Ökumene: Heftiger Streit um Kirchentag
Bonn, 23.7.2003 (KNA). In der katholischen Kirche gibt es einen heftigen
Streit über die Bewertung des Ökumenischen Kirchentags. Das Zentralkomitee
der deutschen Katholiken (ZdK) warf den Kardinälen Joseph Ratzinger und
Joachim Meisner am Mittwoch vor, die positiven Auswirkungen des
Christentreffens in Berlin zu diskreditieren und durch "ökumenischen
Missmut" herunter zu reden. Damit brüskierten die beiden Würdenträger
nicht
nur die 200.000 Teilnehmer des Kirchentages, sondern auch die mehr als 40
katholischen Bischöfe und Kardinäle, die das Treffen an teilweise führender
Stelle mitgestaltet hätten, sagte ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer in Bonn.
Der Kölner Erzbischof Meisner hatte kürzlich in einem Zeitungsartikel mit
Blick auf den Abendmahlsstreit geschrieben, der Kirchentag habe zur
Desorientierung in den Gemeinden geführt. Kurienkardinal Ratzinger bewertete
das Christentreffen am Dienstag als "zu konturlos" und warf dem ZdK
vor, er
habe von dem Gremium "noch nie ein Wort der Glaubensfreude" gehört.
Meyer erklärte dazu, der Kirchentag sei ein "Fest christlicher
Glaubensfreude" gewesen und habe "überzeugend die Kraft des
christlichen
Glaubens und den Willen zur Gemeinsamkeit der Christen in einer zunehmend
glaubensfernen Gesellschaft" gezeigt. Er warf Meisner und anderen
"Priester
und Laien, die sich papsttreu nennen" vor, den Erfolg des Treffens schon
im
Vorfeld nicht gewollt zu haben. "Alle diese Aktionen sind kläglich
gescheitert", betonte der ZdK-Präsident.
An die Adresse Ratzingers sagte Meyer, der Kardinal scheine "nur das
wahrzunehmen, was er sehen will und was seine bekannten Vorurteile
bestätigt". Einerseits werfe er dem ZdK einen Mangel an Glaubensfreude
vor,
andererseits rüge er den Feiercharakter des Kirchentages. Darüber hinaus
verletze er zahlreiche Katholiken durch den wiederholt geäußerten Vorwurf,
die katholischen Verbände seien funktionärsbestimmt und bürokratisiert. Dies
Haltung bedeute eine "Verachtung des organisierten
Laienkatholizismus". Das
ZdK und die Verbände seien stolz darauf, sich konkret und aktiv für
christliche Werte in der Gesellschaft einzusetzen.
Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20030723t115908437.htm
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"Wir
lassen uns durch ökumenischen Missmut nicht beirren"
Erklärung zur Kritik der Kardinäle Ratzinger und Meisner
Bonn, den 22. Juli 2003. Zu der Kritik von Kardinal Ratzinger in einem
Interview der Rhein-Zeitung vom 22. Juli 2003 und Kardinal Meisner in seinem
Artikel in der Tagespost vom 9. Juli 2003 erklärt der Präsident des
Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Prof. Dr. Hans Joachim
Meyer:
Der Ökumenische Kirchentag war ein Fest christlicher Glaubensfreude, wie es
viele erhofft, aber nur wenige in einem solchen Maße erwartet hatten. Gerade
in Deutschland ist eine solche Bestärkung im christlichen Glaubenszeugnis
besonders wichtig. Leider gibt es auch Katholiken, die einen solchen Erfolg
nicht wollten. Bereits im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentages hatte der
Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner, den von ihm mit beschlossenen
Aufruf der Deutschen Bischofskonferenz zur Teilnahme in Berlin nachträglich
stark verändert, damit er besser zu diesem Ereignis auf Distanz gehen
konnte. Priester und Laien, die sich papsttreu nennen, veröffentlichten in
überregionalen Zeitungen Aufrufe, nicht am Ökumenischen Kirchentag
teilzunehmen. Alle diese Aktionen sind kläglich gescheitert. Papst Johannes
Paul II. war diesen Unkenrufen nicht gefolgt, sondern hatte dem Ökumenischen
Kirchentag eine ermutigende und sich zur ökumenischen Hoffnung bekennende
Botschaft übersandt. Die Tage in Berlin zeigten überzeugend die Kraft des
christlichen Glaubens in Deutschland und den Willen zur Gemeinsamkeit der
Christen in einer zunehmend glaubensfernen Gesellschaft.
Nun scheint einigen die Zeit gekommen zu sein, die Wirklichkeit von Berlin
zu korrigieren. Kardinal Meisner zaubert in einem Zeitungsartikel in der ihm
eigenen Weise einen mitteleuropäischen Kritiker des katholischen Lebens in
Deutschland aus dem Hut, nutzt diesen Einstieg zu pauschalen Vorwürfen gegen
den deutschen Katholizismus, verbindet dies mit der durch nichts belegten
Behauptung, der Ökumenische Kirchentag hätte zur Desorientierung in den
Gemeinden geführt, und ist sich nicht zu schade, seine bischöflichen
Amtsbrüder kritisch zu attackieren.
Kardinal Ratzinger benutzt jetzt ein Interview, um dem Ökumenischen
Kirchentag einen Mangel an Kontur vorzuwerfen. Er gibt zwar zu, "ihn
wirklich nur ganz aus der Ferne gesehen" zu haben, aber das hindert ihn
nicht, über dieses Ereignis in herabsetzender Weise zu reden. Damit verletzt
er nicht nur die 200 000 Christen, die sich in Berlin versammelt hatten,
darunter 70 000 Katholiken, sondern er brüskiert auch vierzig katholische
Bischöfe, darunter fünf Kardinäle, aus dem In- und Ausland, die an diesem
Ökumenischen Kirchentag teilgenommen und ihn mitgestaltet haben, so durch
viel beachtete Gottesdienste, Bibelarbeiten, Reden und Vorträge. Vor allem
ist dies ein Affront gegenüber Kardinal Walter Kasper, der einer der
Hauptvortragenden in Berlin war und dort begeistert gefeiert wurde,
gegenüber dem Erzbischof von Berlin, Kardinal Georg Sterzinsky, der zusammen
mit vier weiteren katholischen Bischöfen im Präsidium maßgeblichen Anteil an
der Gestaltung des Ökumenischen Kirchentages hatte, und nicht zuletzt
gegenüber dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl
Lehmann, der zu den überragenden Persönlichkeiten der Tage in Berlin
gehörte.
Kardinal Ratzinger scheint nur das wahrzunehmen, was er sehen will und was
seine bekannten Vorurteile bestätigt. Einerseits wirft er dem Zentralkomitee
der deutschen Katholiken einen Mangel an Glaubensfreude vor, andererseits
rügt er den Feiercharakter des Ökumenischen Kirchentag und vermisst bei
diesem Ereignis "das Antlitz Christi des Gekreuzigten". Natürlich
dürfen die
üblichen Vorwürfe, das ZdK und die katholischen Verbände, diesmal
insbesondere der Jugend, seien funktionärsbestimmt und bürokratisiert, nicht
fehlen. Ist ihm wirklich nicht bewusst, wie viele katholische Christen in
den Verbänden und Räten er mit solchen Anwürfen persönlich verletzt und
herabwürdigt?
Zur Realitätsferne solcher Behauptungen passt, was Kardinal Ratzinger dann
als Gegenvorschlag und Heilungsmittel für den deutschen Laienkatholizismus
formuliert: "Mein Ideal ist das, was nicht von uns geplant wird, sondern
was
selber kommt und wächst und in der Kirche Aufnahme findet, was gelebt und
geordnet wird." Was hier als Tiefsinn daher kommt, ist nichts anderes als
die Absage an den katholischen Wirklichkeitssinn. Das Zentralkomitee der
deutschen Katholiken ist jedenfalls stolz darauf, sich für christliche Werte
im Leben der Gesellschaft mit Nachdruck einzusetzen und nicht darauf zu
vertrauen, dass irgendetwas von selbst kommt. Das gilt selbstverständlich
auch für alle, die sich darum sorgen, dass es auch noch morgen und
übermorgen christliches Leben in Deutschland und Europa gibt. Wie Kardinal
Ratzinger seinen Ruf nach dem Gottesbezug in der europäischen Verfassung und
nach einem Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln Europas mit seiner
Verachtung des organisierten Laienkatholizismus in Einklang bringt, bleibt
sein Geheimnis. Ohne den Einsatz des Zentralkomitees der deutschen
Katholiken und seiner katholischen Freunde in Europa gäbe es jedenfalls weit
weniger Respekt vor den christlichen Werten in der europäischen
Gesellschaft.
Wir werden unbeirrt weiter den Weg der Ökumene gehen, zusammen mit allen
Christen, die die Einheit im Glauben ersehnen. Selbstverständlich wissen
auch wir, dass die Einheit der Christen nur von Gott geschenkt werden kann.
Aber daraus folgt für uns nicht, dass Gott uns etwas schenken wird, um das
wir uns nicht mühen, nicht zuletzt bei Festen christlicher Glaubensfreude
wie einem Ökumenischen Kirchentag.
Quelle: http://www.zdk.de/pressemeldungen/meldung.php?id=158
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Kardinal Lehmann kritisiert Ratzinger und Meisner
Osnabrück, 29.7.2003 (KNA). Kardinal Karl Lehmann hat seine Amtsbrüder
Joseph Ratzinger und Joachim Meisner ungewöhnlich offen und deutlich
kritisiert. Deren Äußerungen über den Ökumenischen Kirchentag in Berlin
seien "unangemessen und in gewisser Weise auch verletzend", schreibt
der
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einem am Dienstag vorab
veröffentlichten Beitrag für die nord- und ostdeutschen Kirchenzeitungen.
Lehmann unterstreicht, selbstverständlich sei Kritik an diesem Ökumenischen
Kirchentag wie an jedem anderen Katholikentag erlaubt. Der Mainzer Bischof
weist aber Ratzingers Kritik zurück, die Veranstaltung sei
"konturenlos"
gewesen. Bibelarbeiten, Gottesdienste und Gespräche auf dem Kirchentag
hätten viel von Nachfolge, Kreuz und Glaubensfreude spüren lassen, wie der
Präfekt der römischen Glaubenskongregation sie mit Recht fordere. Für
verletzend hält Lehmann Meisners Aussage, dass "von dem Ökumenischen
Kirchentag ein großer Desorientierungs- und Verwirrungsschub in unsere
Gemeinden ausgegangen" sei. Dies könne er nicht teilen.
Lehmann kann nach eigenem Bekunden auch nicht sagen, wem Ratzingers Kritik
gilt, der Ökumenische Kirchentag sei "mehr sozusagen ein sich selber
Feiern
und Genießen" gewesen. Tatsächlich hätten zahllose Mitwirkende,
"darunter
auch viele Bischöfe, Priester und katholische Laien, um Orientierung
geistiger, ethischer und spiritueller Art gerungen und haben Verwirrungen
nicht erzeugt, sondern sichtbar gemacht".
Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20030729t153455984.htm
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Meisner
kritisiert Lehmann-Kritik
Köln, 29.7.2003 (KNA). Bei der Bewertung des Ökumenischen Kirchentages in
Berlin (ÖKT) geht es nach Auffassung des Kölner Erzbischofs Kardinal Joachim
Meisner "keineswegs um 'Meinungsverschiedenheiten im eigenen Lager'",
wie
Kardinal Karl Lehmann in einem Beitrag für die nord- und ostdeutschen
Kirchenzeitungen geschrieben habe, es gehe "um die Substanz des
Glaubens".
Meisner äußerte sich in einem am Dienstag vorab verbreiteten Beitrag für die
Kölner Kirchenzeitung, die am Wochenende erscheint.
Es gehe "heute und inzwischen um den Kern des Glaubens", stellt
Meisner
fest. Wenn Lehmann sich bei einer Kirchentagsdiskussion tüchtige Mitstreiter
gewünscht hätte, so frage er, Meisner, zurück, ob denn außer Lehmann keine
verantwortungsbewussten Katholiken zur Stelle gewesen wären. Meisner
befürchtet weiter, "dass der ökumenische Kirchentag gleichsam so viel
'Lärm'
produziert..., dass die Umkehrsignale schließlich gar nicht mehr zu den
Christen durchdringen". Die Ökumene lebe vom Realismus und vom Mut, nicht
von verschwommenen Vorstellungen. In dieser Hinsicht sei der
Abschlussgottesdienst eine verschwommene Vorstellung gewesen. "Wir
Bischöfe
aber schulden den Menschen klare Antworten, und wir müssen ihnen und uns
Umkehr zumuten..."
In der Ökumene sei "theologisches Augenmaß und eine nüchterne, oft genug
auch ernüchternde Ehrlichkeit gefragt", betont Meisner. Sonst gebe es eine
Art Gefühlsreligion. In der öffentlichen Wahrnehmung des Ökumenischen
Kirchentages seien die großen Gottesdienste und vor allem der
Abschlussgottesdienst geblieben. Daher habe er in diesem Zusammenhang von
einem "Desorientierungs- und Verwirrungsschub" geschrieben. In dieser
Bewertung fühle er sich nun indirekt durch Kardinal Lehmann bestätigt, bei
dem die Gestaltung des Abschlussgottesdienstes Fragen hinterlassen habe.
Meisner: "Für die öffentliche Wahrnehmung wurde ein verwirrendes Signal
gesetzt."
Quelle:
http://www.kna.de/webnews/kwn0_472prs865qylo/kwn0-20030729t172218343.htm