Beim Abendmahl scheiden sich die Geister zwischen den Konfessionen - auch vor dem ersten ökumenischen Kirchentag

 

Mehr als nur eine Frage der Tischordnung

 

Von Katharina Sperber

 

Die Idee zum Fest wurde 1996 geboren, die ersten Einladungen gingen ein Jahr später raus und inzwischen ist abzusehen, dass weit mehr als hunderttausend Gaste vom 28. Mai his 1. Juni in Berlin den ersten ökumenischen Kirchentag feiern werden. Katholiken und Protestanten wollen unter dem Leitwort "Ihr sollt ein Segen sein" gemeinsam tanzen, singen, Posaunen blasen, disputieren -und natürlich auch streiten. Oder wie man bei Kirchens meist etwas salbungsvoller sagt: sich und der Gesellschaft des christlichen Glaubens, der frohen Botschaft von Gott und Jesus Christus, versichern. Ein Fest aber ohne Essen und Trinken ist alles nichts. Und so wird auch in Berlin in vielen Kirchen oder unter freiem Himmel das Brot gebrochen, der Wein getrunken werden. Fast a1le Religionen kennen das Mahl als Ausdruck spiritueller Erfahrung. Für die Christen aber ist das Abendmahl, auch Eucharistie genannt, zu einem der zentralen Symbole geworden. Es ist nicht nur die Erinnerung an das letzte Essen, das der Gottessohn mit seinen Anhängern gemeinsam einnahm, ehe er ans Kreuz genagelt wurde. Brot versinnbildlicht bis heute den Körper Jesu, der Wein sein Blut, das - so glauben die Christen - vergossen worden ist, um die Welt vom Bösen zu erlösen. Christen jeglicher Konfession empfinden mehr oder weniger "die geheimnisvolle Gegenwart" ihres Erlösers, wenn sie in ihren Gottesdiensten das Abendmahl feiern.

 

Bietet sich also in den Grundüberzeugungen kein Grund zum Streiten. Wenn da nicht die Fragen der Sitzordnung und der Bedienung wären: Wer lädt ein zum Tische des Herrn in Berlin? Formal ist diese Frage schnell beantwortet: die Gastgeber, die beiden Laienbewegungen der großen Kirchen: Evangelischer Kirchentag und Zentralkomitee der Katholiken. Und ginge es nach ihnen, dann feierten Katholiken und Protestanten gemeinsam die Eucharistie. Lange hegten die Veranstalter die Hoffnung, dass dies 500 Jahre nach der Reformation des Dr. Martin Luther zu bewerkstelligen sei. Aber der kühne Plan ist - zumindest für diesen Kirchentag - zerstoben.

 

Denn inzwischen haben sich die Restaurantbesitzer, die Kirchenherrn, zu Wort gemeldet. Am Donnerstag vor Ostern manifestierte der Papst, als Chef der katholischen Restaurant-Kette, die altbekannte Tischordnung in einer Enzyklika: Katholiken und Protestanten dürfen nicht gemeinsam das Abendmahl einnehmen. Und unterstütze so noch einmal die Katholische Deutsche Bischofskonferenz, die schon Wochen vorher gewarnt hatte: mit dem gemeinsamen Mahl sei die "Treue zu Gottes Wort und der apostolischen Überlieferung in Gefahr", denn: "Der Glaube der Apostel ist keine Handelsware, die beliebig zur Verfügung steht." Ökumenische Erfolge, das Zusammengehen der Konfessionen, ließen sich nicht "durch Abschleifen der Profile" erreichen.

 

Und weil katholische Reformbewegungen nicht klein beigeben wollten, sondern die Gewissensentscheidung für den Gang zum Abendmahl ins Spiel brachten, in die auch ein Bischof dem einzelnen Christenmenschen nicht hineinfuhrwerken darf, drohte der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky katholischen Priestern, die am gemeinsamen Mahl teilnehmen, sogar mit der Suspendierung vom Dienst. Denn nach Auffassung des katholischen Lehramts sind evangelische Pfarrer nicht gültig geweiht, dürfen aus diesem Grund auch nicht rechtmäßig Brot und Wein austeilen. Evangelische Christen sind auch nur in "geistlichen Notlagen" (zu denen der ökumenische Kirchentag ganz offensichtlich nicht gehört) und in Todesgefahr am katholischen Tisch des Herrn willkommen.

 

Anders bewerten das die Evangelischen: Sie wollen auch weiterhin alle getauften Christen, ohne Ansehen der Konfession, einladen zum Abendmahl und nicht unterscheiden zwischen dem protestantischen und dem katholischen Tisch. Um aber einem handfesten Streit auszuweichen, mahnt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) "zur Geduld". Protestanten sollten die ablehnende Haltung der katholischen Kirche "achten", appellierte Anfang des Jahres der EKD-Ratsvor- sitzende Manfred Kock.

 

So ist formal die Tischordnung nach alter Kirchenvater Sitte streng geregelt. Wie sie sich in der Praxis bewahren wird, bleibt abzuwarten. Denn woran will ein katholischer oder ein evangelischer Hirte sei ne Schäfchen erkennen? Und was wird er tun, wenn sich ein falscher Christ am Tisch einfindet?

 

23.4.03

Quelle: Frankfurter Rundschau S. 2