Beim Abendmahl scheiden sich die Geister zwischen den Konfessionen - auch vor dem ersten ökumenischen Kirchentag
Die Idee zum Fest
wurde 1996 geboren, die ersten Einladungen gingen ein Jahr später raus und inzwischen ist abzusehen, dass
weit mehr als hunderttausend Gaste vom 28. Mai his 1. Juni in Berlin den ersten
ökumenischen Kirchentag feiern werden. Katholiken und Protestanten wollen unter
dem Leitwort "Ihr sollt ein Segen sein" gemeinsam tanzen, singen, Posaunen
blasen, disputieren -und natürlich auch streiten. Oder wie man bei Kirchens
meist etwas salbungsvoller sagt: sich und der Gesellschaft des christlichen
Glaubens, der frohen Botschaft von Gott und Jesus Christus, versichern. Ein Fest aber ohne Essen und Trinken ist alles
nichts. Und so wird auch in Berlin in vielen Kirchen oder unter freiem Himmel
das Brot gebrochen, der Wein getrunken werden. Fast a1le Religionen kennen das
Mahl als Ausdruck spiritueller Erfahrung. Für die Christen aber ist das Abendmahl, auch Eucharistie genannt,
zu einem der zentralen Symbole geworden. Es ist nicht nur die Erinnerung an das
letzte Essen, das der Gottessohn mit seinen Anhängern gemeinsam einnahm, ehe er
ans Kreuz genagelt wurde. Brot versinnbildlicht bis heute den Körper Jesu, der
Wein sein Blut, das - so glauben die Christen - vergossen worden ist, um die
Welt vom Bösen zu erlösen. Christen jeglicher Konfession empfinden mehr oder
weniger "die geheimnisvolle Gegenwart" ihres Erlösers, wenn sie in
ihren Gottesdiensten das Abendmahl feiern.
Bietet sich also in
den Grundüberzeugungen kein Grund zum Streiten. Wenn da nicht die Fragen der
Sitzordnung und der Bedienung wären: Wer lädt ein zum Tische des Herrn in
Berlin? Formal ist diese Frage schnell beantwortet: die Gastgeber, die beiden
Laienbewegungen der großen Kirchen: Evangelischer Kirchentag und Zentralkomitee
der Katholiken. Und ginge es nach ihnen, dann feierten Katholiken und Protestanten
gemeinsam die Eucharistie. Lange hegten die Veranstalter die Hoffnung, dass
dies 500 Jahre nach der Reformation des Dr. Martin Luther zu bewerkstelligen
sei. Aber der kühne Plan ist - zumindest für diesen Kirchentag - zerstoben.
Denn inzwischen haben
sich die Restaurantbesitzer, die Kirchenherrn, zu Wort gemeldet. Am Donnerstag
vor Ostern manifestierte der Papst, als Chef der katholischen Restaurant-Kette,
die altbekannte Tischordnung in einer Enzyklika: Katholiken und Protestanten dürfen
nicht gemeinsam das Abendmahl einnehmen. Und unterstütze so noch einmal die
Katholische Deutsche Bischofskonferenz, die schon Wochen vorher gewarnt hatte:
mit dem gemeinsamen Mahl sei die "Treue zu Gottes Wort und der
apostolischen Überlieferung in Gefahr", denn: "Der Glaube der Apostel
ist keine Handelsware, die beliebig zur Verfügung steht." Ökumenische
Erfolge, das Zusammengehen der Konfessionen, ließen sich nicht "durch
Abschleifen der Profile" erreichen.
Und weil katholische
Reformbewegungen nicht klein beigeben wollten, sondern die
Gewissensentscheidung für den Gang zum Abendmahl ins Spiel brachten, in die
auch ein Bischof dem einzelnen Christenmenschen nicht hineinfuhrwerken darf,
drohte der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky katholischen Priestern, die am gemeinsamen
Mahl teilnehmen, sogar mit der Suspendierung vom Dienst. Denn nach Auffassung
des katholischen Lehramts sind evangelische Pfarrer nicht gültig geweiht, dürfen
aus diesem Grund auch nicht rechtmäßig Brot und Wein austeilen. Evangelische
Christen sind auch nur in "geistlichen Notlagen" (zu denen der ökumenische
Kirchentag ganz offensichtlich nicht gehört) und in Todesgefahr am katholischen
Tisch des Herrn willkommen.
Anders bewerten das
die Evangelischen: Sie wollen auch weiterhin alle getauften Christen, ohne
Ansehen der Konfession, einladen zum Abendmahl und nicht unterscheiden zwischen
dem protestantischen und dem katholischen Tisch. Um aber einem handfesten
Streit auszuweichen, mahnt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
"zur Geduld". Protestanten sollten die ablehnende Haltung der
katholischen Kirche "achten", appellierte Anfang des Jahres der
EKD-Ratsvor- sitzende Manfred Kock.
So ist formal die
Tischordnung nach alter Kirchenvater Sitte streng geregelt. Wie sie sich in der
Praxis bewahren wird, bleibt abzuwarten. Denn woran will ein katholischer oder
ein evangelischer Hirte sei ne Schäfchen erkennen? Und was wird er tun, wenn
sich ein falscher Christ am Tisch einfindet?
23.4.03
Quelle: Frankfurter
Rundschau S. 2