Der Papst ist in der Türkei nicht sehr willkommen –
Ankara verhehlt das kaum
Von
Thomas Seibert, Istanbul
gehört zu
den ganz wenigen, die unbedingt Benedikt XVI. sehen wollen. Der 48-jährige
Agca,
der vor
25 Jahren auf Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. schoss und wegen anderer
Gewalttaten
heute in einem Istanbuler Gefängnis sitzt, hat einen Antrag auf vorzeitige
Haftentlassung
gestellt. Er wolle Benedikt begrüßen, begründete der für seine Exzentrik
bekannte
Agca seinen Antrag. Die meisten seiner Landsleute sind weit weniger begeistert.
Beliebt
war der als Gegner einer türkischen EU-Mitgliedschaft bekannte Papst in der
Türkei
noch nie.
Benedikts Regensburger Rede im September, bei der er nach Ansicht von Kritikern
dem Islam
einen Hang zur Gewalt und zur Irrationalität unterstellte, belastet die
Atmosphäre
zusätzlich.
Fast 40 Prozent der Türken sind einer Umfrage zufolge gegen den Papst-Besuch,
nur jeder
Zehnte unterstützt Benedikts Visite am Bosporus. „Wir wollen den Papst hier
nicht
sehen“,
protestierte am Wochenende eine rechtsgerichtete Partei in der Türkei. Der
rechtsnationalistische
Anwalt Kemal Kerincsiz, der schon durch Gerichtsverfahren gegen
Orhan
Pamuk und andere Intellektuelle für Schlagzeilen sorgte, plant mit seinen
Anhängern
mehrere
Protestaktionen gegen Benedikt. Während des Besuches vom 28. November bis
zum 1. Dezember werden mehr als 10 000 Polizisten aufgeboten, um Benedikt zu schützen.
Offiziell
ist die muslimische, aber säkulare Republik Türkei zwar bereit, einen Strich
unter die
Regensburger
Diskussionen zu ziehen und nach vorne zu schauen. Der Lack regierungsamtlicher
Zuversicht
ist jedoch äußerst dünn. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird während
des
Papst-Besuches beim Nato-Gipfel in Riga sein, und auch andere Mitglieder seiner
Regierung
schlagen
sich nicht gerade darum, dem Papst die Hand geben zu dürfen. Protokollbeamte in
Ankara
hatten erhebliche Mühe, einen Minister zu finden, der den Papst am Flughafen
der
Hauptstadt
begrüßt und ihn bei seinen Terminen begleitet: Es ist Staatsminister Besir
Atalay,
der nicht
zur ersten Reihe des Kabinetts zählt.
Die
unübersehbare Abneigung Ankaras gegen den Gast könnte der Türkei außenpolitisch
schaden.
Der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomäus, der mit Benedikt in Istanbul
über
eine Widerannäherung
zwischen beiden Kirchen sprechen will, forderte, die Türkei solle alles
tun, um
den Papst-Besuch zu einem Erfolg zu machen. Vor allem mit Blick auf das Image
in
Europa
und die angestrebte EU-Mitgliedschaft sei das wichtig, sagte der orthodoxe
Kirchenführer.
Dies gilt
umso mehr, als für die Türkei wichtige europapolitische Entscheidungen
anstehen. Die
finnische
EU-Ratspräsidentschaft will der Türkei nur noch bis zum Ende der ersten
Dezemberwoche
Zeit geben, um ihre Häfen für Schiffe aus Zypern zu öffnen. Ankara hat also
nur noch
gut zwei Wochen Zeit, um sich in der Zypern-Frage zu bewegen. Geschieht dies
nicht,
muss die
Türkei mit negativen Folgen für ihre EU-Bewerbung rechnen. Ein völliger Abbruch
der
Beitrittsverhandlungen ist zwar unwahrscheinlich, möglich ist aber eine
Aussetzung der
Gespräche
in mehreren Verhandlungskapiteln. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso
hatte dem Tagesspiegel am Sonntag dazu gesagt, er sei „sehr besorgt“.
21.11.06
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/archiv/21.11.2006/2910949.asp