Das Opus Dei - eine umstrittene Gemeinschaft Kritiker sehen das Werk Gottes als Teufels Beitrag
Aussteiger und Kritiker nennen es heilige Mafia oder Stoßtrupp des Papstes. Sie beklagen autoritäre, geheimnisvolle Methoden des Opus Dei. Seine Anhänger aber sehen im "Werk Gottes" den wahren Weg, den katholischen Glauben zu leben.
Was Dietmar Scharmitzer widerfahren ist, klingt wie ein Wunder. Auch wenn er dieses Wort nicht in den Mund nehmen mag, wenn er im Grunde gar nicht über seine persönliche Wandlung seit dem Ausstieg aus dem Opus Die reden mag: der damals 28-Jährige blühte auf, nicht nur seelisch, was vielleicht zu erwarten war, sondern auch körperlich. Seine chronische Krankheit verschwand. Er wuchs noch einmal um zwei Zentimeter, und seine Stimme wurde tiefer. "Das kann man eigentlich nicht erzählen", sagt der Pädagoge heute. "Das glaubt einem ohnehin niemand."
Gut zehn Jahre ist es her, dass der Wiener das Opus Dei verlassen hat. Erst jetzt findet er die Kraft, seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die die Methoden des Opus Dei beleuchten soll. Eine Geschichte, die er erzählt, um andere zu warnen - jetzt, da der Papst den Gründer des Opus Dei, Josemaria Escrivá, vor kurzem heilig gesprochen und damit fast jeder Kritik enthoben hat. Deshalb berichtet Scharmitzer demnächst im Österreichischen Rundfunk, und deshalb hält er darüber seinen ersten Vortrag.
In Kontakt mit dem Werk brachte ihn ein Religionslehrer mit gewinnenden Eigenschaften: Der Mann fuhr Faltboot, spielte Trompete und konnte Judo. Der 15-jährige Scharmitzer vertraute sich ihm an, wählte ihn schließlich als Beichtvater. In einer solchen Sitzung nahm der Theologe den Jungen in die Zange. Nach einer Stunde gab der - eingeschüchtert und weinend - das Versprechen, künftig geistliche Gespräche mit einem Laien vom Opus zu führen.
Von nun an besuchte Scharmitzer den Jugendclub Delfin - eines von vielen ähnlichen Angeboten des Werks. Bald darauf schloss er sich offiziell der Organisation an und wurde ein überzeugtes so genanntes assoziiertes Mitglied. Der junge Mann verpflichtete sich zur Ehelosigkeit, übte Gehorsam und verzichtete bis auf ein Taschengeld auf seine Einkünfte. Bald war er nur noch ein Rädchen im Getriebe des Werkes.
Er akzeptierte den Index verbotener Bücher, die nur mit Sondererlaubnis zu lesen sind. Er unterwarf sich einem Marathon an täglichen Frömmigkeitsübungen, und er unterzog sich mittelalterlich anmutenden Bußpraktiken. Täglich für zwei Stunden hatte er einen Dornengürtel zu tragen, wöchentlich peitschte er sich einmal aus. Warum er das tat? Weil eine autoritäre Organisation eine Art Gehirnwäsche vornahm, glaubt Scharmitzer jetzt. Erst die Bekanntschaft mit seiner späteren Frau habe ihm nach zehn Jahren die Augen geöffnet.
Ähnlich äußern sich andere Aussteiger. Michael Lehner etwa, der jüngst ein Buch mit seinen Erfahrungen veröffentlichte, fühlte sich im Opus Die wie in einem strengen Knabeninternat. Auch der 51- jährige Publizist Widmar Puhl aus Kirchheim am Neckar gehört zu den wenigen Ehemaligen, die heftige Vorwürfe erheben. "Das Opus ist eher ein Teufels- als ein Gotteswerk", sagt Puhl. Dabei ging es ihm, der vor 35 Jahren in die Gemeinschaft fand, zunächst gut. Aus dem schlechten Schüler wurde ein Musterknabe. Zur Entfremdung kam es während des Studiums der Sprach- und Literaturwissenschaften sowie der journalistischen Ausbildung. Nicht nur seine Lektüre kontrollierten die "geistlichen Leiter", auch seine Artikel wurden zum Teil umgeschrieben. Als er dann seine spätere Frau kennen lernte, war der Bruch unvermeidlich. Dieser habe sich unter dramatischen Umständen abgespielt, mit Telefonterror und 24- stündigem Kreuzverhör.
Die Aussteiger zeichnen so das Bild einer dunklen fundamentalistischen Sekte, einer "heiligen Mafia", wie der "Spiegel" einmal schrieb. Der wohl beste Kenner des Werkes in Deutschland, Peter Hertel, sieht es gar als quasi militärisch organisierte Gemeinschaft. Diese strebe danach, Einfluss auf die Eliten zu gewinnen und Schaltstellen in Kirche und Gesellschaft zu besetzen. Deutschland spiele als Betätigungsfeld zwar eine geringe Rolle. In Westeuropa aber erschließe sich Opus Dei etwa über Stiftungen bedeutende Finanzquellen, ohne darüber Auskunft zu geben.
Tatsächlich lassen sich aus den Schriften Escrivás mühelos erbarmungslos klingende Zitate zusammenpuzzeln. So predigte der Gründer zum Beispiel "heiligen Zwang" und "blinden Gehorsam". Doch der Druck wirkt vor allem nach innen. Die Mitglieder halten sich mit gegenseitiger Gewissenserforschung selbst in Schach. Dafür werden sie belohnt durch eine Gemeinschaft, die ihnen Orientierung und damit Halt in einer zunehmend glaubenslosen Welt bietet.
Von diesem Klima erzählen die Broschüren und der Internetauftritt der Gemeinschaft. Dort sieht man fröhliche Menschen, von denen es heißt, sie wollten ihr Christentum im Alltag leben und vertiefen. Das ist demnach das zentrale Anliegen des Werkes. Dafür setzt es auf religiöse Bildung, soziale Initiativen und die persönliche Seelsorge. Besonders die Bedeutung der Laien wird betont. Tatsächlich leben die weltweit rund 85 000 Angehörigen dieses 1928 ins Leben gerufenen Stoßtrupps Gottes mitten in der Gesellschaft. Viele sind verheiratet. Die meisten gehen normalen Berufen nach. In rund 15 Städten Deutschlands gibt es Zentren. Etwa 600 Mitglieder leben in der Bundesrepublik.
In Stuttgart trifft sich etwa ein Dutzend von ihnen regelmäßig in Sankt Konrad. Von Geheimniskrämerei insoweit keine Spur. Das nächste Zentrum liegt in Augsburg: Der alte Domherrenhof wirkt ärmlich, verschlossen, abweisend. Patina liegt auf dem blass getünchten Gebäude. Die Fenster sind vergittert, der Eingang wird von Videokameras überwacht. Hier wohnen vier Numerarier - ehelos in einer Gemeinschaft vereinte Mitglieder -, und hier finden Einkehrtage sowie religiöse Bildungsveranstaltungen statt. Abgesehen von der Kapelle für die tägliche Messe unterscheidet sich die religiöse WG im Innern allerdings völlig von einer Kartause. Die moderne Einrichtung wirkt edel und wurde mit Hilfe einer Innenarchitektin arrangiert.
Der Seelsorger des Hauses, Harald Bienek, erinnert auch nur im ersten Moment dank seines eisernen Handgriffs an einen heiligen Paten. Im Gespräch sprengen er und seine Hausgenossen - ein Arzt, ein Rechtsanwalt und ein Architekt - dann die vorgefertigten Schablonen. Sie stehen mit beiden Beinen im Leben und tragen nicht ständig das Büßergewand. Der eine raucht Pfeife, der zweite bekennt, gerne Bier zu trinken, der Dritte schätzt einen guten Tropfen Wein, und der Vierte liebt Rockmusik.
"Askese soll kein Zwang sein", sagt Bienek. Wichtiger sei vielmehr, die täglichen Aufgaben in Arbeit und Familienleben mit Freude zu tun. Der aggressive Habitus christlicher Fundamentalisten geht diesen Opus-Dei-Mitgliedern ab. "Heute gilt ja schon als Fundamentalist, wer alles glaubt, was in der Bibel steht", sagt der Priester. Unerbittlich sind die Herren offenbar nur zu sich selbst. Ständig feilen sie an ihrem Charakter. Und religiöse Liberalität schrumpft in ihren Worten leicht auf die Freiheit, den Vorgaben ihres Gründers zu gehorchen.
Ihre fremde Weltsicht wirkt zwar antiquiert, aber kaum bedrohlich. Dazu strahlen die Herren zu viel Fröhlichkeit aus. Dazu konzentrieren sie sich auch zu sehr auf ihre persönliche Spiritualität. Auch das Mittel der Manipulation scheint ihnen fremd. Das Werk weist solche Vorwürfe auch weit von sich und betont, wenn sich jemand verpflichte, geschehe dies nur freiwillig. In staatsbürgerliche Angelegenheiten mische man sich überdies prinzipiell nicht ein. Sollten Aussteiger unter Druck gesetzt worden sein, handle es sich um bedauerliche Einzelfälle, sagt Bienek.
In der Tat sind solche Vorfälle auch anderen spirituellen Gemeinschaften nicht fremd. Malen die Aussteiger also zu schwarz? "Die Aufgabe eines Beschlusses, der ein Leben lang binden sollte, führt immer zu Krisen", sagt Paul Neuhaus, der zu den Stuttgarter Opus-Dei-Leuten zählt. So kann man es sehen, muss es wohl sogar, wenn man mitten in einer Gruppe lebt, deren strenge Regeln man verinnerlicht hat. Doch sollte man auch damit rechnen, dass die Gesellschaft kein Verständnis für eine zum Teil masochistisch anmutende Frömmigkeit und entmündigende Vorschriften hat. "Kann sein, dass ich den Job verliere, wenn meine Mitgliedschaft in weiterem Umfeld bekannt wird", sagt der Volkswirt Neuhaus. "Dabei sind wir ganz normale Christen - mit ein wenig Folklore." (Michael Trauthig)
Aus: Stuttgarter Zeitung, 29.10.2002