Österreich: Priestermangel bringt Sorge vor dem Burn

out im Talar

Die Zahl der "Blaulichtpfarrer" steigt - Das Kirchen-Hopping hinterlässt an der Psyche

vieler Priester Spuren

 

Linz - "Ich bin gespannt, wie das jetzt alles gehen soll. Alleine schaffe ich das sicher nicht",

hadert Dechant Anton Stellnberger, Pfarrer von Rainbach im Mühlkreis und Provisor der

Gemeinden Leopoldschlag und Sandl nach dem plötzlichen Tod seines Pfarrvikars Johann

Mayrhofer mit der Seelsorge-Zukunft. Der 76-jährige Mayrhofer war am 25. Dezember

unmittelbar nach einer Messe tot zusammengebrochen. Trotz seines hohen Alters und einer

schweren Herzkrankheit hatte der pensionierte Pfarrer nahezu alle Bereiche eines hauptberuflichen

Gottesmannes übernommen. Sein Ableben hat jetzt die Nachwuchs-Diskussionen innerhalb

der Kirche erneut angeheizt.

 

"Statt einem Kaplan bekommt man heute eine zweite Pfarre. Die Belastung und der Stress werden

einfach zu groß", ist Stellnberger überzeugt. Zumindest bis Ostern hat der Pfarrer aus Personalmangel

jetzt zwei Wochenendmessen streichen müssen. Aktuelle Zahlen belegen einen dringenden

Handlungsbedarf: In der Diözese Linz sind bereits 140 Pfarren ohne Priester, von 429

Weltpriestern sind lediglich 23 unter 40 Jahre alt. Der Anteil der über 70-Jährigen liegt bei

35 Prozent, das Durchschnittsalter bei etwa 62 Jahren. 83 der oberösterreichischen Priester

müssen bereits je zwei Pfarren, 14 bereits drei Pfarren betreuen. Die Zahlen spiegeln auch den

gesamtösterreichischen Zustand wieder: Ein Fünftel der gesamt 3048 Pfarren hat keinen eigenen

Priester mehr. Bleibt der Nachwuchs weiter aus, wird es bis zum Jahr 2016 österreichweit nur

mehr 80 Priester unter 70 Jahren geben.

 

Seelsorge mit Mängeln

Und die klerikale Nachhut lässt auf sich warten: Im November 2005 trat in der Diözese

Feldkirch kein einziger Seminarist ein, in Gurk-Klagenfurt und in Linz waren es zwei, in

Graz-Seckau drei, in Salzburg, Innsbruck und Eisenstadt jeweils fünf. Die Erzdiözese Wien

darf sich über elf neue Seminaristen freuen. Letztlich zum Priester geweiht wurden 32 Kandidaten.

Zum Vergleich: 1950 traten noch 152 Jungpriester ihren Dienst in der Kirche an.

 

Not am Kirchen-Manne sieht auch der ehemalige Caritas-Präsident, heutige Universitätsseelsorger

und Pfarrer von Probstdorf, Helmut Schüller: "Einerseits ist natürlich die Belastung für die einzelnen

Priester enorm, andererseits leidet die Qualität der Seelsorge." Es bleibe der Kontakt "nur mehr

an der Oberfläche", wenn kein Pfarrer mehr im Ort sei. Die Kirchen-Zukunft sieht der Obmann

der im April ins Leben gerufenen "Pfarrer-Initiative" im Standard-Gespräch in einem

"viri probati"-Modell. Der Weg dorthin sei aber steinig: "Auf bischöflicher Ebene gibt es die

Generalklausel, dass diese eklatanten Probleme nicht angesprochen werden dürfen. Das Gebot

der Stunde wäre es jetzt, gute Laien mit entsprechenden Kompetenzen auszustatten und dem

jeweiligen Pfarrer zur Seite zu stellen."

 

Deutlich entspannter sieht Pfarrer Erich Neidhart die Priestersituation. Der 42-Jährige steht der

Kirche in der kleinen Marchlandgemeinde Orth an der Donau vor. Gemeinsam mit seinem Kaplan

 betreut er außerdem zwei weitere Pfarrkirchen und fünf Filialkirchen. Macht pro Wochenende

sechs bis sieben Eucharistiefeiern, dazu kommen noch mehrere Gottesdienste unter der Woche.

Den Vorwurf der "Oberflächen-Seelsorge" durch Pfarrverbände lässt er nicht gelten: "In Wien

hat man vielleicht nur eine Pfarre, dafür aber 7000 Gläubige". Natürlich sei sein Hochamt auch

stressig. "Aber welcher Beruf ist das nicht. Es ist ein positiver Stress, bei uns ist auch der

Erfolgsdruck nicht so groß", so Neidhart. Dennoch müsse man sich abgrenzen können: "Die

Grenze zwischen Beruf und Freizeit ist bei uns sicher schwerer zu ziehen. Tut man es aber

nicht, geht man unter." (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe, 2.1.2007)

 

4.1.07

Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=2712844