aus, und Kardinal Kasper als sein Nachfolger hat ihn dann übernommen.

Im übrigen wäre ein zusammenfassender Bericht ohnehin nur möglich gewesen, wenn wenigstens die von der Historikerkommission gestellten Fragen beantwortet worden wären. Wenn wiederum behauptet wird, eine Einsicht in die Dokumente aus der Zeit nach 1922 sei nicht möglich, weil das Material noch nicht katalogisiert worden ist, muss man sich dann jedoch fragen, wie die Autoren der 12 Bände die angeblich vollständigen Quellen erfassen konnten. Dass die Archive allen Wissenschaftern zur Verfügung gestellt würden, ist eine Behauptung von Pater Gumpel, die vor ihm niemand irgendwem mitgeteilt hat, sondern das Gegenteil wurde öffentlich erklärt.

Es scheint uns, dass es jetzt Sache von Kardinal Kasper ist, eindeutige Klarheit zu schaffen, denn es ist gewiss weder in seinem Interesse noch in seiner Art, dass Artikel wie die von Pater Gumpel die Atmosphäre verschlechtern. Ein solches Verhalten kann man als vorkonziliar bezeichnen. Wir hoffen, dass diese unerfreuliche Angelegenheit vernünftig und im Geiste der bisherhigen Beziehungen raschestens gelöost wird.»

Nach: Thomas Wystrach, Ikvu 19.8.01

Aus: Reformierter Pressedienst (CH), 14.8.2001

Quelle: http://www.ref.ch/rna/meldungen/5981.html