Wir sind Kirche: Offener Brief an den

Bischof von Rom

und an die deutschen Bischöfe

 

25.08.2006 -

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Anlässlich des Besuches von Papst Benedikt XVI. im September 2006 in Bayern

richtet die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche einen Offenen Brief an den

Bischof von Rom, Papst Benedikt XVI., und an die deutschen Bischöfe. Der Brief

enthält in 10 Punkten eine ungeschminkte Darstellung der gegenwärtigen Lage

der römisch-katholischen Kirche in unserem Land, ruft dazu auf, in christlicher

Zuversicht mehr Mut zu zeigen, und fordert den Papst und die deutschen Bischöfe

zum offenen und ernsthaften Dialog mit dem Kirchenvolk auf. Denn, so wörtlich

 im Offenen Brief: "Die römisch-katholische Kirche steht in Deutschland, in Europa

und weltweit vor dramatischen Veränderungen und Herausforderungen, die nur

von Kirchenvolk und Bischöfen gemeinsam bewältigt werden können."

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An den Bischof von Rom Papst Benedikt XVI.

An die Erzbischöfe, Bischöfe und Weihbischöfe der 27 deutschen Diözesen

 

Eure Heiligkeit Papst Benedikt XVI., sehr geehrte Herren Erzbischöfe und Bischöfe!

 

1.845.141 Menschen, von denen sich 1.483.340 ausdrücklich als römisch-katholisch bekannten,

haben im Herbst 1995 allein in Deutschland die fünf Forderungen des KirchenVolksBegehrens

unterschrieben. Sie taten dies auf der Grundlage der dogmatischen Konzils-Konstitution

„Lumen Gentium“, Art. 37, und des Can. 212 § 3. des Kirchenrechts. Danach haben die

Gläubigen „das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl

der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der

Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und

unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen

Gläubigen kundzutun.“

 

Immer wieder haben sich Menschen aus der KirchenVolksBewegung in den vergangenen

Jahren an den Papst in Rom, an einzelne Bischöfe sowie auch an die deutsche Bischofskonferenz

gewandt, ohne dass jedoch ein wirklicher Dialog zustande gekommen ist. Dies ist umso

bedauerlicher, als die Unterschriften von Laien, Priestern und Ordensleuten unter das

KirchenVolksBegehren – wie Untersuchungen immer wieder zeigen – nach wie vor für die

große Mehrheit der praktizierenden Katholiken und Katholikinnen stehen, die sich für die vom

Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der

Bundesrepublik Deutschland” (1971-1975) sowie der Dresdener Pastoralsynode (1973-1975)

angestoßenen und seitdem theologisch und pastoral weiter entwickelten Reformschritte einsetzen.

 

Anlässlich des Pastoralbesuches von Papst Benedikt XVI. im September 2006

müssen wir feststellen:

 

  1. Immer mehr Menschen wird das „Glauben“ in der Kirche gerade durch das Festhalten

an überholten kirchlichen Strukturen erschwert oder gar unmöglich gemacht.

Hunderttausende haben schon »Kirchenflucht« begangen, Millionen haben sich in die

innere Emigration zurückgezogen. Besonders Frauen finden es zunehmend unerträglich,

dass sie durch die patriarchalen, kirchlichen Strukturen gehindert werden, ihre Berufungen

und ihren Glauben in der Kirche zu leben.

 

  1. Die Zahl der Menschen und Gemeinden wird immer größer, die sich für innerkirchliche

Reformen wie die Ordination von Frauen, die Zulassung von verheirateten Männern

(„viri probati“) zum Priesteramt, die Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester oder die

Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten einsetzen. Auch die

zahlreichen Voten von Räten, Kommissionen, Verbänden, Synoden und

Pastoralgesprächen zeigen die Notwendigkeit dieser Reformen immer deutlicher.

 

  1. Bedingt durch den weiter zunehmenden Priestermangel steht die Gemeindepastoral

vor umwälzenden Umbrüchen, auf die unsere Kirche nicht vorbereitet ist. Die

Hälfte unserer Pfarreien in Deutschland wird in naher Zukunft ohne ordinierte Seelsorger

und regelmäßige Eucharistiefeier sein. Die derzeitigen bischöflichen Strukturüberlegungen

haben die Gemeinde als Urmodell christlicher Gemeinschaft aus den Augen

verloren und kündigen den Abschied von der Ortsgemeinde an. – Auch

weltweit ging in dem 26-jährigen Pontifikat von Johannes Paul II. die Zahl der

Priester um 4 Prozent zurück, während die Zahl der Katholiken und Katholikinnen

weltweit um 40 Prozent anstieg.

 

  1. Die Weltbischofssynode zur Eucharistie 2005 in Rom hat gezeigt, dass die von

der KirchenVolksBewegung seit Jahren thematisierten Reformanliegen keineswegs

 nur Deutschland betreffen. Bischöfe – vor allem aus Dritte-Welt-Ländern, den

USA und den Unierten Orthodoxen Kirchen – haben dieses zur Sprache gebracht.

 

  1. Die aktuelle Finanz- und Vertrauenskrise ist Zeichen einer schweren

geistigen und geistlichen Krise. Die drastischen Sparmaßnahmen werden in

vielen Bistümern ohne Transparenz und breitere Mitwirkung praktiziert. Der pastorale

und soziale Rückbau hat zur Folge, dass sich die Kirche immer mehr von den

Menschen entfernt.

 

  1. Die römisch-katholische Kirche erreicht mit ihrer Botschaft nur noch

einen weiter schrumpfenden Bruchteil der gesellschaftlichen Milieus,

wie in aufrüttelnder Weise die jüngst veröffentlichte „Sinus-Studie“ aufzeigt,

die die Einstellungen von Menschen zu Religion und Kirche sowie konkrete

Wünsche und Erwartungen an die katholische Kirche untersuchte.

 

  1. Zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, fehlt die Stimme der Kirche in

den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umverteilungs- und

Umstrukturierungsprozessen sowie zu den Folgen der weltweiten Globalisierung.

 

  1. Die einschneidenden Eingriffe des Vatikans in den letzten Jahren – wie beispielsweise

die „Laieninstruktion”, das Apostolische Schreiben „Ad tuendam fidem“ (Zum Schutz

des Glaubens), die die Ökumene sehr belastende Erklärung „Dominus Iesus” und die

Liturgie-Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ – haben die Kluft zwischen

Kirchenleitung und Kirchenvolk immer mehr vertieft.

 

  1. Besonders gravierend für die katholische Kirche in Deutschland waren und

sind die jüngste scharfe Kritik am Zentralkomitee der deutschen Katholiken durch den

neuen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Levada, die Infragestellung der

seit der „Würzburger Synode“ bestehenden Pfarrgemeinde-, Dekanats- und Diözesanräte

und all ihrer Beschlüsse durch die Kleruskongregation sowie die jetzt auf Druck von Rom

erfolgte Ausgrenzung von Haupt- und Ehrenamtlichen im kirchlichen Dienst, die sich in

der Schwangerschaftskonfliktberatung engagieren, nachdem sich die deutschen Bischöfe

bereits 1999 daraus zurückgezogen haben.

 

  1. Die bereits 1994 vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken konstatierte

Dialogverweigerung mit dem Kirchenvolk hält an. Auch die zahlreichen Dialogversuche

seitens der KirchenVolksBewegung sind von den Bischöfen nur sehr zögerlich oder gar

nicht aufgenommen worden. Die Bitte der Internationalen Bewegung Wir sind Kirche

um Gespräche mit Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. sind nicht beantwortet

worden.

 

Die römisch-katholische Kirche steht in Deutschland, in Europa und weltweit vor

dramatischen Veränderungen und Herausforderungen, die nur von Kirchenvolk

und Bischöfen gemeinsam bewältigt werden können. Wenn Sie wahre Hirten der

Kirche, solidarisch mit deren Nöten und Hoffnungen, sein wollen, sollten Sie – als

Nachfolger der Apostel – im Sinne des Apostel Paulus „nicht als Herr über den

Glauben, sondern als Diener unserer Freude” handeln (2 Kor 1,24). Deshalb

appellieren wir an Sie:

 

Mit- und Selbstverantwortung in den Gemeinden! Binden Sie die so genannten Laien

in die Weitergabe des Glaubens und in Leitung der Gemeinden kompetent ein!

 

Gerade die Visionen von Frauen für ein erneuertes Amt bieten Chancen für eine

zukunftsweisende Pastoral!

 

und Eigenverantwortung ein, da nur so eine Beheimatung in der Kirche gelingen kann!

 

Katholiken als klares Zeichen der Liebe zur Kirche und als Alternative zu

tatsächlicher oder innerer Emigration!

 

der Reformation! Geben Sie ein klares Bekenntnis für das Verbindende im

Glauben sowie zum zweiten Ökumenischen Kirchentag im Jahr 2010 ab!

 

Menschen zugewandte und geschwisterliche Kirche. Seien Sie zum

offenen und ernsthaften Dialog mit dem Kirchenvolk bereit!

 

Dietgard Heine und Christian Weisner
für das Bundesteam der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche

 

München, im August 2006

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Vgl: http://www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=125&id_entry=348