Wegen der Verwicklung Geistlicher in Korruptions- und Sex-Skandale
fordern griechische Politiker die Trennung von Staat und Kirche. Die Regierung
zögert.
VON GERD HÖHLER (ATHEN)
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Die in Griechenland ans Licht gekommenen
Unterschlagungs-, Korruptions- und Sex-Skandale, in die führende Mitglieder des
Klerus verwickelt sind, hat die griechisch-orthodoxe Kirche in eine tiefe Krise
gestürzt. Unter dem Eindruck immer neuer Enthüllungen mehren sich jetzt die
Rufe nach einer Trennung von Staat und Kirche. Der sozialistische
Oppositionsführer Jorgos Papandreou plädiert bereits dafür. Beide Institutionen
müssten sich "aus ihren Bindungen aneinander befreien", meint auch
Alekos Alavanos, Chef der kleinen Linkspartei Synaspismos. In einer
parlamentarischen Anfrage will er von der konservativen Regierung wissen, ob
sie bereit ist, eine entsprechende Verfassungsänderung einzuleiten.
Bisher bestimmt das griechische Grundgesetz die Orthodoxie zur
"vorherrschenden Religion". Damit ist sie de facto Staatskirche, der
93 Prozent der elf Millionen Griechen angehören. Die schwarz berockten
Gottesmänner sind überall präsent. Orthodoxe Bischöfe segnen Panzer und
Kriegsschiffe. Kein Staatsakt, keine Grundsteinlegung, keine Einweihung ohne
religiöses Ritual.
Staatspräsident, Regierungschef und Minister legen ihren Amtseid vor dem
Athener Erzbischof ab, nicht etwa vor dem Parlament. Bevor das mit seinen
Beratungen beginnen darf, schwenken die Popen im Plenarsaal ihre
Weihrauchfässer. Vor Gericht ist die religiöse Eidesformel obligatorisch. Nur
gegen den erbitterten Widerstand des Klerus wurde Anfang der 80er Jahre die
Einführung der Zivilehe durchgesetzt.
Finanzen nicht transparent
Doch die Rolle der Kirche ist widersprüchlich. Einerseits werden die
Geistlichen vom Staat besoldet, was die Steuerzahler 2005 rund 160 Millionen
Euro kosten wird. Andererseits sieht sie sich als eine dem Staat übergeordnete
Institution, die keiner weltlichen Instanz Rechenschaft schuldet. Die
griechische Kirche ist die reichste Körperschaft und der größte Grundbesitzer
des Landes. Sie genießt den Status der Steuerfreiheit, aber ihre Finanzen legt
sie nicht offen.
Dass es in Gelddingen an Transparenz mangelt, zeigt der Fall des vorläufig
suspendierten Bischofs von Attika, der im Verdacht steht, rund drei Millionen
Euro unterschlagen zu haben. Dass die staatlich besoldeten Priester für jede
religiöse Dienstleistung, von der Taufe bis zur Beisetzung, von den Gläubigen
willkürlich "Gebühren" kassieren, ist allgemein bekannt. Aber die
jetzt öffentlich gewordenen Unregelmäßigkeiten übersteigen alle Vorstellungen.
Eine Institution, die solche Missstände über Jahrzehnte gedeckt habe, verdiene
nicht den Schutz des Staates, argumentieren nun viele. Der konservative Premier
Kostas Karamanlis gibt sich als Pontius Pilatus. Das Thema beschäftige die
Regierung nicht, ließ er erklären. Erziehungs- und Religionsministerin Marietta
Giannakou erklärte am Freitag, die Regierung habe nicht die Absicht in einem
Dialog über diese Frage einzutreten.
Karamanlis scheut offenbar den Konflikt mit dem Klerus. Wenn er diesem zu nahe
träte, würde er viele Wähler verprellen. Doch selbst in der regierenden Nea
Dimokratia mehren sich die Stimmen für eine Verfassungsänderung: Die Zeit für
eine Trennung von Staat und Kirche sei gekommen, meinen der Abgeordnete
Theodoros Kassimis und der Europaparlamentarier Jannis Varvitsiotis. So denken
immer mehr Griechen.
Nach: Frankfurter Rundschau, 12.2.05, S. 1
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/nachrichten/?cnt=630741