Patriarch von Antiochien: «Wir sind die

Brücke zum Islam»

Der Patriarch von Antiochien in St. Gallen: Arabische

Christen haben keine Berührungsängste gegenüber

den Moslems

Arabische Christen können ihren Glauben ungehindert leben; wichtig aber ist, dass sie in der

arabischen Gesellschaft präsent bleiben – dies die Botschaft von Gregorius III., dem Oberhaupt

der melkitischen Kirche.

 

Er spricht eindringlich, Patriarch Gregorius von Damaskus. Und gleichzeitig strahlt er Zuversicht aus.

Er weiss, dass seine Botschaft für westliche Ohren überraschend tönt: das Bekenntnis nämlich, wie

reibungslos in der arabischen Welt Christen und Moslems zusammenleben.

 

«Bei uns muss man den Dialog nicht künstlich herbeireden; wir leben von morgens bis abends ganz

selbstverständlich miteinander», sagt er immer wieder in seinem Vortrag im Pfarreiheim Winkeln.

Dorthin wurde er eingeladen, weil Pfarrer Erwin Keller schon längere Zeit mit ihm Kontakt pflegt.

Vermittelt wurde der Besuch vom Hilfswerk «Kirche in Not».

 

Staat fördert Kirchenbau

Die Beispiele, die der Patriarch anführt, sind erstaunlich. So hat ihn ein Scheich kürzlich ganz

spontan eingeladen, in seiner Moschee eine Ansprache zu halten, vor fünftausend Moslems.

Moslemische Kinder besuchen katholische Schulen. Im Unterricht wird ganz selbstverständlich

sowohl in den Koran als auch in die Bibel eingeführt. Und wenn die melkitisch-katholische Kirche

(eine mit Rom vereinte Ostkirche) in Syrien ein Gotteshaus bauen will, erhält sie die gleichen

Privilegien wie die islamische Gemeinschaft beim Bau einer Moschee. Das heisst: gratis vom

Staat bereitgestelltes Bauland, unentgeltliche Versorgung mit Strom und Wasser.

 

«Das alles funktioniert, wenn man so nahe zusammenlebt, wie es bei uns der Fall ist», betont der

Patriarch. Und er wird nicht müde, immer und immer wieder auf diese positiven Erfahrungen

hinzuweisen: bei Besuchen, Reisen, Interviews und kürzlich auch in einem Brief an die amerikanische

Bischofskonferenz.

 

Dort ordnete die Bush-Regierung Syrien lange der «Achse des Bösen» zu; mit solchen Sprüchen

aber wird das Zusammenleben der Religionen genau so gestört wie mit den Kriegen, welche im

Nahen Osten ausgefochten werden. «Nach jedem Krieg schrumpfen unsere Gemeinden», sagt

der Patriarch. Dies aber sei nicht nur ein Verlust für seine melkitische Kirche, sondern für die

Welt überhaupt. Gregorius III. ist überzeugt, dass den arabischen Christen heute eine ganz

besondere Aufgabe aufgetragen sei: zu zeigen nämlich, wie man mit Moslems zusammenleben

kann – dann, wenn man sich gegenseitig mit Achtung und Respekt begegnet.

 

So waren es die arabischen Bischöfe, welche im Zweiten Vatikanischen Konzil einen wichtigen

Text eingebracht haben: den Hinweis auf die hohen Werte, welche es in der moslemischen

Religion zu entdecken gebe.

 

Labor des Zusammenlebens

Es müsse alles daran gesetzt werden, dass die christlichen Gemeinden in der arabischen

Welt nicht schrumpften, dass Christen nicht auswanderten. Dies ist die Botschaft des

Patriarchen. Dazu aber brauche es endlich Frieden. «Europa müsste sich da stärker engagieren,

schon darum, weil das Vertrauen in Amerika verloren ging.»

 

Gregorius III. ist überzeugt, dass Europa gerade in Arabien lernen könnte, wie es das Zusammenleben

der Religionen in seinen eigenen Ländern gestalten könnte. Und auf was es ankommt. Als er in der

Moschee zum Reden aufgefordert wurde, sprach er nicht von Dogmen, sondern von der Liebe:

Sie ist Kern und Mitte aller Religion. Darum hört er auch das Wort «Dialog» nicht so gerne; «das

tönt so nach Auseinandersetzung», sagt der Gast aus Syrien; «wir müssen uns aber nicht auseinander-,

sondern zusammensetzen». Er spricht darum lieber von Achtung und Respekt.

 

Mischehen? Kopftuch?

Und die vielen Probleme, die sich im Alltag stellen? Mischehen? Kopftuch? Bei Mischehen ist er

zurückhaltend: «Nicht wegen der unterschiedlichen Religion, sondern wegen der damit

verbundenen kulturellen Unterschiede.»

 

Beim Kopftuch empfiehlt er Gelassenheit. Wenn ein Verbot, dann höchstens, wenn kulturelle

Gründe es nahe legen, niemals aber sollte ein Verbot im Namen der Religion ausgesprochen

 werden. (J. O.)

 

23.4.07

St. Gallener Tageblatt

Quelle: http://www.tagblatt.ch/index.php?artikelxml=1330418&ressort=tagblattheute/frontseite&jahr=2007&ressortcode=&ms=hauptseite