"Ökumene braucht den langen Atem"
Kardinal Karl Lehmann beim Priestertag des Bistums Essen
Der ökumenische Dialog scheint nach Ansicht des Bischofs von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, an Schwung verloren zu haben. Viele hätten sich mit dem Erreichten "recht und schlecht eingerichtet", sagte Lehmann beim Priestertag des Bistums Essen am Montag, 7. Januar, im Essener Saalbau. Das Verhältnis der Kirchen zueinander erscheine trotz einiger Rückschläge in grundlegenden Fragen als entschärft, so Lehmann weiter. Ökumene sei auf allen Veranstaltungen und Ebenen hoffähig geworden. Zugleich spüre man aber, dass dieses Klima nicht ungefährlich sei. Schwerwiegende Differenzen würden derzeit eher zurückgestellt und man ginge ihnen aus dem Weg.
Lehmann wies darauf hin, dass die Kirchen mehr Gemeinsames als Trennendes verbinde. "Es ist ungewöhnlich viel erreicht worden, was vor Jahrzehnten noch undenkbar war." Dennoch gäbe es bei allen Erfolgen noch bestehende Hindernisse. Dabei verwies er auf das Fehlen gemeinsamer Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen, die kirchliche Anerkennung und sellsorgliche Begleitung konfessionsverschiedener Ehen sowie das Warten auf die gegenseitige Einladung und Anerkennung im Blick auf das Herrenmahl. Die Tragik der Kirchenspaltung, so Lehmann, erweise gerade im Persönlichsten, wie es Ehe und Familie darstellten, ihre stärkste Macht. Hier erlebten viele Menschen die Jahrhundert lange Entfremdung furchtbarer als im öffentlichen Verhältnis der Kirchen selbst. "Dies muss ein wichtiger Motor unseres ökumenischen Einsatzes bleiben", betonte der Mainzer Bischof.
Lehmann mahnte mehr "Nüchternheit und auch
Glaubwürdigkeit in der ökumenischen Arbeit" an. Es wäre
fatal, wenn eine resignierende Grundstimmung sich gegen ihre
letzte Absicht daran beteiligen würde, das immer noch brennende
ökumenische Feuer löschen zu helfen. "Ökumene braucht den
langen Atem", unterstrich Bischof Lehmann. "Sonst kann
es geschehen, dass Resignation und Revolte sehr dicht beieinander
wohnen."
7.1.02