Der Papst ist in der Türkei nicht sehr willkommen –

Ankara verhehlt das kaum

 

Von Thomas Seibert, Istanbul

Mehmet Ali Agca ist die große Ausnahme unter den Türken: Der Papst-Attentäter von 1981

gehört zu den ganz wenigen, die unbedingt Benedikt XVI. sehen wollen. Der 48-jährige Agca,

der vor 25 Jahren auf Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. schoss und wegen anderer

Gewalttaten heute in einem Istanbuler Gefängnis sitzt, hat einen Antrag auf vorzeitige

Haftentlassung gestellt. Er wolle Benedikt begrüßen, begründete der für seine Exzentrik

bekannte Agca seinen Antrag. Die meisten seiner Landsleute sind weit weniger begeistert.

 

Beliebt war der als Gegner einer türkischen EU-Mitgliedschaft bekannte Papst in der Türkei

noch nie. Benedikts Regensburger Rede im September, bei der er nach Ansicht von Kritikern

dem Islam einen Hang zur Gewalt und zur Irrationalität unterstellte, belastet die Atmosphäre

zusätzlich. Fast 40 Prozent der Türken sind einer Umfrage zufolge gegen den Papst-Besuch,

nur jeder Zehnte unterstützt Benedikts Visite am Bosporus. „Wir wollen den Papst hier nicht

sehen“, protestierte am Wochenende eine rechtsgerichtete Partei in der Türkei. Der

rechtsnationalistische Anwalt Kemal Kerincsiz, der schon durch Gerichtsverfahren gegen

Orhan Pamuk und andere Intellektuelle für Schlagzeilen sorgte, plant mit seinen Anhängern

mehrere Protestaktionen gegen Benedikt. Während des Besuches vom 28. November bis

zum 1. Dezember werden mehr als 10 000 Polizisten aufgeboten, um Benedikt zu schützen.

 

Offiziell ist die muslimische, aber säkulare Republik Türkei zwar bereit, einen Strich unter die

Regensburger Diskussionen zu ziehen und nach vorne zu schauen. Der Lack regierungsamtlicher

Zuversicht ist jedoch äußerst dünn. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird während

des Papst-Besuches beim Nato-Gipfel in Riga sein, und auch andere Mitglieder seiner Regierung

schlagen sich nicht gerade darum, dem Papst die Hand geben zu dürfen. Protokollbeamte in

Ankara hatten erhebliche Mühe, einen Minister zu finden, der den Papst am Flughafen der

Hauptstadt begrüßt und ihn bei seinen Terminen begleitet: Es ist Staatsminister Besir Atalay,

der nicht zur ersten Reihe des Kabinetts zählt.

 

Die unübersehbare Abneigung Ankaras gegen den Gast könnte der Türkei außenpolitisch

schaden. Der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomäus, der mit Benedikt in Istanbul über

eine Widerannäherung zwischen beiden Kirchen sprechen will, forderte, die Türkei solle alles

tun, um den Papst-Besuch zu einem Erfolg zu machen. Vor allem mit Blick auf das Image in

Europa und die angestrebte EU-Mitgliedschaft sei das wichtig, sagte der orthodoxe Kirchenführer.

 

Dies gilt umso mehr, als für die Türkei wichtige europapolitische Entscheidungen anstehen. Die

finnische EU-Ratspräsidentschaft will der Türkei nur noch bis zum Ende der ersten

Dezemberwoche Zeit geben, um ihre Häfen für Schiffe aus Zypern zu öffnen. Ankara hat also

nur noch gut zwei Wochen Zeit, um sich in der Zypern-Frage zu bewegen. Geschieht dies nicht,

muss die Türkei mit negativen Folgen für ihre EU-Bewerbung rechnen. Ein völliger Abbruch

der Beitrittsverhandlungen ist zwar unwahrscheinlich, möglich ist aber eine Aussetzung der

Gespräche in mehreren Verhandlungskapiteln. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso

hatte dem Tagesspiegel am Sonntag dazu gesagt, er sei „sehr besorgt“.

 

21.11.06

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/archiv/21.11.2006/2910949.asp