Papst bedauert Pannen und rügt Kritiker

 Papst Benedikt XVI. hat in deutlichen Worten die Heftigkeit gerügt, mit der Katholiken ihn nach der Rücknahme der Exkommunikation von vier Pius-Brüdern kritisiert hatten. Leider gebe es das "Beißen und Zerreißen" auch heute in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit, schreibt Benedikt in einem am Donnerstag vom Vatikan veröffentlichten Brief an alle Bischöfe.

 Er zitiert aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus, in dem es heißt: "Wenn ihr einander beißt und zerreißt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt." Der Brief ist ein sehr ungewöhnlicher Schritt.

 Der Papst räumt in seinem Brief Pannen im Vatikan im Zuge der Rücknahme der Exkommunikation ein und hofft, das sein Schreiben jetzt "zum Frieden in der Kirche" beiträgt.

"Betrübt hat mich, dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten", greift Benedikt überraschend offen Kritiker seiner Entscheidung in der eigenen Kirche an.

Vor allem die Tatsache, dass der Holocaust-Leugner Richard Williamson unter den vier Pius-Bischöfen ist, hatte weltweit bei Juden, aber auch in der katholischen Kirche selbst Empörung und Unverständnis ausgelöst.

Die Aufhebung der Exkommunikation habe zu einer Auseinandersetzung "von einer Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben", schreibt der Papst. Es sei eine für ihn "nicht vorhersehbare Panne" gewesen, dass die Aufhebung der Exkommunikation "überlagert wurde von dem Fall Williamson".

Diese Panne habe den Frieden zwischen Christen und Juden sowie den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört; er bedauere das zutiefst.

Als einen weiteren Fehler bezeichnet es der Papst, dass der Vatikan Berichte über die Holocaust-Leugnung Williamsons im Internet nicht rechtzeitig zur Kenntnis genommen habe. "Ich lerne daraus, dass wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen."

Zugleich beklagt das Kirchenoberhaupt, dass "auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten".

"Manchmal hat man den Eindruck, dass unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht, auf die man ruhig mit Hass losgehen darf", entgegnet Benedikt. "Und wer sie anzurühren wagte - in diesem Fall der Papst -, ging auch selber des Rechts auf Toleranz verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Hass bedacht werden."

Um so mehr danke er "den jüdischen Freunden, die geholfen haben, das Missverständnis schnell aus der Welt zu schaffen und die Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens wiederherzustellen".

Benedikt wirft die Frage auf, ob man die Pius-Gemeinschaft mit ihren knapp 500 Priestern und Hunderten von Seminaristen, Brüdern und Schwestern "beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen" könne.

"Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten?"

Viele Misstöne seien seit langem aus der Bruderschaft gekommen, doch müsse die Kirche auch "großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat".

Mit Blick auf die Pius-Bruderschaft unterstreicht der Papst, dass die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe keine vollständige Rehabilitierung der Vereinigung bedeute. Vorher müsse diese das Zweite Vatikanische Konzil vollständig akzeptieren.

 Kommission wird Glaubenskongregation angegliedert

Nach den "Pannen" in der Kommunikation und in der Erklärung der päpstlichen Geste, den Pius-Brüdern gegenüber, will Benedikt die für die Traditionalisten zuständige Kommission "Ecclesia Dei" stärker anbinden. Sie wird der Glaubenskongregation angegliedert.

 Die von Kardinal Dario Castrillón Hoyos geleitete Kommission war wegen der "Pannen" um die Rücknahme der Exkommunikation in das Kreuzfeuer der Kritik geraten. Benedikt erläuterte, dass die Traditionalisten keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche ausüben, "solange die Bruderschaft keine kanonische Stellung in der Kirche hat". Die Traditionalisten müssen das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen Reformen annehmen. dpa/kna/ddp

Frankfurter Rundschau, 12.3.09, S. 11,

Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/1688610_Fall-Williamson-Papst-bedauert-Pannen-und-ruegt-Kritiker.html

 

Ein Papst zeigt sich lernfähig

VON STEPHAN HEBEL

Der Herrgott hat es so eingerichtet, dass der Papst klüger ist als seine Kardinäle. Deshalb ist ja auch nicht Kardinal Meisner Papst, sondern Joseph Ratzinger. Breiten wir also die Soutane des Schweigens über die Aufforderung Meisners an alle Papst-Kritiker, sich bei Benedikt XVI. zu entschuldigen, weil der ja in der leidigen Affäre um die reaktionären Pius-Brüder und ihren Holocaust-Leugner Williamson Einsicht gezeigt hat. Als Gegenleistung sozusagen die "Gegenentschuldigung"? So etwas würden selbst wir nicht von Angela Merkel verlangen, nur weil sie mal halbwegs Tacheles geredet hat.

 Der Papst selbst also ist klüger als sein Kardinal. Er ist über Merkels Forderung - "eindeutig klarstellen, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf" - jetzt sogar hinausgegangen. Ja, auch er beklagt sich im Brief an die Bischöfe über "Hass". Aber er sucht nicht weniger eindeutig nach dem Balken im eigenen Auge. Er spricht offen von "Pannen". Und vor allem relativiert er - ohne es direkt auszusprechen - den Gnadenakt gegenüber den Pius-Brüdern, deren Gestrigkeit auch ohne Holocaust-Leugner nicht zu übersehen wäre.

 Benedikt ist nicht über Nacht progressiv geworden, aber ganz lernunfähig scheint er nicht zu sein, anders als mancher Kardinal. Vielleicht hätte er die lauten Kritiker, die ihn zu diesem Brief bewogen, für ihren Aufschrei loben sollen und nicht tadeln. Und vielleicht sollte er Andersdenkenden in der Kirche künftig zuhören, bevor es zu Skandalen kommt. Dann könnte er - zum Zölibat, zur Empfängnisverhütung, zum Umgang mit Juden im Karfreitagsgebet und anderem - noch viele schöne, selbstkritische Briefe schreiben.

Frankfurter Rundschau 13.3.09, S 15

Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/1689242_Kommentar-Ein-Papst-zeigt-sich-lernfaehig.html

  

Papst Benedikt XVI. "Nicht die Wurzeln abschneiden"

Brief Papst Benedikt XVI., an die Bischöfe der katholischen Kirche in Sachen Aufhebung der Exkommunikation der vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe

http://www.dbk.de/aktuell/meldungen/01857/index.html