Papstvisite
bei einem kritischen Kirchenvolk
Bern (AP) Auf seiner 103.
Auslandsreise besucht Papst Johannes Paul II. am kommenden Wochenende ein Land,
das auf vielfältige Weise mit dem Vatikan verbunden ist, ihm aber auch sehr
kritisch gegenüber steht. Anlass der Papstvisite in der Schweiz ist das erste
Nationale Katholische Jugendtreffen in Bern. Gewissermaßen als
Willkommensgeschenk will die Schweizer Regierung dabei ihre diplomatischen
Beziehungen zum Vatikan normalisieren, wie Bundespräsident Joseph Deiss
bestätigte.
Die Strukturen der Schweiz
und des Vatikans könnten unterschiedlicher kaum sein: Der Souverän der
direktdemokratischen und föderalistischen Schweiz ist das Volk, Oberhaupt der
zentralistischen katholischen Kirche ist der Papst. Das Staatsverständnis des
Schweizer Volkes, das sich in viele öffentliche Belange einmischen kann, reibt
sich am strengen Hierarchieverständnis Roms.
Dies bekam der Vatikan
insbesondere 1988 zu spüren. Damals wurde der Liechtensteiner Wolfgang Haas
unter Verletzung des seit Jahrhunderten verbrieften Bischofswahlrechts des
Churer Domkapitels von Johannes Paul zum Weihbischof von Chur ernannt, zwei
Jahre später wurde er damit automatisch Bischof von Chur. Die Reaktionen im
Schweizer Kirchenvolk und Klerus waren heftig. Landeskirchliche Körperschaften
zahlten nichts mehr in die Churer Bistumskasse. In Zürich wurden dem Haas
verbundenen Generalvikar Christoph Casetti Büro, Lohn und Logis verweigert.
Die Regierungen der sieben
Bistumskantone sorgten sich um den religiösen Frieden, in den eidgenössischen
Räten gab es Vorstöße. Um die Gemüter zu beruhigen, kam ein neuer, allseits
respektierter päpstlicher Nuntius nach Bern, und dem umstrittenen Bischof Haas
wurden zwei hoch angesehene Weihbischöfe zur Seite gestellt. 1998 wurde Haas
Erzbischof von Vaduz. Erst danach begann im Bistum Chur wieder Ruhe
einzukehren.
Die moderne Schweiz hat den
Vatikanstaat und die Doppelrolle des Papstes als weltliches und kirchliches
Oberhaupt erst 1920 formell anerkannt. Zwar war der Kirchenstaat bereits von
1586 bis 1847 mit einem päpstlichen Nuntius in Bern vertreten. Nach dem
Sonderbundkrieg zwischen katholischen und protestantischen Kantonen brachen die
diplomatischen Kontakte jedoch ab. 1848 und 1874 wurden per Verfassungsartikel
der Jesuitenorden und die Gründung neuer Klöster verboten, neue Bistümer
bedurften der Zustimmung des Bundesrates. Erst in den 70er Jahren wurden die
Ausnahmeartikel wieder aufgehoben, der Bistumsartikel sogar erst im Juni 2001.
Die diplomatischen
Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl kamen 1915 wieder in
Gang, waren jedoch noch bis 1991 von einer Anomalie gekennzeichnet: Sie liefen
in beiden Richtungen über die päpstliche Nuntiatur in Bern. Erst im November
1991 ernannte die Schweiz den Diplomaten Jenö Staehelin zum «Botschafter in
Sondermission beim Vatikan». Er blieb aber weiterhin in Bern ansässig.
Zurzeit werden die
Schweizer Interessen beim Vatikan vom Schweizer Botschafter in Prag, Hansrudolf
Hoffmann, vertreten. Auch er hat wegen seiner «Sondermission» aus der Sicht des
Vatikans nicht denselben Status wie die anderen Gesandten im Kirchenstaat. Nun
hat der Schweizer Bundespräsident Deiss eine völlige Normalisierung der
diplomatischen Beziehungen in Aussicht gestellt.
Auch das Schweizer Kirchenvolk
hat dem Vatikan stets kritisch gegenüber gestanden, und dieser Trend hat sich
mit dem fortschreitenden Verlust konfessioneller Bindungen weiter verstärkt.
Mischehen von Katholiken und Protestanten sind heute an der Tagesordnung. Die
Haltung Roms zu Empfängnisverhütung und Abtreibung bereitet vielen Schweizer
Katholiken Probleme. Die Anti-Baby-Pille ist seit den 70-er Jahren weit
verbreitet, und kaum einen Katholiken stören die offiziellen Aufrufe, sich mit
Kondomen vor Aids zu schützen. Voreheliche Beziehungen und Homosexualität
werden allgemein akzeptiert, und angesichts wachsenden Priestermangels wird der
Zölibat in Frage gestellt.
Trotz alledem stehen viele
Schweizer Katholiken weiterhin zu Glauben, Kirche und Papst. Ein Beispiel dafür
ist die Schweizergarde, die seit fast 500 Jahren die Päpste beschützt. Im Jahre
1506 zogen erstmals 150 Schweizer in den Vatikan ein und wurden vom damaligen
Papst Julius II. gesegnet. Dieser hatte zur Sicherung seines Territoriums etwa
200 Krieger von der Schweiz angefordert. Die Schweizergarde behielt fortan ihre
Rolle als Leibwache des Papstes und Ordnungsmacht im Vatikan.
1. Juni 2004
Quelle: http://de.news.yahoo.com/040601/12/4239a.html