Der Papst ist in der Türkei zurzeit nicht willkommen

 

Papst Benedikt wollte im November in die Türkei reisen - auf Einladung von Patriarch Bartholomäus. Der Regierung passte das nicht, sie verschob den Besuch.

 

VON GERD HÖHLER

Die Visite am 30. November sollte das Bemühen beider Oberhäupter um eine Annäherung der Kirchen unterstreichen. Doch kaum wurden die Reisepläne bekannt, gab es Probleme. Für einen Besuch Benedikts XVI. hätte es neben der Einladung des Patriarchen nämlich einer offiziellen Einladung des türkischen Staatspräsidenten bedurft. Und die blieb aus, zumindest für November. Stattdessen lud Ahmet Necdet Sezer den Papst für einen noch zu bestimmenden Termin im kommenden Jahr ein - und durchkreuzte damit die vom Vatikan bereits akzeptierte Einladung des orthodoxen Patriarchen.

Diese sei "unangemessen" gewesen, kritisierte der türkische Vizepremier Mehmet Ali Sahin. Der Patriarch sei ein türkischer Staatsbürger, und deshalb solle er gefälligst künftig seine Einladungen über das türkische Außenministerium verschicken. Selbst Regierungschef Tayyip Erdogan schaltete sich ein. Nicht der Gast bestimme den Termin einer Einladung, sondern der Gastgeber, und das sei protokollarisch der Präsident.

Benedikt könnte sich als unbequemer Besucher erweisen. Als Kardinal hatte er einen möglichen EU-Beitritt der Türkei als "schweren Fehler" bezeichnet. Der Streit um den Papstbesuch zeigt aber auch, wie schwer sich der EU-Kandidat Türkei im Umgang mit nicht-muslimischen Glaubensgemeinschaften tut. Politische Beobachter meinen, die Regierung habe den November-Besuch Benedikts vor allem verhindern wollen, um nicht in der Anfangsphase der EU-Beitrittsverhandlungen mit dessen kritischen Worten zur Situation der christlichen Kirchen in der Türkei konfrontiert zu werden. Erst im Juni hatte der Vatikan-Botschafter in Ankara, Erzbischof Edmond Farhat, der Türkei "institutionelle Christenphobie" vorgeworfen und kritisiert, die Religionsfreiheit existiere "nur auf dem Papier". Auch EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn mahnte Ankara, die Diskriminierung der nicht-muslimischen Religionsgemeinschaften zu beenden.

Die christlichen Kirchen sind in der Türkei praktisch rechtlos und existieren juristisch eigentlich gar nicht. Das bekommt auch Patriarch Bartholomäus zu spüren. Die Türkei erkennt ihn nicht als Oberhaupt der rund 250 Millionen orthodoxen Christen an, sondern nur als Oberhirten der rund 2000 in der Türkei lebenden Griechisch-Orthodoxen. Priesternachwuchs darf das Patriarchat nicht mehr ausbilden. 1971 schloss die türkische Regierung die theologische Akademie. Wie Hohn klingt da, was aus dem Außenministerium verlautet: Beim Besuch 2006 könne sich der Papst selbst "ein Bild vom Klima der kulturellen Toleranz in der Türkei machen".

 

Frankfurter Rundschau, 26.10.05, S. 2