Ökumene: Steht in Zukunft die Betonung des Trennenden im Vordergrund?
Nuntius Lajolo gegen "versöhnte Verschiedenheit"
EKD: Lutherübersetzung statt Einheitsübersetzung der Bibel auch in ökumenischen Gottesdiensten
Berlin (bj) - Wenige Wochen, bevor das Leitwort und die Themenbereiche für den Ökumenischen Kirchentag 2003 beschlossen werden sollen, hat es auf beiden Seiten Bekräftigungen der konfessionellen Eigenheit gegeben. Vor einer "Profilneurose" warnte hingegen Kardinal Walter Kasper, der Präsident des Rates für die Einheit der Christen. Er mahnte, die Kirchen dürften sich in der Frage der Kircheneinheit "nicht unter Druck setzen lassen". Jeder Partner im ökumenischen Dialog müsse "die Andersheit des anderen respektieren", sagte Kasper dieser Zeitung.
Anfang des Monats sorgte unter katholischen Kirchenoberen eine Empfehlung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Missstimmung, nach der die gemeinsam erarbeitete Einheitsübersetzung der Bibel auch in ökumenischen Gottesdiensten nicht mehr ausschließlich verwendet werden sollte. Das Papier unterstreicht die Bedeutung der Lutherübersetzung als "einigendes Band der evangelischen Kirchen und Freikirchen". Es entspreche "berechtigten Erwartungen", dass evangelische Christen bei ökumenischen Veranstaltungen "die Bibel in dem ihnen vertrauten und für sie maßgeblichen Wortlaut hören" könnten. In Reaktion auf einen Bericht dieser Zeitung (Nr. 41) beeilte sich der Sprecher der EKD, Oberkirchenrat Thomas Krüger, die Tragweite der Empfehlung herunterzuspielen. Das Ziel sei nicht eine verpflichtende Verwendung der Lutherbibel in ökumenischen Veranstaltungen; vielmehr sollten "bei ökumenischen Anlässen Lutherbibel und Einheitsübersetzung gleichrangig und gleichberechtigt verwendet werden".
Befremden lösten unterdessen Äußerungen des Apostolischen Nuntius, Erzbischof Giovanni Lajolo, aus. Beim Michaels-Empfang der Deutschen Bischofskonferenz am 10. Oktober in Berlin unterstrich Lajolo vor geladener evangelischer Prominenz die "einander ausschließenden Gegensätze" zwischen den Lehrüberzeugungen der Kirchen. Es sei daher "verführerisch", eine "versöhnte Verschiedenheit" als Ziel der Ökumene auszugeben. Dagegen spricht die von beiden Kirchen unterzeichnete "Gemeinsame offizielle Feststellung" zur Augsburger Rechtfertigungserklärung von einer "Einheit in Verschiedenheit ., in der verbleibende Unterschiede miteinander versöhnt'" werden.
Nachdrücklich warnte der Nuntius davor, widersprüchliche Haltungen in bestimmten Glaubensfragen nebeneinander stehen zu lassen. Ein solcher "Glaubensrelativismus" verlasse in Wirklichkeit den Weg der Ökumene, deren Ziel die sichtbare Einheit der Kirche sein müsse. Die Kirche gründe auf der Wahrheit. Weil ein Wesensmerkmal der Wahrheit die Einheit sei, könne sie nicht "Gegenstand von Kompromissen sein", sagte Lajolo. Der evangelische Bischof von Berlin, Wolfgang Huber, wollte die Äußerungen Lajolos nicht bewerten. Der ökumenische Gehalt der Rede müsse "innerhalb der katholischen Kirche geklärt" werden.
Bei der Zusammenkunft des Gemeinsamen Präsidiums für den Ökumenischen Kirchentag Ende Oktober soll es am Rande auch um die Frage der Bibelübersetzungen für das Treffen gehen. Bei den Mitgliedern des Stabes, so hieß es, gebe es einen "Konsens", dass sowohl die Einheitsübersetzung als auch die Lutherbibel verwendet werden sollen. Es bestehe aber auch der Wunsch, eine dritte Übersetzung eigens für den Kirchentag zu schaffen.
Aus: Kirchenbote für das Bistum Osnabrück, 17.10.2001
Quelle: http://www.kirchenbote.de